Rappresentatione di Anima et di Corpo:Juchzen und Schluchzen

WERNER KMETITSCH  Theater an der Wien RAPPRESENTATIONE DI ANIMA ET DI CORPO

Regisseur Carsen ersetzt den subtilen Humor der Zeit und das komödiantisch Spielerische, das Italienische quasi, durch eher grelle Bilder. Was immer dann überzeugend funktioniert, wenn er sich grundsätzlich nicht allzu weit entfernt von der originalen Ästhetik der commedia.

(Foto: Werner Kemetitsch)

Die erste Oper der Welt feiert nach mehr als 400 Jahren wieder einmal Premiere. Diesmal haben Regisseur Robert Carsen und Dirigent Giovanni Antonini sie für das Theater an der Wien aktuell eingerichtet. Mit Erfolg.

Von Helmut Mauró

Sie gilt als erste Oper überhaupt, Emilio de' Cavalieris "Rappresentatione di Anima et di Corpo" aus dem Jahr 1600, und die Nähe zu Oratorium, Madrigal und anderen Formen ist unüberhörbar. Dirigent Giovanni Antonini lässt in der Neuproduktion am Theater an der Wien mit dem Ensemble Il Giardino Armonico keinen Zweifel daran. Regisseur Robert Carsen dagegen nimmt das Stück als aktuelle Vorlage, will es - auch um den Preis historischer Beliebigkeit - ins Heute holen. Was nicht ganz einfach ist, denn auch inhaltlich atmet das Werk den Oberschichten-Zeitgeist des 16. Jahrhunderts. Man kann es als christliches Erbauungsstück abtun oder aber als inspiriertes Barocktheater, das mit italienischer Leichtigkeit und Eleganz vorführt, wie man ein glückliches Leben führen könnte. Indem man zum Beispiel auf fast alles verzichtet, was zu einem vermeintlich glücklichen Leben führt. Der römische Komponist, Diplomat, Tänzer, Organist und Choreograf Emilio de' Cavalieri hat zwei Jahre vor seinem Tod mit dem Librettisten Agostino Manni diese "Rappresentatione" so plastisch entworfen, dass sie die ganze Tragikomik des Ringens von Geist und Körper lustvoll ausstellt. Und auch ein bisschen komisch.

Voraussetzung für das Glück ist schon mal, dass der Körper dem Geist folgt. Was er hier quasi achselzuckend tut, denn er weiß eigentlich nicht, wohin ihn die anima auf der Suche nach dem Glücklichsein führen wird. Der Körper ist der Sancho Panza des idealen Lebens, aber auch der Geist schleppt sich mitunter zäh zum Gipfel des Glücks. Zu viel Ablenkung, zu viel Versuchung, zu viel ideologische Verirrung, zu viel Fake News. Regisseur Carsen hat aber auch in Sachen Humor eine andere Vorstellung, ersetzt den subtilen Humor der Zeit und das komödiantisch Spielerische, das Italienische quasi, durch eher grelle Bilder. Was immer dann überzeugend funktioniert, wenn er sich grundsätzlich nicht allzu weit entfernt von der originalen Ästhetik der commedia, sondern sie nur etwas weitertreibt. Im neu geschriebenen Prolog gelingt dies nicht, aber am Ende sehr wohl, wenn die armen Seelen, die hier in gut trainierten Tänzerkörpern wohnen, Richtung Schnürboden aufsteigen, um sogleich wieder zerknirscht zur Hölle zu fahren und noch mal. Dass diese Himmelfahrten und Höllenstürze, dieses Juchzen und Schluchzen, scheinbar kein Ende nehmen, ist lustig und schön anzusehen.

Dem Ensemble gelingt es, die teils verschnörkelte, teils spröde Klangsprache in einen dramatisch wirksamen Fluss zu bringen

Da scheint Carsen diesem wunderbaren Allegorien-Spiel ganz nahe zu kommen, in dem abstrakte Begriffe wie Geist, Körper, Intellekt, Zeit, Seele dem reinen Denken entzogen und verfleischlicht werden, gleichsam reanimiert und als konkrete Spielfiguren auftreten, ja mehr und mehr als Vermenschlichungen. Als lebten wir mit ihnen, als wohnten sie gleich nebenan. Aber wie macht man daraus mitreißendes, berührendes Theater? Am besten, indem man jene Kraft sprechen lässt, die von Haus aus abstrakte Ideen in sinnlich wahrnehmbare Formen umsetzt: die Musik. Und hier sind wir schon bei der größten Überraschung des Abends: Wie es dem Dirigenten Giovanni Antonini und seinem Alte-Musik-Ensemble Il Giardino Armonico manchmal gelingt, diese teils verschnörkelte, teils vornehm spröde Klangsprache - die ebenso wie das barocke Figurentheater so sehr auf fixierte Bewegungsvokabeln vertraut -, in einen dramatisch wirksamen Fluss zu bringen und wie eine übergeordnete Götterfigur plastisch zu gestalten, einen unsichtbaren und doch stets präsenten Zeus ex machina zu installieren, der alles sieht und lenkt.

