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Theater:Cool in der Krise

Apokalypse nach der Offenbarung des Johannes, Volksbühne Berlin

Der Abgrund ist quadratisch und gelb - Szene aus "Apokalypse" nach der Offenbarung des Johannes.

(Foto: Thomas Aurin)

Die Berliner Volksbühne macht trotz der aktuellen Turbulenzen das, was sie am besten kann: gutes Theater. Herbert Fritschs Inszenierung der "Apokalypse".

Von Peter Laudenbach

Beim Blick in den Abgrund kann einem schwindelig werden. An der Berliner Volksbühne ist der Abgrund quadratisch, und er leuchtet gelb. Ein älterer, möglicherweise etwas verwirrter Mann im ebenfalls gelben Seidenanzug umkreist dieses Loch, als wäre es der Eingang zur Hölle oder sein eigenes Grab. Wie im Fieberwahn brechen die Worte aus diesem seltsamen Propheten heraus, und was ihm höhere Mächte zu sagen aufgetragen haben, klingt nicht nett. Von Drachen und Folterqualen, von stachelbesetzten Schwänzen und giftigem Wasser, von gefährlichen Engeln, Strömen von Blut, der Stille am Himmel und Menschen, die den Tod wie eine Erlösung suchen, geht seine Rede. Wir haben es offenbar mit einem Fall von schwerer Transzendenz-Verstrahlung zu tun.

Die Berliner Volksbühne war seit jeher offen für den Flirt mit den Mächten der Finsternis, aber diesmal braucht sie dafür weder den Amoralismus Dostojewskis noch den Genossen Stalin, sondern die Fiebervisionen des frühen Christentums. Herbert Fritsch, sonst der virtuoseste Dadaist des deutschen Theaters, hat die apokalyptischen Offenbarungen des Johannes als Ein-Mann-Solo-Performance eines erleuchteten Deliriums inszeniert. Wie ein drohendes Versprechen, das uns das verdiente Strafgericht verkündet, prangt der Titel des Abends an der wuchtigen Fassade der Volksbühne: Apokalypse.

Das passt natürlich zu den heftigen Auseinandersetzungen um die Zukunft des Theaters, des Panzerkreuzers am Rosa Luxenburg Platz. Dass der Museumsmanager Chris Dercon die Ära Castorf beenden und das Haus im kommenden Jahr übernehmen soll, wird nicht nur von den Mitarbeitern des Theaters als feindliche Übernahme empfunden. Aber nichts liegt Fritsch mit seiner Inszenierung ferner, als das Ende der Volksbühne mit dem Weltuntergang zu verwechseln. Dercon als Fürsten der Finsternis zum Thema der Aufführung zu machen, wäre etwas zu viel der Ehre. Die für solche Gesten nötige Larmoyanz geht Fritsch entschieden ab.

Für den Soundtrack zum Untergang ist Elektronik-Gott Ingo Günther zuständig

Stattdessen macht die Volksbühne im Angesicht ihres nahenden Endes einfach sehr cool und souverän das, was sie am besten kann: unverwechselbares Theater. Der Abend gilt dem Jüngsten Gericht, nicht den jüngsten Gerüchten um die möglichen - oder unmöglichen - Pläne Dercons. Trotzdem oder gerade deshalb ertappt man sich beim Zusehen bei leichten Anfällen von Melancholie. Kaum zu glauben, dass das alles in gut einem Jahr vorbei sein soll und dass man dann zum Beispiel solch heiter irrlichternde Fritsch-Abende nie wieder sehen wird, zumindest nicht an diesem Tatort, an dem Fritsch und viele andere Ausnahmefiguren ihre Kunst entwickelt und ausgeprägt haben.

Statt sich von den Kleinigkeiten der Berliner Kulturpolitik behelligen zu lassen, überlässt sich der Herr im gelben Anzug den Schreckensbildern, die aus dem Jenseits, aus der Zukunft, von überspannten Theologie-Studien oder aus seinen eigenen, drogeninduzierten Wahnwelten kommen. Wolfram Koch spielt diesen Entertainer des Grauens als gekonnte Mischung aus Catweasel, irrem Seher und Vaudeville-Clown. Er tänzelt durch die Albtraumszenarien, von denen er erzählt, und kommentiert sie ab und zu mit ironisch verspielten Gesten. Zu den Erdbeben, die die Welt in Trümmer legen, führt er einen kleinen Zuck-und-Wackel-Tanz auf. Den Flügelschlag der Engel wiederholt er mit seinem Jackett, und die tönenden Posaunen des Jüngsten Gerichts werden bei ihm zu einem anmutigen Tröten. Für den Soundtrack zum Untergang ist der Elektronik-Gott Ingo Günther zuständig, der von feinstem Sirren über psychedelische Echo-Räume bis hin zum mächtigen Wummern aus dem Erdinneren über die Klangwelten für die Reise ans Ende der Zeiten gebietet.

Wolfram Koch lässt den Texten der Luther-Übersetzung ihre monströse Rätselhaftigkeit und versucht erst gar nicht, sie psychologisch realistisch auf Menschenmaß zu verkleinern oder wohlig im Schauder des Schreckens zu baden. Wie um den Text noch etwas fremder zu machen, zerdehnt und zersingt er die Vokale und verwischt kunstvoll die Konsonanten, bis die Sätze zu einer Jenseitsmelodie vom Ende der Menschheit werden. Zwischendurch erlaubt er sich eine Himmelfahrt gen Schnürboden, um auf einer leuchtenden Showtreppe herab zur Erde und weiter zur Hölle zu schreiten. Je düsterer die Texte werden, je blutroter der Horizont glüht, desto leichter scheint Koch zu schweben: der Schreckensmann als Äquilibrist. Ist der Beginn des neunzig Minuten kurzen Abends etwas zäh, schon weil man sich erst an die archaische Sprache gewöhnen muss, entwickelt er zunehmend einen gespenstischen Sog. Wenn die Welt schon untergehen muss, dann doch bitte zur Musik von Ingo Günther und begleitet von den Tänzen und Satzgirlanden Wolfram Kochs.

© SZ vom 24.06.2016

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