Theater Berlin Generationen wechseln, das Drama bleibt

Sebastian Hartmann und Martin Laberenz mischen das Deutsche Theater in Berlin auf, mit einem Mix aus Ibsen, Strindberg, Heine und Jelineks "Wut".

Von Mounia Meiborg

Wenn im Foyer des Deutschen Theaters jemand eine grüne Jogginghose trägt, weiß man, dass Sebastian Hartmann inszeniert. Der Regisseur hat sich den Ruf als Bürgerschreck hart erarbeitet. Erst in der Leipziger Off-Szene, dann an der Volksbühne, dann als Intendant des Leipziger Centraltheaters. Zwischendurch gab es noch einen Vorfall, der den Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier und dessen Spiralblock betraf.

Weil die Leipziger Kulturpolitik sich nicht länger von ihm die Stadt aufmischen lassen wollte, inszeniert Sebastian Hartmann nun andernorts. Das Deutsche Theater in Berlin ist dabei zu einer Art Auffangbecken für die alte Leipziger Truppe geworden. Zwei Tage nach Hartmann war sein einstiger Hausregisseur Martin Laberenz dran, mit Elfriede Jelineks "Wut". Teile des alten Publikums haben die beiden mitgebracht. Im Zuschauerraum treffen Jogginghosen auf Anzüge. Ein Hauch von Volksbühne weht durch die Kronleuchter. Und man muss sagen: Das bekommt dem Deutschen Theater ziemlich gut.

Sebastian Hartmann verschneidet drei Texte zu einem düster-romantischen Abend über familiären Horror und seine ewige Wiederkehr. "Gespenster" heißt das Stück, nach Ibsens Drama über eine Mutter, die erkennen muss, dass der Sohn wie der untreue Vater geworden ist. Als Gegenstück dient Strindbergs "Der Vater" über einen Mann, der fürchtet, nicht Vater seiner Tochter zu sein. Und als poetischen Kontrapunkt zum nüchternen Naturalismus gibt es Gedichte von Heinrich Heine, etwa aus "Deutschland. Ein Wintermärchen".

Angesiedelt ist die Collage in einem Schattenreich wie von Edgar Allan Poe. Nebel türmt sich auf, schwarze Figuren huschen vorbei. Ein gebogener Steg führt ins Nichts. Die Filmprojektion, die sich über die Bühne ergießt, lässt einen schwindeln. Eine E-Gitarre kündet von dem, was noch kommen wird, dunkel und drohend.

Geradlinig durcherzählt wird keines der beiden Dramen. Stattdessen gibt es Kernszenen und wiederkehrende Motive. Liebe ist hier abhanden gekommen, wenn sie überhaupt mal da war. Übrig blieben mühsam versteckte Kränkungen und Schuldgefühle. Auch zwischen Eltern und Kindern kann von Liebe kaum die Rede sein: Es geht um Eitelkeit, Manipulation und Dominanz. In diesem frostigen Klima sind Lebenslügen die bevorzugte Strategie.

Almut Zilcher spielt eine Frau (Helene Alving aus "Gespenster"), die schizophren geworden ist, weil die Kluft zwischen Sein und Schein zu groß war. Eine einleuchtende Lesart. Und wie Zilcher das macht, mit einem unsicheren Lächeln auf den Lippen und leicht panischer Wachsamkeit, ist toll.

Die Szene zwischen ihr und ihrem Sohn wird gedoppelt, auch von älteren Schauspielern - Gabriele Heinz und Markwart Müller-Elmau - gespielt. Die Generationen wechseln, das Drama bleibt. Auch wenn die Damen stilvolle Gründerzeitkleider (von Adriana Braga Peretzki) tragen - zwischen 1881 und 2017 hat sich vielleicht nicht so viel verändert, wie wir gern glauben würden. Die naturalistische Determinationslehre mag überholt sein. Aber dem Glauben an die Wiederholbarkeit familiärer Muster kann sich kaum jemand entziehen. Aufklärung? Psychoanalyse? Hippietum? Hat alles nichts genützt.

