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Theater:Bitte auf die Bühne schauen, bitte?!

Seins oder nicht seins? Der britische Filmstar Benedict Cumberbatch spielt den Hamlet am Barbican und ganz London steht kopf.

Von Alexander Menden

Immer, wenn einer der großen Monologe ansteht, kommt alles andere zum Stillstand. Nicht nur auf der Bühne lassen die übrigen Darsteller das Darstellen ruhen - oder verlangsamen es zu einem Zeitlupenreigen -, auch dem Londoner Publikum scheint der Atem zu stocken. Es ist, als setze ein Startenor zur Bravour-Arie an. Der Star enttäuscht in diesen Momenten nicht: Als Benedict Cumberbatchs Hamlet auf die Festtafel von Helsingör steigt und sich wünscht, sein allzu festes Fleisch möge schmelzen, tut er es mit einer wehmütigen Dringlichkeit, die aus dieser bis in jeden Winkel ausgeleuchteten Rede herauszuholen wirklich nicht leicht ist. Wenn er den Schädel des alten Narren Yorick betrachtet, klingt sein "Ich kannte ihn, Horatio!" wie eine mit dem Gerippe ausgegrabene Kindheitserinnerung.

In vielem erinnert diese Hamlet-Inszenierung tatsächlich eher an Oper als an Sprechtheater, und ihr Startenor heißt Cumberbatch, der blassäugige Sherlock Holmes mit den messerscharfen Wangenknochen, ein hysterisch verehrtes Idol, wie man es am britischen Theater seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Lyndsey Turners Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" am Barbican war angeblich die am raschesten ausverkaufte Produktion in Londons langer Theatergeschichte.

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass eine Londoner Theaterproduktion mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle noch kein Medienereignis war. Als er zum Beispiel 2008 in der Uraufführung von Martin Crimps "The City" am Royal Court Theatre einen unerwartet entlassenen Banker spielte, erhielt er zwar einiges Lob für seine wunderbar zurückgenommene, Darstellung, aber Katie Mitchells selten ausverkaufte Produktion war nur ein Saisonprogrammpunkt unter vielen. Und selbst in Danny Boyles "Frankenstein" am National Theatre, für den Cumberbatch 2011 immerhin den britischen Theater-Oscar, den Olivier Award, gewann, war nicht er der Star, sondern der Regisseur. Dem Rummel nach zu urteilen, der diesmal schon Monate vor der Premiere herrschte, sind solche Zeiten vorbei.

Am Eingang muss jeder Zuschauer einen Ausweis vorzeigen, damit sein Name mit jenem abgeglichen werden kann, der auf dem Ticket steht; das soll Schwarzmarktwucher vorbeugen. Nach den ersten Voraufführungen sah Cumberbatch sich gezwungen, persönlich darum zu bitten, während der Vorstellungen das Fotografieren per Handy zu unterlassen, weil die vielen Lichter im Publikum doch arg störten. Die Fans haben sich diese Sensibilität so weit zu eigen gemacht, dass dem Rezensenten von seiner Sitznachbarin fast das Programm aus der Hand geschlagen wird, als er es wagt, darin während der Aufführung etwas nachzusehen. "Können Sie bitte auf die Bühne schauen, bitte!", zischt sie spürbar erzürnt. Am Ende wird sie sich, wie der halbe Saal, zu einer Ovation erheben und jeden, der nicht aufsteht, mit missbilligenden Blicken strafen.

Die einen kommen, um Sherlock zu sehen, die anderen verehren ihn als Alan Turing

Schwer zu sagen, ob Benedict Cumberbatchs Ruhm als zeitgenössischer, zwischen Brillanz und Autismus oszillierender BBC-Sherlock-Holmes am meisten zu dieser Hysterie beigetragen hat, seine Auftritte in Blockbustern wie "Star Trek", oder doch seine Oscar-nominierte Darstellung des Computergenies Alan Turing. Sicher zu sein scheint, dass nicht nur die vielen, mehrheitlich weiblichen, Fans im Barbican dem Starkult mehr Bedeutung beimessen als der Produktion selbst. Auch die Zeitungen hielten sich diesmal nicht an die üblichen Gepflogenheiten. Dass viele Besprechungen auf Voraufführungen basierten (im britischen Theater, das meist erst Wochen nach dem ersten Preview zur Presseaufführung lädt, ein absoluter Fauxpas) führte zu Auseinandersetzungen zwischen jenen Kritikern, die in eine Preview gegangen waren und solchen, die sich an die Regeln halten wollten. Zumal die voreiligen Besprechungen scharf kritisierten, dass in den frühen Versionen der "Sein oder Nichtsein"-Monolog ganz an den Anfang des Stückes gestellt worden sei, als wollte Lyndsey Turner den größten Hit gleich aus dem Weg räumen. Betrachtet man sich das Ganze in der ersten regulären Aufführung, nun, da auch der Stress der Press Night hinter dem Ensemble liegt, stellt man fest, dass diese Textumstellung nun geändert worden ist, Hamlet aber noch immer die erste Szene hat - gleich zu Beginn begrüßt er Horatio, der Auftritt des Geistes muss warten.