WERNER KMETITSCH  Theater an der Wien RAPPRESENTATIONE DI ANIMA ET DI CORPO

Anett Fritsch in der Rolle der Anima, der Seele, und Daniel Schmutzhard als Corpo, der Körper.

(Foto: Werner Kemetitsch)

Leider sind die Momente rar, in denen dies auf musikantische, mitreißende Weise gelingt. Oft scheint sich Antonini selber im Weg zu stehen mit seinem peniblen Grundverständnis, keine Note zu unterschlagen und jeden Klang gleichberechtigt sprechen zu lassen. Da wird es oft spröde und erstarrt in Korrektheit. Dabei würde mitunter schon ein leicht beschleunigtes Tempo helfen, dass wieder musikalisches Blut durch die Adern der Oper fließt. Dabei würde etwas mehr Verve auch einigen der sich durchweg tapfer behauptenden Sängerinnen und Sänger gut tun, von denen sich nur einer als wirklich herausragend erweist: Carlo Vistoli in der Rolle des Schutzengels, der Anima (Anett Fritsch mit passend schlankem Sopran) und Corpo (Daniel Schmutzhard) mahnend durch die Untiefen des irdischen Lebens führt. Das vollbringt er nicht nur im technisch tadellosen Falsett, sondern, und das ist leider rar bei Countertenören, auch mit einer völlig ungequetschten Stimme, die nie effeminiert oder auf unangenehme Weise gekünstelt klingt.

Die politische Zwangsvorstellung von der Alternativlosigkeit schiebt sich am Ende in den Vordergrund: Du musst Dein Leben ändern.

Noch ein oder zwei Sänger dieses Formats, und man würde nicht mehr darüber nachdenken, welchen Stellenwert diese Oper, kurz vor den oft als eigentliche Erfinder genannten Jacopo Peri und Claudio Monteverdi, in der langen nachfolgenden Geschichte dieser Gattung einnimmt. Inhaltlich scheint sie den meisten späteren Schlachtrössern einiges voraus zu haben. Sie erinnert auf ebenso verspielte wie hartnäckige Weise daran, dass unsere Zivilisation nicht nur auf Fortschritt in Mobilität und Medizin beruht, sondern zuallererst auf einem ethischen Fortkommen, das lange Zeit als unwiderruflich gelten durfte. Aber so schmerzlich das 20. Jahrhundert demonstriert hat, wie leicht und wie leichtfertig sittliche und moralische Größe zurückzunehmen sind, wie schnell sie selbst in den wohlmeinendsten Ideologien in sich zusammenfallen, so sehr hat es gezeigt, wie sehr wir einer geistigen Basis bedürfen. Das gilt auch für die fröhlich konsumfreudige und ebenso sauertöpfische Gegenwart. Die politische Zwangsvorstellung von der Alternativlosigkeit schiebt sich am Ende dieser Oper mehr und mehr sektenhaft in den Vordergrund: Du musst Dein Leben ändern.

Tu Gutes und erwarte keinen Dank, dann wird die Erde ein Paradies, "mit Blumen geschmückt, dass sie mit Singen und Lächeln dem Paradies gleiche". Müssen wir also Hippies des guten Willens werden? Regisseur Carsen scheint mit seinem ironisch überspitzen Schlussbild, in dem sich noch einmal alle ineinander wie im Menschheitsliebesrauch verschlingen, ein wenig daran zu zweifeln. Aber er überspielt die Bedenken, zum Teil mit szenischem Ringelpiez und der gängigen Opernregie-Idylle der Wiederfindenseuphorie, die immer peinlich ernst inszeniert ist und im Zweifelsfall ironisch verstanden werden will. Da wird albern herumgetanzt (schreckliche Choreographien von Lorena Randi) und breitwandgegrinst, als gäbe es kein Morgen. Und die Musik, wie sie Antonini, das Enbemble Il Giardino Armonico und vor allem der Arnold-Schönberg-Chor mit appellativer Vehemenz verstehen, sagt uns: Jawoll, gehet hin und werdet Blumenkinder, seid erleuchtet, verbreitet Freude, statt anderen auf die Nerven zu gehen.

© SZ/thba
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