Theater Alles musste durch ihn hindurch

Nicht nur für Elfriede Jelinek war er ein Genie, ein Monolith in der Theaterlandschaft: der Regisseur, Schriftsteller, Fotograf und Maler Einar Schleef.

(Foto: Karin Rocholl/ddp/Picture Press)

"Erinnern ist Arbeit": Der 2001 verstorbene Radikalregisseur Einar Schleef gilt vielen noch immer als Genie. Jetzt wird sein Werk neu entdeckt.

Von Peter Laudenbach

Armin Petras nennt ihn "den größten Unbekannten der deutschen Theatergeschichte". Für Heiner Müller war er einer der wenigen Künstler, die er mit Neid bewunderte. Martin Wuttke, Bibiana Beglau, Jutta Hofmann, der junge Thomas Ostermeier und Jürgen Holtz haben in seinen Inszenierungen gespielt. Alexander Kluge, der viele Gespräche mit Einar Schleef geführt und seine Aufführungen fasziniert gefilmt hat, würde sein Werk gerne in einer Ausstellung dokumentieren. "Er fehlt mir", sagt Kluge, wenn man ihn nach seiner Freundschaft mit Schleef fragt. Für Elfriede Jelinek, die ihm die grandiose und kongeniale Uraufführung ihrer Sprechoper "Sportstück" am Wiener Burgtheater verdankt, ist Schleef ein Genie, jemand, der wie ein Monolith aus der Gesellschaft herausrage. Der Regisseur, Schriftsteller, Fotograf und Maler Einar Schleef hat mit seinen Inszenierungen eine eigene Theatersprache geschaffen, die absolut modern und zeitgenössisch war und gleichzeitig von sehr weit her, aus der Antike zu kommen schien. Neben seinen Arbeiten wirken viele der handelsüblichen, auf schnellen und störungsfreien Verbrauch angelegten Theatergebrauchsartikel recht harmlos und etwas zu klein und nett.

Schleef ist im Juli 2001 viel zu früh gestorben. Am 17. Januar wäre er 75 Jahre alt geworden. Dass er derzeit von vielen Theaterleuten neu entdeckt wird, liegt nicht nur an diesem Jahrestag. Schleef hat tiefe Spuren hinterlassen, die Möglichkeiten des Theaters mit großer Entschiedenheit ausgelotet und für sich mit jeder Arbeit neu definiert. Das Berliner Theater HAU, Hebbel am Ufer, ehrt Schleef derzeit eine Woche lang mit Inszenierungen seiner Texte, mit Lesungen, Debatten, Filmen. Das Motto, ein Zitat aus Schleefs auf vielen tausend Seiten Tagebüchern, könnte über allen Versuchen stehen, die Arbeit dieses Radikalkünstlers neu zu entdecken: "Erinnern ist Arbeit".

Bei Suhrkamp erscheint dieser Tage ein Interview-Buch, in dem Freunde und Weggefährten wie Günther Rühle, Martin Wuttke, Wolfram Koch, Carl Hegemann, die wunderbare Christine Groß oder der anekdotenfreudige Claus Peymann Auskunft geben ("Vor dem Palast - Gespräche über Einar Schleef, 370 Seiten, 24 Euro). Peymann steuert die aberwitzige Geschichte bei, wie Schleef die Vertragsverhandlungen über seine Regiearbeiten am Burgtheater führen wollte: Peymann, der Intendant, sollte mit ihm in der Donau schwimmen gehen und im Wasser die Vertragskonditionen verhandeln. Schleef spielte nach eigenen Regeln, Rücksichtnahme gehörte nicht zu seinen Talenten. Den besten Einstieg in seine Text- und Gedankenlabyrinthe dürfte ein Buch aus dem kleinen Elfenbein-Verlag bieten. Schleefs langjähriger Suhrkamp-Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe hat aus Schleefs Textsteinbruch kurze Lesestücke zusammengestellt (Einar Schleef: Und der Himmel so blau, 184 Seiten, 22 Euro). Da kann man dann zum Beispiel lesen, wie Schleef den greisen Golo Mann in Zürich besucht und wie aus dem ersten, scheuen Kennenlernen beim Tee eine Art Freundschaft wächst.

