Theater Auf der Wohlfühlbühne

Frauen ran! Miranda Julys Roman "Der erste fiese Typ" wurde an den Münchner Kammerspielen mit Anna Drexler und Maja Beckmann inszeniert. Leider nicht fies, sondern nur etwas langatmig und allzu nett.

Von Christine Dössel

Beim frenetischen Schlussapplaus verbeugen sich neun Frauen und drei Männer - was für ein stark männlich dominiertes Haus wie die Münchner Kammerspiele ungewöhnlich ist. Was überhaupt im Theater ungewöhnlich ist. Das ist schon weitgehend immer noch eine Männer- respektive Jungsdomäne, da muss man sich nur mal die wichtigen Leitungs- und Regiepositionen anschauen. Und die großen, facettenreichen Frauenrollen sind auch eher rar. Das mag erklären, warum schon im Vorfeld der Premiere von Miranda Julys "Der erste fiese Typ" so ein Wirbel um die Frauenhaltigkeit, wenn nicht: den Feminismus dieses Theaterabends gemacht wurde. Als sei das ein ganz exklusives Ding.

Die 43-jährige Autorin, Filmemacherin, Performerin und Multimediakünstlerin Miranda July gehört zu den Vertreterinnen eines amerikanischen Hipster-Feminismus à la Lena Dunham ("Girls"). In ihrem 2015 erschienenen Romandebüt "Der erste fiese Typ" beschreibt sie mit skurrilem Blick und schamlosem Humor die ungewöhnliche Wohn- und Liebesbeziehung zweier höchst unterschiedlicher Frauen im modernen Großstadtneurosenkontext. Die Erlaubnis für eine Bühnenadaption haben die Kammerspiele der Autorin abgerungen. Chefdramaturg Benjamin von Blomberg ist in dieser Mission eigens nach Los Angeles geflogen. Et voilà - sie haben die Uraufführung bekommen und sie mit großem Performance-Gestus im Schauspielhaus angesetzt. Nur Frauen diesmal auf der Bühne: die beiden Schauspielerinnen Anna Drexler und Maja Beckmann, dazu die schwarze Pop- und Jazzmusikerin Brandy Butler aus der Schweiz und die Videokünstlerin Rebecca Meining, die das Geschehen live begleiten. Der Regisseur ist allerdings mal wieder ein Mann, Christopher Rüping.

Während die Zuschauer noch ihre Plätze einnehmen, turnen die beiden Protagonistinnen vorne bereits herum: ein Warm-up in Sportkleidung und Kampfhaltung. Wenn es dann losgeht, betreiben sie in direkter Publikumsansprache erst mal Aufklärungsarbeit: worum es an diesem Abend geht, wer Miranda July ist und warum Frauen mit Birnenfigur untenrum lieber dunkle Sachen und oben helle tragen sollten. Aber keine Sorge, die Inszenierung geht dann bald über diesen jungfrischen "Wir holen euch jetzt alle mal ab"-Gestus hinaus und kommt ins fröhliche Spielen, auch wenn sie durchaus einen Animationscharakter beibehält. Da wird das Publikum immer wieder mal einbezogen; Anna Drexler zwängt sich in der Rolle eines Farbtherapeuten, der im Buch eine gewisse Rolle spielt, durch die dritte Reihe im Parkett; und bevor es später zu einem licht- und soundtechnisch hochgejazzten Orgasmus und einer blutigen Sauerei von Geburt kommt, werden vorsorglich Flugblätter verteilt: Achtung, es werde laut und pornografisch und komme zu Gewaltszenen!

Haha, von wegen. Es wird mit dieser Fake-Warnung nur ein Publikum auf die Schippe genommen, das man für zu konservativ hält. Weder wird es (zu) laut noch pornografisch noch tut irgendetwas weh an diesem Abend, dessen enorme Action- und Spielenergie in umgekehrter Relation zu seiner inhaltlichen - oder intellektuellen - Ausbeute steht. Auch ein feministisches Programm sollte man nicht erwarten. Der Abend bewegt sich eher auf "Bridget Jones"-Niveau.

Miranda Julys "Der erste fiese Typ" dient in der Version der Kammerspiele vor allem als sattes Schauspielerinnenfutter. Anna Drexler und Maja Beckmann spielen sich auf nahezu leerer, stark abschüssiger Bühne (Jonathan Mertz) alleine durch den Roman, erzählen ihn, springen in Dialoge, lesen ihn auch mal vom Blatt, verfolgt von Rebecca Meining mit der Handkamera. Großformatige Bilder werden live auf Gaze-Leinwände projiziert, die wie Vorhänge hoch- und runtergelassen werden. Und die Wuchtbrumme Brandy Butler spielt dazu nicht nur auf dem Klavier und singt mit ihrer tollen Soulstimme, sondern setzt auf Zuruf schon auch mal die Panflöte und als Mitspielerin ihren Körper ein.

Die Inszenierung stammt aus der Abteilung Spaßguerilla

Der Abend hat seine Längen, die vor allem auch dadurch spürbar werden, dass der Roman weniger verdichtet als heruntererzählt wird. Aber es ist eine Freude, Anna Drexler und Maja Beckmann zuzusehen, wie sie lustvoll durch diese turbulente, oft hochnotkomische Lebensnummernrevue toben: Drexler mit unverhohlener Rampensau-Wonne und kabarettistischer Persiflierlust - vor allem, wenn sie notgeile Männer zu spielen hat. Beckmann mit der mädchenhaften Scheu des Mauerblümchens in unvorteilhafter Achtzigerjahre-Bundfaltenjeans, ist ihr doch die Rolle der Cheryl Glickman zugefallen, der verschrobenen Ich-Erzählerin des Romans.

Cheryl ist eine Singlefrau mit Ticks und Zwangsneurosen, 43 Jahre alt, unglücklich verliebt in den Mittsechziger Philip. Der hat sich in eine 16-Jährige verschossen und erbittet in zahlreichen SMS ausgerechnet bei Cheryl die Absolution für Sex mit der Minderjährigen. Wenn Cheryl ihrerseits Lust empfindet, versetzt sie sich in Philip hinein und dringt mit dessen Penis in Vaginas ein. In Rüpings Inszenierung aus der Abteilung Spaßguerilla sind solche Fantasien Anlass für lustige Extempores und viel Video-Klimbim. Gefährlich werden kann da nichts. Er inszeniert durchgehend mit Gummi.

Cheryls Leben änderst sich radikal mit dem Einzug der jungen Clee, die so völlig anders ist, pampig und regellos: Anna Drexler als robustes Streetgirl. Aus Streitereien wird ein Ringkampf - das Piepsen der Mikrowelle gibt die Kampfrunden vor -, und dabei kommen sich die beiden Frauen erotisch näher. Sie verlieben sich. Und als Clee ein Kind bekommt, wird es Cheryl sein, die die Fürsorge übernimmt und dadurch zu ihrem Lebensglück findet: Es ist auch hier mal wieder das Mutterglück.

Im Schlussbild hebt dieses Feelgood-Theater zu dem Song "Rocket Girls" in den siebten Himmel ab. Unsere Protagonistinnen schweben an Seilen über den Dingen, und von unten winkt ein Astronaut ihnen fröhlich zu.