Theater Bonn Die Welt wird in Bonn gerettet

Die immer noch idealistische Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp verabschiedet sich mit Lothar Kittsteins "Schlafende Hunde" aus der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn.

Von Martin Krumbholz

Nostalgie könnte man nennen, was den Musikmanager Danni dazu bewegt, einen vergessenen Schlagerstar, den "fulminanten Frank", zu neuem Leben zu erwecken. Nicht nur das, Danni will Frank sogar mit dessen ehemaliger Partnerin Claudia versöhnen. Denn die Leute, so Dannis These, möchten sich an alte, an bessere Zeiten erinnern. Frank trumpft also gleich auf, in giftgrünem Glitzeranzug und pechschwarzer Pilzkopf-Perücke, Claudia dagegen, die mit ihrem erwachsenen Sohn noch immer im Elternhäuschen lebt, widerstrebt der Plan der beiden Nostalgiker, deren Motive als egoistisch zu durchschauen sind.

Auch Lothar Kittsteins Stück "Schlafende Hunde", das in der Werkstatt des Bonner Theaters uraufgeführt wurde, bedient den Nostalgie-Effekt: ein Plot mit überraschenden Wendungen, darauf basiert eine beinahe vergessene Kardinaltugend der Stückeschreiberei, auf die der Autor sich beruft. Er ist in Bonn auch als Dramaturg tätig. Und schließlich: Selbst die Regie von Stefan Rogge schließt sich diesem Nostalgie-Trip an. Solch einen Triumph des Handwerks erlebt man ja nicht mehr alle Tage, und schon gar nicht auf einer Studiobühne. Sie ist eine unvollständige, aber naturalistisch ausgeführte Filmset-Kulisse (von Malte Lübben), auf der präzise gesteuerte Figuren agieren, den Kaffee, der auf der Bühne gefiltert wird, riecht man noch in der letzten Reihe.

Die vier Schauspieler sind verlässlich. Einmal sucht der Danni-Darsteller Alois Reinhardt vergeblich ein klingelndes Handy, und der Zuschauer ertappt sich bei dem Gedanken: So eine Panne kann nur passieren, weil das Mobiltelefon mit dieser liebenswerten Art und Weise, ein Theaterstück aufzuführen, im Grunde nicht kompatibel ist.

Was Bramkamp am Herzen lag, war die Vernetzung mit der Stadt

Es ist die letzte Premiere unter der Schauspieldirektion von Nicola Bramkamp. Nach fünf Jahren nimmt sie ihren längst angekündigten Abschied von Bonn - wegen der offenbar nicht zu verbessernden finanziellen Situation der Schauspielsparte. Ausschlag gab wohl die Tatsache, dass mit dieser Saison auch noch die Experimentierbühne in Bonn-Beuel aufgegeben werden musste, die dritte Spielstätte neben der kleinen Werkstatt im Opernhaus und den Godesberger Kammerspielen, einem früheren Kino.

Nicht erst seit Bramkamps Antritt, sondern schon weit länger wird in Bonn, der sogenannten Bundesstadt, über den ökonomischen Status des Theaters, insbesondere des Schauspiels, debattiert. Intendant Bernhard Helmich, der in Bonn bleibt und Bramkamp durch den jetzigen Chefdramaturgen Jens Groß ersetzt, ist eher ein Mann der Oper. Er hat, auch den groteskesten rheinländischen Politikereinfällen zum Trotz, sein Bestes getan, um das Schauspiel zu unterstützen. Es war indes, jedenfalls in Bramkamps Augen, nicht genug.

Als rührige Kämpferin, man könnte sie auch eine Idealistin nennen, hat Nicola Bramkamp in Bonn versucht, eine Balance zu finden zwischen unterhaltsamem Aufklärungs- und aufgeklärtem Unterhaltungstheater. Dieser Nostalgie-Abschiedsabend ist dafür eher untypisch. Gemeinsam mit ihrer Hausregisseurin Alice Buddeberg hat die Direktorin beispielsweise den Kontinent Shakespeare erkundet, so die selten gespielten "Rosenkriege". Was Bramkamp allerdings besonders am Herzen lag, war die Vernetzung mit der Stadt Bonn. Eine größere Rolle spielte dabei Regisseur Volker Lösch. Er machte ein Stück über schlagende Studentenverbindungen und, unter dem provokanten Titel "Bonnopoly", eines über den Skandal um das sogenannte "Weltkongresszentrum Bonn" - ein Verlust für die Stadt in dreistelliger Millionenhöhe. Da nehmen sich die (fehlenden) Subventionen für eine zum Zweispartenhaus geschrumpfte ehemalige Bundesrepräsentationsbühne bescheiden aus.

Auch Kindesmissbrauch war ein Thema; der in Bonn geborene Schriftsteller Thomas Melle hat sich dessen in dem Stück "Bilder von uns" angenommen. Nicht weniger als die ganze Welt wollte Nicola Bramkamp schließlich mit "Save the world" retten. So heißt das von ihr begründete, jährlich stattfindende Umwelt-Festival, bei dem Wissenschaft und Kunst zu einer gelungenen Symbiose geführt wurden.

Dazu hat Bramkamp sich noch aus einem anderen Fenster gelehnt: Gemeinsam mit der Bochumer Schauspielerin Lisa Jopt hat sie zu einem feministischen Kongress ausschließlich weibliche Theaterschaffende nach Bonn eingeladen, um über Anliegen zu debattieren, die speziell Frauen am Theater betreffen, von "Me Too" über den "Gender Pay Gap" bis hin zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf - lauter Themen, die in der von Männern geprägten Theaterwelt eher eine untergeordnete Rolle spielten. Der "Babysitterzuschlag" für Eltern unter angestellten Künstlern wird sich in Zukunft vielleicht so wenig finanzieren lassen wie andere Projekte, die Nicola Bramkamp initiiert hat. Aber wie man die Direktorin kennt, wird sie die Welt doch noch retten.