Turner hat ein starkes Ensemble um die Zentralfigur Cumberbatch versammelt: Bei Ciaran Hinds schimmert durch das Charisma immer eine Eitelkeit hindurch, die seinen Claudius letztlich zu Fall bringen wird; der verlässlich brillante Leo Bill verleiht als Horatio den Geschehnissen ein erdendes, zutiefst menschliches Element. Nur Sian Brooke wirkt als weinerliche, von Beginn an psychisch instabile Ophelia überfordert.

Die schauspielerischen Bemühungen verblassen aber über weite Strecken vor der Materialschlacht der Produktion. Bühnenbildnerin Es Devlin hat Helsingör als gigantischen Palast gebaut, die Wände sind in der türkisfahlen Modefarbe "Teal" gehalten, und zum Hinsehen gibt es immer etwas: die Porträts und Schwerter an den Wänden, die Kristallleuchter, die Kirschblütenarrangements und Hirschgeweihe, die Ballkleider und goldbetressten Uniformen - es ist, als sei man in einer Produktion von Johann Strauß' "Fledermaus" aus den Fünfzigerjahren gelandet.

Stöhrende Berühmtheit: Cumberbatch werde keine Autogramme geben, erklärt dieses Schild.

(Foto: twitter)

Bei allem Trubel fast vergessen: Was für ein hervorragender Schauspieler Cumberbatch ist

Es gibt ein paar nette Knalleffekte, wie die Konfettikanonen, die vor der Pause losgehen und den Palast - Achtung, hier bricht die Ordnung zusammen! - in einen Schutthaufen verwandeln. Diese Optik erschlägt den Inhalt, und auch die Kürzungen und Umstellungen - am sonst so texthörigen britischen Theater grundsätzlich zu begrüßen - scheinen eher auf die rhythmische Durchformung in der Art eines Best-of-Albums abzuzielen als auf eine stringente inszenatorische Idee. Alles wird dem Guckkastenprinzip untergeordnet. Das geht so weit, dass man in der Szene, in der Hamlet Claudius mit einer Theaterinszenierung des Mordes überführt, nichts von Claudius' Reaktion auf den Bühnenmord mitbekommt, weil der Hofstaat mit dem Rücken zum Publikum der aufwendigen Show in der Show beiwohnt.

Der Gefahr, ganz zu scheitern, entgeht der Abend vor allem dank seines Hauptakteurs. Denn bei allem Trubel kann dann doch nicht ganz aus dem Blick geraten, was für ein hervorragender Schauspieler dieser Benedict Cumberbatch ist. Und wenn ihm schon in regelmäßigen Abständen die Bühne frei geräumt wird, dann hat man in ihm wenigstens einen Darsteller, der sie zu füllen weiß. Selbst die Albernheiten seines vorgetäuschten Wahnsinns, die darin gipfeln, dass er sich als Zinnsoldat verkleidet und in einer Spielburg verschanzt, zeugen von einer Durchdringung der Figur, von der seine Regisseurin weit entfernt ist.

Trotz des Zauderer-Klischees ist Hamlet ja tatsächlich ein unaufhörlich Handelnder. Dieses Vorwärtsdrängen, ohne je ans Ziel zu gelangen, verkörpert der sehnige Cumberbatch hingebungsvoll. Wie er dem schließlich doch noch auftauchenden Geist seines Vaters - Karl Johnson als ungewöhnlich wütender Zombie - hinterher-, wie er nach dem Mord an Polonius vor seinen Verfolgern davonrennt, das ist pure, Muskel und Energie gewordene Verzweiflung. Und vor die Entscheidung zwischen Sein oder Nichtsein gestellt, führt Cumberbatch exemplarisch die rapide Zerrüttung eines vernunftgelenkten Geistes durch unbewältigte Trauer vor. Die introspektiven Zäsuren der Monologe bieten das, was man von den besten Hamlets erwartet: meisterhafte, wie zum ersten Mal gesprochene Lesarten zentraler Texte der dramatischen Weltliteratur. Würde, die nie bleiern wirkt, Intelligenz, die sich ihrem selbst herbeigeführten Untergang nicht entziehen kann - Benedict Cumberbatch hätte als Rahmen für diese Leistung etwas Besseres verdient gehabt als eine bombastische Hamlet-Eventmaschine.

© SZ vom 28.08.2015
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