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Theater:Apokalypse? Jetzt?

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Eine Szene aus Thomas Köcks angenehm größenwahnsinnigem Stück "paradies fluten".

(Foto: Felix Grünschloss)

Selbstironische Dystopien sind das Lieblingsthema junger deutscher Dramatiker. Nur werden einige dieser neuen Stücke inzwischen von einer ebenso bitteren wie bizarren Wirklichkeit überholt.

Von Cornelia Fiedler

Die Erde zieht einen Schweif aus Leichen hinter sich her. In einer Ruinenstadt verschanzen sich Überlebende hinter Wällen aus Müll. Die beiden letzten Menschen sitzen in Klimakapseln und streiten, ob es noch lohnt, das Rauchen aufzugeben. Hoffnung ist Mangelware in den Zukunftsszenarien junger Autorinnen und Autoren, die derzeit die Bühnen erobern. Ihre oft bitterbösen, selbstironischen Dystopien spiegeln eine Gegenwart wider, in der die Menschen an Populismus und gefühlter Alternativlosigkeit zu ersticken drohen.

Für das Problem der Toten an den Stränden hat beispielsweise die junge Physikerin in Jakob Noltes "Gespräch wegen der Kürbisse" eine Lösung: Sie werden mit einer gigantischen Kanone ins All geschossen. Das ist einfacher, als die Ursachen von Flucht und Massensterben zu bekämpfen. Die "unendlichen Weiten" aus "Raumschiff Enterprise" werden zum Massengrab und zur Metapher der Verdrängung. Als die Physikerin einer Freundin davon erzählt, beginnt eine vorbildlich postfaktische Konversationsspirale - ziemlich schräg wirkt das, dabei durch und durch inszeniert. Nur wird die bizarre Fiktion schon Monate nach der Uraufführung am Deutschen Theater Berlin von einer Wirklichkeit überholt, in der Fake News und Lügen Wahlen entscheiden.

Während Donald Trump und seine Populistenkollegen ja weltweit zum Problem für Satiriker werden, weil sie als Realkarikaturen kaum zu übertreffen sind, ist für Dystopien noch Luft nach oben. Dystopien, diese schlecht gelaunten, defätistischen Verwandten der Utopie, boomen in vielen Ländern.

Fundamentalkritik am Hier und Jetzt zu üben, indem man eine Zukunft oder zumindest eine alternative Gegenwart in besonders schillernden oder besonders deprimierenden Farben ausmalt, damit hat Thomas Morus 1516 in seinem Roman "Utopia" angefangen. Die Methode funktioniert bis heute. Vermutlich, weil die ferne Fiktion für Leser oder Zuschauer erst die nötige Distanz schafft, um sich mit heutigen politischen oder technologischen (Fehl-) Entwicklungen auseinanderzusetzen. Das könnten zwar Nachrichtensendungen genauso leisten, aber die lassen viele lieber mit routinierter Zerstreutheit vorbeirauschen.

Auftritt "ein erschöpftes Orchester" und "die unsichtbare Hand des Marktes", bitte!

Bei den Weltuntergangs-Dramen liegen Flutkatastrophen im Trend, sie sind ökologisch naheliegend und als biblische Symbolik etabliert. Zum Beispiel Thomas Köck: Sein "paradies fluten" ist ein angenehm größenwahnsinniger Rundumschlag. Als Besetzung empfiehlt er neben rauchenden "Postparzen" in Klimakapseln "ein erschöpftes Tanzensemble, ein ertrinkendes Symphonieorchester" sowie "die unsichtbare Hand des Marktes". Als Bühnenbild soll das Wrack eines Hochseefrachters dienen, "ein verlassenes Paradies" und "unmögliche oder einfach schlecht erinnerte Erinnerungen, die die Bühne nach und nach überfluten".

Aus der Flut lässt Köck diverse Errungenschaften unserer Gesellschaft auftauchen, nach Luft schnappen und wieder untergehen: "Eine Überarbeitete auf dem Weg nach oben", eine geplatzte Gaspipeline, das Europäische Parlament, Beschlüsse verkündend, einen Selbstmordattentäter. Dazwischen setzt er assoziative Schlaglichter, Einblicke in den Zersetzungsprozess einer spätkapitalistischen Kleinfamilie treffen auf Szenen aus der Kolonialzeit, als die Weichen für die bedingungslose Ausbeutung gestellt wurden.

Eine derart spleenige Mischung dürfte kaum ein Filmregisseur akzeptieren. Dafür ist, zumindest im Mainstream-Kino, der Zwang zum Realismus zu groß, selbst Aliens müssen hier "naturgetreu" explodieren. Das Theater kann sich da mehr Freiheiten nehmen, mischt philosophische Reflexion und Action-Plot und setzt notfalls auf die gute alte Mauerschau. Ausgerechnet daran scheitert zwar die Mainzer Uraufführung von "paradies fluten". Dafür liefert aber das Stuttgarter Theater Rampe einen schillernden, tänzerischen Bilderwirbelsturm, der Lust auf weitere apokalyptische Experimente macht.

Die Ertrinkenden zeichnen sich durch unendliche Ignoranz und Unbedarftheit aus, eine Haltung, die auffallend viele junge Autoren ähnlich analysieren und kritisieren. Auch Laura Naumann in ihrem Endzeit-Kammerspiel "Zwischen den Dingen sind wir sicher", uraufgeführt am Landestheater Memmingen. Darin machen sich drei Geschwister hinter Sperrmüllbarrikaden und frei nach Sartre das Leben zur Hölle. Aber was das für ein Krieg war, der alles zerstört hat, wer die pseudorevolutionären Banden da draußen sind, und wer die Soldaten? Keine Ahnung!

Ähnlich beschränkt ist der Horizont von fünf wohlstandsverwöhnten Easy-Jet-Settern, die Philippe Heule am Schauspiel Dortmund an einem beklemmenden Un-Ort aufeinanderprallen lässt. Ob sie in einem Versuchslabor, einer Hass-Kommentarspalte im Internet oder einer Simulation des Weltklimagipfel gefangen sind, bleibt offen. Fakt ist, dass im Laufe von "Die Simulanten" ein endzeitlicher Sturm die Bühne überflutet. Damit können die fünf nichts anfangen, also demonstrieren sie lieber Flexibilität, Leistungsbereitschaft und, ganz wichtig, ironische Distanz. Ihr Motto: "Ich weiß ja, dass ich schuldig bin am Weltuntergang. Deshalb bestrafe ich mich, indem ich mir ein neues Auto kaufe." Alle sind informiert, alle Katastrophen sind online abrufbar, ebenso das Wissen aus Jahrtausenden. Doch außer Larmoyanz und Zynismus fällt den Repräsentanten der Menschheit nichts ein.

Muss erwähnt werden, dass in keinem der Stücke der jugendliche Held in letzter Sekunde die Welt rettet? Stattdessen gibt es bitter komische Bilder einer Menschheit, die nicht mitbekommt, wie sie sich selbst ausschaltet. Nicht einmal Wut bleibt übrig, schon gar nicht der Mut, für Alternativen zu kämpfen, nur ein trauriges Staunen. 2017 könnte ein gutes Jahr für die Autobranche werden.

© SZ vom 11.01.2017
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