Katrin Wichmann und Felix Goeser zeigen, dass Höflichkeit das Schlimmste ist, was einem Paar passieren kann. Bevor auch ihre Gewohnheit (als Laura und Rittmeister in "Der Vater") aufbricht und sie sich einen erbitterten Kampf liefern. Grandios, wie Katrin Wichmann das spielt - eine kluge Manipulatorin und Fallenstellerin. Es sind vielleicht diese feinziselierten - und ja, Sebastian Hartmann: psychologischen - Szenen, die am stärksten sind. Das verkrampft Ödipale nervt ein bisschen, dass der Sohn unbedingt noch schnell die Mutter vergewaltigen muss ... Oft aber ist dieser Abend zart und poetisch, witzig und bilderstark. Ein Märchen aus einer gar nicht so fremden Welt.

Jelineks "Wut" ist ein ungewöhnlich ernster Text, das Grundgefühl: Ohnmacht

Nach Psychologie sucht man bei Elfriede Jelinek natürlich vergebens. Ihr Stück "Wut" ist ein ausufernder Stimmenchor. Islamistische Attentäter treten auf, Pegida-Anhänger und eine überforderte Autorin. Anlass waren die Anschläge auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris. Jelinek assoziiert sich in ihrer Suada frei durch die Weltgeschichte und macht Halt bei der griechischen Mythologie, der Bibel und der Gegenwart, in der Morden zum medialen Akt geworden ist. Es ist ein ungewöhnlich ernster Text, das Grundgefühl: Ohnmacht. Und es ist nicht Jelineks stärkster. Den vielen Abzweigungen kann man kaum folgen; in dem Gedankenstrom kommt es nur selten zu einer inhaltlichen Verdichtung.

Martin Laberenz, der das Stück in den Kammerspielen des Deutschen Theaters inszeniert, holt da schon ziemlich viel raus. Vor allem mehr Witz, als man für möglich gehalten hätte. Bisher war Laberenz in Berlin eher unangenehm aufgefallen. Zweimal hat er bei den Autorentheatertagen, einem Festival zur Förderung neuer Dramatik, die Stücke junger Autoren zerfleddert und lächerlich gemacht. Hier aber kann er sein Talent zur Gaudi ausleben - und wird sogar dem Text gerecht. Die fünf Schauspieler nähern sich dem Thema Terror, wie es die meisten tun: aus der Distanz. In Abendgarderobe und bei einem Glas Champagner plaudern sie über Anschläge. Aber die Gläser sind aus Plastik und der Champagner nur Wasser, wie Andreas Döhler feststellt. Er fängt an zu schimpfen und zu toben - Wut braucht halt nicht immer einen Grund. Überhaupt, Andreas Döhler: ein Wahnsinns-Schauspieler. Egal ob er als sächselnder Pegida-Redner einen großen Auftritt hat, die Arme bewegt, als würde sich sein Körper gleich verflüssigen oder selbstversunken auf und ab tänzelt: immer ist da eine feine Ironie und ein jugendhafter Spaß. Auch die anderen sind gut: Anja Schneider mit unglaublich präziser Sprechweise, Sabine Waibel als betrogene Elfi, Linn Reusse als Attentäter und Sebastian Grünewald als Waffenfetischist.

Im Laufe des Abends wird die Bühne verwüstet. Zeus, Jesus und - warum auch nicht? - ein Hahn treten auf. Die Musiker - die bemerkenswerte Friederike Bernhardt an Keyboard und Synthesizer und ein Schlagzeuger am Percussion Pad - zeigen, was sie können und drehen ihren eigentümlichen Electro-Sound auf.

Am Ende haben Abba das letzte Wort: "I wish I understood" heißt es in ihrem Lied "SOS". Antworten gibt's an diesem Abend keine. Dafür ein Eingeständnis der eigenen Überforderung. Und eine Erschöpfung, die glücklich macht. Fast wie an der Volksbühne.