Schleefs Herausforderung lag in der Überzeugung, im Theater habe es um alles zu gehen

Was macht die Faszination Schleefs aus? Für den Dramaturgen Carl Hegemann ist er der Regisseur, der die Tragödie wiederentdeckt hat, der unmittelbar an das Theater der Antike anknüpft. Der Regisseur Armin Petras, der so ziemlich jeden verfügbaren Schleef-Text inszeniert hat, kann offenbar nicht damit aufhören, sich an Schleef abzuarbeiten - vielleicht auch, weil der Monomane, Tragiker und manische Selbstbefrager Schleef seinem eigenen, eher verspielten und menschenfreundlichen Talent zumindest auf den ersten Blick diametral entgegengesetzt zu sein scheint. Was Schleefs Theater so inkommensurabel machte, war nicht die pure Gewalt seiner Chöre, die ihm von ressentimentgetriebenen Rechthabern wie dem seinerzeit mächtigen Theaterkritiker Peter Iden den so vernichtenden wie unfairen Vorwurf eingebracht hat, Nazi-Theater zu machen. Schleefs Herausforderung lag in der großen Form seiner Arbeiten, im Wissen um Geschichte und damit um Gewalt und in der Überzeugung, dass es im Theater bitte sehr um alles zu gehen habe.

Wer mehr über Schleef erfahren will, ist bei Hans-Ulrich Müller-Schwefe an der richtigen Adresse. Müller-Schwefe, ein zurückhaltender, feiner Mensch, ist seit über vierzig Jahren Suhrkamp-Lektor und im Verlag für die etwas schwierigeren Autoren zuständig - Schleef, Rainald Goetz, Josef Winkler, Wolfgang Welt zum Beispiel. Für Schleef war er offenbar weit mehr als ein Lektor. Der Regisseur hat ihn gebeten, als künstlerischer Berater bei seinen Inszenierungen mitzuarbeiten. Heute ist der Lektor neben Schleefs früherer Lebensgefährtin Gabriele Gerecke sein Nachlassverwalter. "Gute Autoren haben ihre eigene Radikalität", sagt Müller-Schwefe über den nicht ganz pflegeleichten Künstler. "Liest man Schleef, begegnet man einer eigenen Erfahrungswelt. Sein Blick ist der Blick von unten." Es geht nicht um Ideologie, links oder rechts sind für Schleef keine Kategorien. Es geht um Schmerz- und Hassgesänge, um den Menschen als Tier, gerne sexuell aufgeladen. Schleef mochte Orgienszenen, etwa das Dickicht ineinander verschlungener nackter Körper in seiner "Puntilla"-Inszenierung am Berliner Ensemble. Wuttke berichtet, wie er und Schleef in Frankfurt zu Recherchezwecken systematisch in Pornokinos gegangen sind. Vieles davon hat Spuren in Schleefs Inszenierungen hinterlassen.

Für Müller-Schwefe sind Schleefs Texte eine Art Erfahrungsreservoir. "Alles musste durch Schleef hindurchgehen. Er ist kein Intellektueller, der unbeteiligt von außen auf das Geschehen schaut. Er fängt als Kind an, Tagebuch zu führen." Sein Schreiben ist obsessiv, ein Versuch, alles, was er erlebt, festzuhalten: Meine Erfahrung ist mein Besitz. Sie muss aufbewahrt werden, erst recht, wenn es schmerzhafte Erfahrungen sind. Oft geht es dabei um eine existenzielle Einsamkeit, ein Gefühl sehr prinzipieller Fremdheit in der Welt. "Diese Erfahrungen sind in seinem Werk gut verpackt. Das macht sie haltbar, aber nicht unbedingt leicht zugänglich. Man muss sich als Leser darauf einlassen, dann hat man etwas davon." Nach einem langen Gespräch über Einar Schleef sagt der zurückhaltende Lektor einen Satz, der wie ein Treueschwur klingt: "Für Schleef mache ich alles."