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Theater:Auf Jux geklobürstet

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Bettina Stucky, Ute Hannig, Lina Beckmann© Thomas Aurin, 2018

Trio infernale: Bettina Stucky, Ute Hannig, Lina Beckmann (von links).

(Foto: Thomas Aurin)

Werner Schwabs Stück "Die Präsidentinnen" ist ein Fäkaliendrama für drei Schauspielerinnen, die sich für keinen Lebensdreck zu schade sind. Viktor Bodo hat es im Hamburger Malersaal inszeniert. Leider nur komisch.

Im englischsprachigen Kabarett gibt es einen Witz, der viele Komikergenerationen überlebt hat. Er geht so: Eine Künstlerfamilie bewirbt sich bei einer Talentagentur, Vater, Mutter, Kind, auch Oma und Hund sind dabei. Die Familie hat keine Tricks einstudiert, sie furzt stattdessen, rammelt und flucht auf offener Bühne, es geht pervers zu, richtig dreckig. Am Ende fragt der schockierte Agent, unter welchem Namen die Familie denn auftreten möchte. Der Vater schnipst und sagt: "Die Aristokraten."

Werner Schwab, der 1994 gestorbene Grazer Brachialdramatiker, verpasste seinem Stück "Die Präsidentinnen" eine ähnliche Pointe: Erna, Grete und Mariedl sind keine Regierungschefinnen, sondern herrlich widerwärtige Protagonistinnen eines Fäkaliendramas, abgefuckte Furien, die in einer vollgepfropften Einzimmerwohnung die wirklich wichtigen Dinge des Lebens verhandeln. Viktor Bodo hat das Stück im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses inszeniert, es ist ein Theaterabend wie ein Nachmittag auf RTL2, mit Sex, Scheißdreck und anderen Sauereien.

Erna (Ute Hannig) hat einen Sohn, der "dem Verkehr" abgeschworen hat und keine Enkel produziert. Aus Frust darüber huldigt sie dem Glauben und dem Geiz, zieht sich eine Papstrede nach der anderen rein, während der Kaffee statt durch einen Filter nur durch einlagiges Klopapier tropft - man gönnt sich ja sonst nichts. Auch die notgeile Grete (Bettina Stucky) hat die Demütigungen des Lebens satt. Ihr Ex, ein ehemaliger SS-Offizier, hat sich eine 18-jährige Thailänderin oder Chinesin geangelt, auf jeden Fall eine mit "Schlitzaugen." Ihre Enttäuschung über den sozialen Abstieg ertränkt Grete in ordinärem Witz. Nur die Kloputzerin Mariedl trägt ihre Kaste mit Würde, streicht immer wieder über ihre kotverkrusteten Hände und richtet ihren treuseligen Dackelblick gen Himmel, wo die Abflussrohre gurgeln. "Wenn der Herrgott die ganze Welt angeschafft hat", schmachtet Lina Beckmann, unschuldig und verletzlich, "dann hat er auch die menschliche Jauche erschaffen."

Die drei Frauen zoffen und kloppen sich durch eine naturalistische Kellerwohnung (Bühne: Ildi Tihanyi) und schwingen sechs Fäuste für ein Halleluja, wenn eine die andere mal wieder mit in den Dreck zieht. Dass sie dabei auch viele ernste Dinge sagen, dass das Schwabische Gerede vom "Lebensschmutz" und der "Einsamkeit am Abort" tiefe Wahrheiten birgt, fällt in Viktor Bodos Inszenierung unter den Tisch, er hat seine "Präsidentinnen" auf Jux gebürstet. In jedem Herrgottswinkel werden Gags versteckt, es muss gelacht werden in dieser Materialschlacht, ständig, damit nur ja niemand schwermütig wird. Wir sind hier schließlich in einer Komödie.

Werner Schwab hat diese Rezeption geahnt, sein Original endet mit einem Zirkelschluss: Erna, Grete und Mariedl müssen dabei zusehen, wie ein Stück im Stück aufgeführt wird, ein Abziehbild, nur noch bösartiger, noch komischer. Sie wollen den Saal verlassen, aber alle Türen sind versperrt, während auf der Bühne noch laut rumgekreischt wird. Das Publikum jubelt. Wie nennt sich diese Nummer? Schnips: "Die Präsidentinnen".