bedeckt München 21°

Theater:Anfall von Heimat

Gorki Theater In Unserem Namen

Trotz herber Konfliktthemen sehr bunt und arg neckisch: Szene aus "Die Schutzbefohlenen" im Gorki Theater.

(Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de)

Unerwartete Wandlung eines heiteren Abends: Das Berliner Gorki Theater spielt Elfriede Jelineks "Schutzbefohlene".

Von Peter Laudenbach

So könnte das Zusammenleben natürlich auch aussehen: Jeder erzählt seine Geschichten, auf Arabisch, Deutsch, Farsi, Türkisch oder Russisch. Auch wenn nicht jeder alles versteht - wer kann in Berlin schon Farsi? -, bewegen sich zumindest alle im gleichen Raum. Sie haben keine andere Chance, sie müssen irgendwie miteinander zurechtkommen, sie können einander wahrnehmen. Einige Sätze kann man verstehen, sie klingen dringlich und hart: "Wir leben. Wir leben. Hauptsache, wir leben, und viel mehr ist es auch nicht als leben nach Verlassen der Heimat." Oder: "Das ist eh euer Lieblingswort: legal." Oder: "Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen vom Töten und Kopfabschneiden." Das kommt unvermittelt, abrupt, lauter Fragmente von Lebensgeschichten, nicht eingebettet in eine Erzählung, die für Klarheit sorgen würde.

Sebastian Nübling hat am Berliner Maxim-Gorki-Theater einen Abend sehr frei nach Elfriede Jelineks Stück "Die Schutzbefohlenen" inszeniert. Gerne scheuchen die Schauspieler in ihrer Funktion als Animateure die Zuschauer durch den entkernten Innenraum des Theaters, als wäre ihre Aufenthaltserlaubnis ungültig geworden und die Niederlassungsfreiheit auf den Sitzplätzen abgelaufen. So weit, so politisch völlig korrekt und in der Kulturbetriebsroutine auch harmlos und erwartbar. Die zeitliche Koinzidenz ist es, die den Abend auf gespenstische Weise zu etwas Besonderem macht. Während im Berliner Gorki-Theater nach der Premiere am Freitagabend noch gefeiert wird, treffen die ersten Meldungen von den Attentaten in Paris ein. Plötzlich bekommt Nüblings Inszenierung, das verspielte Ausprobieren und Aufeinanderprallen extrem unterschiedlicher Erfahrungen, etwas von einer schönen, schrecklich fragilen Utopie. Unwillkürlich ertappt man sich beim Gedanken, dass so eine fröhlich postmigrantische Gorki-Party für islamistische Terroristen genauso wie für Rechtsradikale ein natürliches Feindbild sein muss. Im Hass auf das Miteinander, das kulturelle Differenz nicht als Problem, sondern als Bereicherung begreift, treffen sich Islamisten und Nazis in ihren Ideologien der Menschenverachtung.

Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" ist ein düster schillernder Text, der angesichts der Not der Flüchtlinge nach der Empathiefähigkeit der europäischen Gesellschaften fragt. Es ist ein Stück, das ein Theater systematisch überfordert, schon weil es ehrlicherweise keine wohlfeilen Antworten parat hält. So muss jede Inszenierung neu auf die Frage reagieren, wie, ob und um welchen Preis wir Menschen in Not helfen wollen. Oder danach, wie und ob wir ihnen wenigstens begegnen wollen. Bei der Hamburger Uraufführung hat der Regisseur Nicolas Stemann vor einem Jahr afrikanische Migranten auf die Bühne geholt, weil er es zynisch gefunden hätte, das reale Leid der Flüchtlinge als Rohstoff für einen Theaterabend, für Kunstgenuss auszubeuten. Am Wiener Burgtheater hat Michael Thalheimer aus Jelineks Text eine hochverdichtete antike Tragödie gemacht. Mit Mut zum reflektierten Pathos verweist Thalheimers Formsprache darauf, dass Flucht, Vertreibung und die Frage nach Mitgefühl als Voraussetzung der Menschlichkeit keine Erfindungen der Gegenwart sind.

In Leipzig hat Enrico Lübbe das Stück mit Aischylos' Tragödie "Die Schutzflehenden" montiert und als deutliche Antwort auf die rechtsradikalen Legida-Umzüge inszeniert. Bei fast jeder Probe, erzählt der Regisseur, seien die Schauspieler und er auf aktuelle Bezüge beider Texte gestoßen - als wären wir, so sagt er, im Umgang mit Fremden immer noch nicht viel weiter, als es die alten Griechen vor 2500 Jahren gewesen waren.

Soziale Ordnung beginnt damit, den Vordermann nicht mit dem Ellbogen zu rammen

Im vergnügungssüchtigen Berlin macht Nübling aus dem Stoff ein naives Erlebnisangebot. Seine Aufführung ist eine bunte Mischung aus Party, Agitprop-Kabarett und Körpereinsatz. Bühne und Sitzreihen sind entfernt, Zuschauer und die Schauspieler in Alltagskleidung verteilen sich auf dem schönen Parkettboden des Zuschauerraums und einer kleinen Tribüne. Manchmal rennt ein Performer mit Anlauf die Wände hoch. Einige Jelinek-Sätze wie kurze Passagen aus Aischylos "Die Schutzflehenden", der antiken Tragödie, auf die sich Jelineks Text bezieht, werden eher als lose verknüpftes Spielmaterial denn als Zentrum des Geschehens benutzt. Im zweiten Teil wird mit denkbar größtem Denunziationsfaktor das Protokoll einer Sitzung des Bundestags-Innenausschusses zur Neuregelung von Bleiberecht und Abschiebung hämisch nachgespielt. Thomas Wodianka spinnt Pegida-Parolen fort und regt sich lustig darüber auf, dass die Römer vor 2000 Jahren die Germanen mit ihrer Zivilisation belästigt haben. Das ist, trotz der herben Konfliktthemen, oft arg neckisch - ein Späßchen für politisch interessierte Kulturflaneure.

Aber nach den Anschlägen in Paris wirkt Nüblings Kindergeburtstags-Versuchsanordnung plötzlich wunderbar optimistisch und menschenfreundlich. Weil es hier, im Theater, eng und die Atmosphäre trotzdem freundlich ist, arrangiert man sich zu so etwas wie einer provisorischen sozialen Ordnung, auch wenn sie im Augenblick nur darin besteht, darauf zu achten, dem Vordermann nicht den Ellbogen ins Genick zu rammen, und zu versuchen, sich in der Kakofonie zu orientieren. Vielleicht entsteht ja genauso wie an diesem Abend eine neue Heimat - oder viele unterschiedliche Arten von Heimat: Im Durcheinander der fremden Sprachen und Lebensgeschichten, in einer Gesellschaft, in der jeder zu einer oder mehreren Minderheiten gehört, auch der deutsche Theaterzuschauer, der sich vom Sprachgewirr erst einmal überfordert fühlt.

© SZ vom 16.11.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite