Theater Alles auf Null

So lange Namen gibt's nur bei Tschechow: Doktor Jewgeni Konstantinowitsch Lwow (Till Firit) und Anna Petrowna (Sophie von Kessel).

(Foto: Matthias Horn)

Neun Jahre lebte Till Firit in Wien. Nun kommt er ans Residenztheater und spielt in Tschechows "Iwanow" einen traurigen Doktor

Von Christiane Lutz

Die Handys braucht er zur Zeit beide. Eins mit einer deutschen, eins mit einer österreichischen Nummer. Till Firit befindet sich nämlich in der Transitzone zwischen hier und dort, Aufbruch und Ankommen. Neun Jahre hat der Schauspieler in Wien gearbeitet, nun ist er nach München gezogen. Von der kommenden Spielzeit an ist er fest im Ensemble des Residenztheaters, von Samstag an steht er jetzt schon als Doktor Lwow in Tschechows "Iwanow" auf der Bühne. Und ganz genau genommen, begann seine Arbeit für das Resi noch früher. Anfang März nämlich, als Mateja Koležnik wegen einer abgesagten Produktion innerhalb von zweieinhalb Wochen ihre "Nora" aus Klagenfurt für das Cuvilliéstheater umbastelte. Einzig Till Firit war aus der Originalbesetzung mit nach München gekommen. Zu dem Zeitpunkt hatte Intendant Martin Kušej ihn aber längt schon eingekauft.

Firit hatte es sich gemütlich eingerichtet in Wien: Er spielte am Wiener Volkstheater, gewann 2013 den Nestroy-Preis, spielte Schlagzeug in der Band "Digitale Immigranten" und gründete den "Mono-Verlag" für Hörbücher. Zu warten, bis ihm jemand ein Hörbuch zu lesen anbot, darauf hatte er keine Lust. "Ich wollte Hörbücher machen. Ich wollte selbst sprechen", sagt er. Hörbücher lesen, fand er aufregender als Hörbücher hören. Etwa 30 Hörbücher produzierte der Verlag pro Jahr, darunter eine 3000-minütige "Anna Karenina", die Firit selbst eingelesen hat. Er beschreibt seine Lesefähigkeiten als "im guten Mittelfeld". Das ist natürlich sehr bescheiden ausgedrückt. Wer hineinhört in Firits Lesungen, hört eine angenehme, mäßig tiefe Stimme, nicht frei von einer gewissen Strenge und Zurückhaltung. Auch im Gespräch hat er etwas Reserviertes. Er nennt es sogar schüchtern.

"Ich bin oft schüchtern", sagt er. Gerade jetzt, an einem neuen Ort, in einem neuen Ensemble spüre er das. Schüchterne Schauspieler sind eher selten, Schüchternheit steht ja eigentlich diametral zum Wunsch, sich auf einer Bühne vor Publikum zu exponieren. Für Till Firit nicht. Er muss sich den neuen Spielraum, das Residenztheater, erst erspielen. Zwar ist er seit vielen Jahren im Business und fühlt sich schauspielerisch nicht auf dem Prüfstand, "aber mit den neuen Kollegen muss ich wieder bei Null anfangen."

Letztendlich war es aber genau das, was ihn dazu bewogen hat, Wien zu verlassen: Der Wunsch, mal wieder bei Null anzufangen. Mit dem Verlag lief es nicht mehr gut, am Volkstheater wechselte die Intendanz, und die "Digitalen Immigranten" kamen nicht recht voran. Er genießt München. Vor allem jetzt, da er endlich eine "irrsinnig teure" Wohnung gefunden hat. Firit ist 1977 in Leipzig geboren, mit neun Jahren aber zog seine Familie per Ausreiseantrag nach Bayern. Dort besuchte Firit die Klosterschule Ettal ("bin unbeschadet rausgekommen") und studierte anschließend in Stuttgart Schauspiel.

Nun also Doktor Lwow in Martin Kušejs Inszenierung von Iwanow. "Man spricht es Iwaaaanow aus, mit langem a", sagt Firit. Er sei, wie fast alle Schauspieler, ein großer Fan von Tschechow, "weil jede Figur gut ist, und keine einfach nur eine Funktion erfüllen muss." Jede Figur erlebt ihr eigenes kleines Drama. Doktor Lwows Drama besteht darin, dass er in Anna, Iwanows kranker Ehefrau, verliebt ist und mitansehen muss, wie dem depressiven Iwanow jegliche Anstrengung, ihr zu helfen, zuwider ist. Lwow ist der einzige, der Iwanows krankhaften Zustand erkennt und an seinen Verstand appelliert. Erfolglos.

Firit hofft, dass er bald nur noch das deutsche Handy braucht und hier wie in Wien eine neue Heimat findet. Dass er Schlagzeug spielt und "total heiß" auf jegliche Liederabend-Projekte am Resi ist, hat er für alle Fälle schon mal allen im Haus erzählt.

Iwanow, Samstag, 4. Juni, 19 Uhr, Residenztheater