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Theater:Am besten schlafen

Und in der Schweiz spielen sie doch - zur Not auch für wenige Zuschauer hinter Masken: Das Schauspielhaus Zürich adaptiert unter der Regie von Yana Ross den Erfolgsroman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" von Ottessa Moshfegh

Als in Deutschland die Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen beschlossen und in der Folge Theater, Konzertsäle und Restaurants abermals geschlossen wurden, tagte auch der Schweizer Bundesrat. In der Schweiz sind die Zahlen der Neuinfektionen ähnlich verheerend wie in Deutschland, doch scheint man dort der Mündigkeit der Bürger mehr Vertrauen entgegen zu bringen. So wurde zwar die Maskenpflicht erhöht, doch Restaurants bleiben geöffnet, sogar die Bar der berühmten Kronenhalle in Zürich, auch wenn die nun früher schließen muss, was selbstverständlich mit größter schweizerischer Artigkeit gehandhabt wird.

Alicia Aumüller und Karin Pfammatter unter der Regie von Yana Ross in "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" am Schauspielhaus Zürich

(Foto: Zoé Aubry)

Auch die Theater dürfen weiter spielen, wobei es hierbei große kantonale Unterschiede gibt. Wir reden hier ohnehin nur über die Deutschweiz, aber auch in Bern ruht der Betrieb vor Publikum, Musiktheater gibt es gerade fast keines live zu erleben. Aber einige der Sprechtheaterbühnen verkündeten trotzig, sie würden auch vor zwei Zuschauern weiterspielen, dafür seien sie schließlich da - erlaubt sind seit Ende Oktober 50 Besucher, natürlich mit Maske auch während der Aufführung.

Mündige Bürger mit Masken

So kann man derzeit am Theater Basel etwa eine ziemlich hinreißende und trotz ihrer Länge außerordentlich kurzweilige Aufführung von Ovids "Metamorphosen" erleben, inszeniert von Antú Romero Nunes, ausgerüstet mit einer unternehmungslustigen Live-Band und dargestellt von einem elfköpfigen Ensemble, dessen Spielfreude vergessen lässt, dass auf der Bühne die Abstände gewahrt bleiben. Mit dabei als Teil der fabelhaften Truppe und in dieser mit Zartheit aufgehend: Paula Beer.

Eisiges Bühnenbild von Zane Pihlström: "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" am Schauspielhaus Zürich

(Foto: Zoé Aubry)

Am Schauspielhaus Zürich kam passend zum Teillockdown eine Produktion heraus, die man als eine Metapher für diesen empfinden könnte, obwohl sie damit gar nichts zu tun hat. Ende 2018 erschien auf Deutsch Ottessa Moshfeghs Roman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung", die Autorin, geboren 1981 in Boston, wurde als neuer Star der amerikanischen Literatur gefeiert. Grund dafür ist vor allem die unverschämte Leichtigkeit, mit der Moshfegh ihre Ich-Erzählerin beschließen lässt, ein Jahr zu schlafen. Diese ist schön, dank Erbe wohlsituiert, freundlich, aber in sozialen Bereichen nicht die geschickteste. Ihre Kontakte zur Außenwelt beschränken sich bald auf eine durchgeknallte Psychotante, die ihr haltlos alle für den Schlaf notwendigen Psychopharmaka verschreibt, eine den Oberflächenreizen des Konsums völlig verfallenen Freundin, einem seltsamen Künstler, der sich um sie kümmert und sie im weggetreten Zustand als Modell für seine Kunst benutzt und den Erinnerungen an einen nutzlosen Ex-Lover.

Depressive Erbinnen dämmern

Besäße Moshfeghs Sprache nicht die schillernde Präzision wohlgesetzter Komik, der Bericht vom selbstgewählten Rückzug in die bald nicht mehr stubenreine Wohnhöhle an der Upper East Side läse sich als das, was er im Kern ist: eine Studie der deprimierten Abkehr von einer von Funktionieren- und Gefallenmüssen bestimmten Welt, der die Ich-Figur nur den Schlaf entgegensetzen kann.

Das Buch endet mit 9/11, darauf fällt in Zürich die Regisseurin Yana Ross herein und breitet in der Kühlkammer auf der Bühne Insignien vom Ende des 20. Jahrhunderts aus, lässt Filmszenen quälend lang nachspielen und alle Figuren um Alicia Aumüller, Darstellerin der Ich-Figur, herum zu Funktionsträgerinnen oder Karikaturen verkommen. Doch dann verliert sich für einen wunderbaren, langen Moment jede Historizität in einen utopischen Augenblick. Aumüller, ohnehin mit einer resistenten Körperlichkeit ausgerüstet, dreht nackt und auf Schlittschuhen Runde um Runde um die letzte Dystopien aufsammelnden Kollegen und ist dabei herrlich frei, nur glücklich für sich.

© SZ vom 16.11.2020
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