Theater Avantgarde der Geister

Mit großer Lust am Schrägen: Florian Lutz inszeniert am Theater Regensburg Heinrich Marschners Oper "Hans Heiling"

Von Egbert Tholl

An der Eger gibt es einen Felsen, dessen Geschichte die Gebrüder Grimm notierten. Dieser Felsen heißt "Hans Heilings Felsen", und wenn die Grimms über ihn schrieben, dann kann man sich denken, dass er einst etwas ganz anderes war. Das stimmt, aber der Felsen ist nicht etwa der versteinerte Hans Heiling. Sondern eine zu Stein gewordene Hochzeitsgesellschaft. Und natürlich hatte dabei der Teufel seine Hände mit im Spiel: Heiling, reich und eigenbrötlerisch, wollte heiraten, doch schließlich wählte die anfangs nicht abgeneigte Braut einen anderen. Auf der Hochzeit tauchte der erboste Heiling auf, und versprach sich dem Teufel, wenn dieser alle Anwesenden vernichte. Das geschah im Handumdrehen, die Gesellschaft wurde zu Stein, Heiling sprang in die Eger, die Grimms schrieben es auf, und einige Zeit später machte daraus Heinrich Marschner eine Oper.

Diese erlebt gerade, rund 180 Jahre nach ihrer Uraufführung und einer daran anschließenden, ebenso beeindruckenden wie dann auch endenden Erfolgsgeschichte, eine Renaissance: Gerade kam "Hans Heiling" am Theater an der Wien heraus, am Samstag, 19. September, hat sie nun Premiere in Regensburg. Und selbst wenn man von der Wiener Produktion nur die Berichte kennt, kann man sich doch in einem recht sicher sein: Die Regensburger sind lustiger.

Der Regensburger Intendant Jens Neundorff von Enzberg hat sich von seiner Vergangenheit als Leiter verschiedener experimenteller Opernreihen die Lust am Schrägen bewahrt. Irgendwo scheint er aus dieser Zeit noch eine Liste zu haben, auf der stehen seltsame Dinge, die keiner kennt und kaum jemand macht, die er aber liebt und ermöglicht, wenn er den Richtigen dafür findet. Den hat er nun gefunden in Gestalt von Florian Lutz, einem jungen, unkonventionellen und klugen Opernregisseur, der in einem Jahr Operndirektor in Halle wird. Beide waren sich offenbar über bestimmte Dinge schnell einig: Man kann diese Oper nicht ernst nehmen. Aber es lohnt sich, sie auf die Bühne zu bringen.

Der unfreiwillige Unernst liegt zum einen in der Geschichte, die weit über die des oben erwähnten Felsen hinausgeht: Hans Heiling, Prinz der Erdgeister, liebt das Menschenkind Anna, die zunächst von seinem Reichtum begeistert ist. Die Klunker findet auch Annas Mutter toll, während der liebestolle Jäger Konrad Heiling gern erstäche. Die Not für die Tat nimmt ihm die Erdgeisterkönigin, Heilings Mama, ab, indem sie Anna von der Geisterhaftigkeit ihres Bräutigams überzeugt. Anna kriegt Angst, nimmt dann halt doch den Jäger und Mama Erdgeist nimmt ihren Sohn wieder mit in ihr Reich. Also: Erdgeist, bleib bei deinem Leisten, und du Erdling, schiele nicht aufs viele Geld.

Doch Marschner, der Hundling, hat die Geisterwelt in grandiosen Farben ausgemalt, hantiert mit Melodramen, mit aberwitzigen Formen: Die Ouvertüre kommt nach der ersten Szene, die große Arien der Erdgeistkönigin ist ein dramatisch hochspannendes Tableau mit dem Chor zusammen. Die Menschwelt klingt da eher konventionell, auch albern - über weite Strecken so, als hätten Carl Maria von Weber und Rossini zusammen eine Oper komponiert. Doch die Geister sind Avantgarde.

Und da die nun das Geld haben, die auf Erden aber nicht, macht Florian Lutz daraus Agitprop mit Show. Vor der Ouvertüre ist das Publikum auf der Bühne versammelt, die Sänger geben ihm etwas zu tun, Geld sortieren etwa, bis ein Moderator die Sache in die Hand nimmt und die Zuhörer aufteilt. Die "Reichen" dürfen zu den Geistern ins Parkett, die Malocher bleiben auf der Bühne. Und da man dies eben halt auch mit Publikum einmal ausprobieren muss, öffnete das Theater eine Probe, weshalb man nun schon einen recht guten Eindruck haben kann, was am Samstag passieren wird: etwas sehr Ungewöhnliches.

Bei der Probe streben die Meisten dem Reichtum zu, vielleicht wollen sie auch nur ins Parkett, um das Orchester besser hören zu können. Es lohnt sich allemal, und man bleibt in der Musik, ganz physisch: Die Königin (Theodora Varga) singt mit Macht von der Fürstenloge, der Chor von den Rängen, wenn er nicht gleich ins Parkett drängt. Und dazwischen heizt der Moderator, der so die Dialoge ersetzt, den Diskurs ums Geld an, erstaunlich zwingend und gut mit den Arientexten harmonierend. Ein bisschen knirscht es zwar noch, aber schließlich ist es eine Probe. Und der 61-jährige Adam Krużel wirkt als Heiling 20 Jahre jünger, fabelhaft viril, während die Anna der Michaela Schneider als strahlendes Wirtschaftswundermädel bezaubert, auch ihren Rock'n'Roller Konrad. Dazu tost die Musik, dass die Sperrholzkulisse wackelt, im Kopf dröhnen Erkenntnisse zu Klassenkampf, Materialismus und Kapital und irgendwie geht alles auf, manchmal ein bisschen grob zwar, aber ungemein flott.

Hans Heiling, Premiere, Sa., 19. September, 19.30 Uhr, Theater Regensburg, Bismarckplatz 7, Regensburg