Theater:Albtraumhaus mit Puppen

Hedda Gabler - Schauspiel Dortmund 2019

Maskenspiel: Bettina Lieder als Hedda Gabler und Ekkehard Freye als ihr Ehemann.

(Foto: Birgit Hupfeld)

Ibsens "Hedda Gabler" am Schauspiel Dortmund.

Von Martin Krumbholz

Die Puppe, die bereits beim Einlass auf der Dortmunder Studio-Bühne steht, ist symptomatisch für die extravagante Ästhetik dieser Ibsen-Inszenierung. Die blonde Marilyn-Frisur, die kalten blauen Froschaugen, die knallrot geschminkten Lippen und die ebenso roten Klunker, das trichterförmig gestärkte Sommerkleid - diese Figur jagt dem Zuschauer einen leichten Schauder über den Rücken und ist zugleich tief erbarmungswürdig. Und dann, wenn das Saallicht erlischt, stellt sich heraus: Das ist gar keine Puppe; es ist die mit einer Maske geschmückte Schauspielerin Bettina Lieder, deren fabelhafte Performance an diesem Abend mehr als die halbe Miete ist.

Hedda Gabler ist Täterin und Opfer zugleich. Sie langweilt sich mit ihrem kindlich-naiven, eigentlich sogar stupiden Tesman zu Tode. Dieser Ehemann ist kein Liebhaber, er ist ein Pedant. Am Schluss wird Hedda sich erschießen, nachdem sie ihre Jugendliebe Eilert Løvborg, eine Art Nietzsche-Wiedergänger, in den Ruin getrieben hat. Außerdem ist da noch ein gewisser Brack, der Tesmans Schwäche kennt und Hedda in ein Dreiecksverhältnis zwingen will. Das alles klingt nach Melodram oder Tragödie und steckt doch voller makabrer Komik. Nicht nur, weil Henrik Ibsen sich nicht scheut, aus Jörgen Tesman eine Witzfigur zu machen. Die Tatsache, dass der geniale Løvborg sich am Schluss in einem Bordell in den Unterleib schießt, erinnert von fern sogar an die Selbstkastration des "Hofmeisters" im bürgerlichen Trauerspiel von Jakob Lenz.

Diese Inszenierung kehrt das Unterste zuoberst. Nichts bleibt hier geheim

Die Inszenierung des jungen Regisseurs Jan Friedrich (Jahrgang 1992) gibt herzlich wenig auf die Konventionen eines realistischen Dramas im späten 19. Jahrhundert. Sie kehrt, und das liegt sehr im Trend, das Unterste zuoberst: Heddas geheimste Wünsche und Gedanken, die Ibsen andeutet und diskret umkreist, sind hier gar nicht mehr geheim. Manchmal wird die Hauptperson durch beiläufige Eingriffe in den Text entschlüsselt, wenn Hedda etwa bemerkt, sie könnte "die ganze Zeit kotzen"; vor allem aber durch szenische Erfindungen, die sich auf der Hinterbühne abspielen und per Video übertragen werden. Das Live-Video ist nicht zuletzt ein häufig erprobtes Mittel der Subtext-Offenbarung. Gleichzeitig wird der Begriff des Obszönen ausgehebelt; denn obszön ist ja das, was sich "jenseits der Bühne" ereignet.

Jan Friedrich geht aber viel weiter. Fragt man heute nach der "neuesten Stimmung im Westen", wird man feststellen: Das Besondere, Extravagante, auch das, was man früher "Camp" nannte und heute "Queerness" nennt, bestimmt den ästhetischen wie auch politischen Trend. Gefragt sind nicht mehr psychologische Finessen, an denen man sich noch zu Peter Zadeks Zeiten erfreut hat, sondern der Frontalangriff auf die Verlogenheiten und Widersprüche eines gesellschaftlichen wie privaten Systems.

Zu ihrem Glück kann die Dortmunder Inszenierung sich dabei auf das Talent von Bettina Lieder stützen, ohne deren Spielwitz, ihr gewissermaßen augenzwinkerndes Kokettieren mit der Live-Kamera und also mit dem Zuschauer der Abend womöglich etwas konzeptlastig wirken könnte. Denn Friedrich trägt durchaus pastos auf. Mimik, Gestik und Sprache werden systematisch voneinander getrennt. Am Anfang "mimen" Ekkehard Freye und Marlena Keil stumm und mit barbiepuppenhaften Gesten die Begrüßungsszene zwischen Tesman und seiner betulichen Tante Julle, während am Rand der Szene zwei Kollegen mit Mikrofonen die Dialoge einsprechen. Die provisorisch montierte, drehbare Bühne, die der Regisseur selbst entworfen hat, zeigt eine sterile moderne Wohnlandschaft - Heddas Traumvilla. Sie hat ja nur aus einer Laune heraus einst ihrem Zukünftigen erklärt, darin würde sie doch gerne einmal leben. Ein Albtraum wurde wahr!

Als wollte er sein Publikum zuverlässig daran hindern, in törichtes Gelächter auszubrechen, lässt Friedrich wie in einer billigen Situation Comedy immer wieder künstliche Lacher einspielen. Und ja, das prinzipiell berechtigte Lachen bleibt einem sehr schnell im Hals stecken. Die Masken, die die Figuren mal tragen, mal abnehmen, bedienen eher einen Horroreffekt. Ein weiteres Element sind Puppen. Wenn Hedda ihre "Freundin" Frau Elvsted - eine Puppe - auf der Hinterbühne shampooniert, schneidet sie ihr nicht nur die schönen roten Haare ab; die Schere fährt dann auch schon mal, schnipp schnapp, in die zarten Glieder - und keineswegs versehentlich.

Eilert Løvborg, der (vorübergehend genesene) Alkoholiker, kommt in dieser Konzeption ein wenig zu kurz. Die knarzende schwarze Kunstlederjacke, die Christian Freund trägt - von "Weinlaub im Haar" keine Spur -, macht nicht eben einen Beau aus ihm; darüber hinaus fehlt dieser dionysischen Figur ein gewisses Charisma. An Feinheiten wird der Regisseur Jan Friedrich sicher noch arbeiten müssen, aber seine schon klar identifizierbare Methode passt prima zum Profil eines Theaters, das mit Ersan Mondtags "Internat" kürzlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

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