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Theater:Amt und Bürde

In ihrer zweiten Saison als Intendantin wird Birgit Simmler ihrem eigenen Anspruch gerechter, mehr Heldinnengeschichten auf die Bühne der Luisenburg zu bringen

In dem Film "Shakespeare in Love", erschienen 1998, als man in Hollywood noch richtige Schmachtfetzen drehte, gibt es eine hübsche Boot-Szene. Der junge Autor William Shakespeare rudert darin mit einem, so glaubt er, Schauspieler über den See und berichtet von einer Frau, die ihn vollkommen verzaubert hat, Viola de Lesseps. Er ahnt nicht, dass sie es ist, die vor ihm sitzt, verkleidet als Mann. Sie muss das tun, weil ihr als Frau fast alles untersagt ist, was Spaß macht, auch das Theaterspielen. Shakespeares poetischem Schwärmen kann Viola irgendwann nicht mehr widerstehen und küsst ihn. Der Dichter ist maximal konsterniert.

Auf der Bühne der Luisenburg ist leider kein See zum Rudern verfügbar. Dort hat man wassermäßig nur Nieselregen bei der Nachmittagsvorstellung von "Shakespeare in Love". Aber glücklicherweise auch Philipp Moschitz, einen jungen Regisseur mit guten Ideen. So sitzen Shakespeare (Marc Schöttner) und Viola (Ricarda Seifried) in einem Gummi-Paddelboot, das auf ein dreirädriges Liefermobil geschnallt ist, und tuckern über die Bühne, während sie sich heftig verlieben. Moschitz, 34, ist Regisseur aus München und hat ein Händchen für Komödien und dafür, aus altbackenen Komödien temporeiches Theater zu machen. Am Metropoltheater inszenierte er "Das Abschiedsdinner" und war zuletzt mit seiner rasanten Version des eher muffigen Stücks "Trüffel Trüffel Trüffel" bei "Radikal jung" eingeladen.

Mit Moschitz' Verpflichtung für die Luisenburg beweist Intendantin Birgit Simmler ein gutes Gespür für das, was auf der 38 Meter breiten Felsenbühne vor bis zu 1900 Zuschauern funktioniert, auch bei jungen Zuschauern. Es ist ihre zweite Saison in Wunsiedel, nachdem sie vergangenes Jahr den langjährigen und nicht unumstrittenen Michael Lerchenberg ablöste. Birgit Simmler hatte bei ihrem Antritt angekündigt, unbedingt mehr Heldinnengeschichten auf der Bühne erzählen zu wollen und den weiblichen Blick auf bestimmte Machtstrukturen sichtbar zu machen. Vergangenes Jahr gelang das kaum. Ihre Inszenierung der Volkssage "Andreas Hofer" war von konventionellen Rollenbildern geprägt, in "Sherlock Holmes" dominierten die Männerfiguren. Und "My Fair Lady" ist auch immer nur soweit emanzipiert, bis ihr die Liebe in die Quere kommt. In dieser Saison aber wird Simmler ihrem eigenen Anspruch gerechter.

Frauen in Männerberufen hatten's auch vor Jahrhunderten nicht leicht: Johanna (Eli Wasserscheid) arbeitet sich zum Papst hoch.

(Foto: Florian Miedl)

Viola in dieser Inszenierung von "Shakespeare in Love" ist, trotz Zwangsverheiratung, kein unterdrücktes Hascherl, sondern eine im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbstbestimmte Frau, die sich nimmt, was sie sich wünscht. Noch mehr gilt das natürlich für Johanna in "Die Päpstin", das Stück, das Simmler in diesem Jahr inszeniert hat. Ein Stoff wie erfunden für die Felsenbühne. Die Geschichte erzählt, wie im düstersten Mittelalter aus der wissbegierigen Johanna irgendwann Papst Johannes Anglicus wird. Ein Ziel, das Johanna nur erreicht, indem sie wie Viola auf ihr Frausein verzichtet. Die Regisseurin nimmt sich viel Zeit, von der Benachteiligung der Frauen zu jener Zeit zu erzählen. Johanna erlebt Ablehnung durch Männer und Gewalt von ihrem Vater, der so frömmelt, dass es längst wieder unchristlich ist. Mit Eli Wasserscheid, die den Zuschauern aus dem Metropoltheater und dem Franken-"Tatort" bekannt sein dürfte, ist Simmler eine weitere ideale Verpflichtung geglückt. Wasserscheid nämlich ist eine so uneitle wie zupackende Schauspielerin, deren Kraft locker für zweieinhalb Stunden Spiel auf der großen Bühne reicht und die ihre Mönchsglatze mit Würde trägt. Eine Nacht mit ihrem Geliebten Gerold (Christian Sengewald) erlaubt sich Johanna, mehr nicht. Diese lange, verhältnismäßig offenherzige Liebesszene begleitet die Cellistin Susanne Hirsch (die einen tollen Soundtrack komponiert hat) mit Metallicas "Nothing Else Matters" - ein inniger, vor Kraft strotzender Moment.

Über weite Strecken allerdings gerät die Inszenierung arg brav. Alles ist sehr gut verdaulich aufbereitet. Da ist viel konkretes Mantelgeschwinge, wenig Abstraktionsbedarf. Den Tod als schönes, androgynes Wesen (Lukas Schöttler) allzeit mit auf die Bühne zu stellen, soll freilich ein starkes Symbol sein und an dessen Allgegenwärtigkeit erinnern. Als Regieidee ist das aber auch nicht mehr ganz frisch und für die Geschichte, deren Stärke doch in einer Entwicklung trotz widriger Umstände liegt, auch nicht zwingend.

Um radikale neue Ästhetiken geht es auf der Luisenburg jedoch nicht, zumindest nicht primär. Kunst, so sagte Simmler vergangenes Jahr, interessiere sie nicht um der Kunst willen. Sie wolle einfach gutes Theater machen. Wobei Regisseur Moschitz immerhin das Kunststück vollbringt, die Felsenbühne bei "Shakespeare in Love" mit Fahnen in Regenbogenfarben abzuhängen. Luisenburg-Puristen mögen das frech finden, schließlich wird die Bühne immer wieder als magischer Ort beschworen, an dem die Birken ausgiebig rauschen dürfen und gerade nicht weginszeniert werden sollen.

Königin Elizabeth (Birgit Simmler) muss sich ständig mit Machos herumärgern.

(Foto: Florian Miedl)

Findet Moschitz wohl doch. In hohem Tempo jagt er die als grelle Gaukler ausgestatteten Schauspieler durch die Komödie. Da stimmt jeder Anschluss und jede Bewegung, nebenbei beglückt er das Publikum mit einem Medley aus Songs der anderen Produktionen "Grease" und "Madagaskar". Dass Moschitz dabei mehr als einmal die Flachwitzlatte reißt und keinerlei Berührungsängste mit Klamauk hat, ist ihm gerade noch zu verzeihen, weil er in den entscheidenden Momenten eben doch den Mund zu halten weiß und der Poesie zwischen Shakespeare und Viola Platz macht.

Schon jetzt lässt sich sagen: Birgit Simmler macht die Festspiele frischer, diverser - und die Zuschauer gehen ihren Weg mit. "Die Päpstin" sei gut verkauft und entwickle sich neben dem erwartungsgemäß starken Musical "Grease" zum Zugpferd der diesjährigen Festspiele. Man steuere die 145 000-Zuschauer-Marke an, heißt es aus der Verwaltung. Somit knüpft Simmler nahtlos an den Erfolg ihres Vorgängers Lerchenberg an. Der stand ja immer besonders gern selbst auf der Bühne, was Simmler vermieden hat - bis jetzt. Man muss schon genau hinschauen, um sie zu erkennen, wenn sie sich in "Shakespeare in Love" als keine Geringere als Königin Elizabeth auf die Bühne fahren lässt. Die Queen, üppig ausstaffiert, lässt Gnade walten, als Violas Maskerade auffliegt. Sie sagt: "Glauben Sie mir, ich weiß so einiges über eine Frau in einem Männerberuf."