Theater Abrüstung im Kinderzimmer

Die Sage um Troja unter umgekehrten Vorzeichen: Johannes Volkmann in seiner eigenen Inszenierung des Stücks "Das entwaffnende Pferd".

(Foto: Nürnberger Papiertheater)

Johannes Volkmanns Papiertheater mit dem realpolitischen Stück "Das entwaffnende Pferd" in Nürnberg

Von Barbara Hordych, Nürnberg

Es muss ein ungewöhnlicher Anblick gewesen sein, der sich vor zwei Jahren im Burghof von Schloss Liechtenstein bot: Unter den Augen von Fürst Hans-Adam II. bemalte eine Gruppe von Kindern den fürstlichen Wagen: "Kein Krieg" schrieben sie mit Pinsel und Farbe in weißen Buchstaben auf den schwarz glänzenden Lack. Die auch filmisch dokumentierte Aktion "gehört in den Kontext unseres Projekts ,Konferenz der Kinder'", sagt Johannes Volkmann, der Leiter des Nürnberger Papiertheaters. Vier Jahre lang war er mit dem Forschungsprojekt unterwegs, befragte Kinder in 18 Ländern, in Oslo, Bukarest, Athen, Kuala Lumpur und in Ouagadougou in Burkina Faso. "Von dort reisten wir auch in Christoph Schlingensiefs Operndorf weiter", erzählt Volkmann bei einem Treffen im Vorfeld der Premiere seines Stücks "Das entwaffnende Pferd" am 23. Februar im Objektif-Theater.

Um die Entstehung des neuen Stücks zu verstehen, müsse er erst noch etwas mehr von seinem vorangegangenen Projekt erzählen, sagt Volkmann. Denn die neue Inszenierung basiere auf den Gedanken der "Frage-Bücher", die die Konferenz-Kinder weltweit in einem mehrtägigen künstlerischen Verdichtungsprozess gestalteten. "Aus den Inhalten der Bücher ergab sich ganz klar als Top-Thema der Wunsch nach Frieden auf der Welt."

Etwa 1000 dieser Bücher waren im vergangenen September in Nürnberg bei der abschließenden "Gipfelkonferenz der Kinder" an der Straße der Menschenrechte ausgestellt. Um die Botschaft sichtbar zu machen, ging Volkmann auch hier nach einer kurzen Bühnenpräsentation mit den Kindern hinaus auf die Straße, um die Leute zu bitten, mit ihren Autos als "Werbeträger" zu fungieren. In Nürnberg waren es dann immerhin 30 Passanten, die ihre Autos spontan mit der Friedensbotschaft bemalen ließen. "Dazu muss man sagen, dass wir mit einer Kreidefarbe arbeiten, die sich problemlos wieder abwaschen lässt", sagt Volkmann. Genau dies machte übrigens auch Fürst Adam II. zur Bedingung, als er Volkmann und seinen Konferenz-Kindern in einer Audienz einen seiner Wagen zum Bemalen zur Verfügung stellte.

Der Besuch in Liechtenstein beleuchtet sehr schön die Kernkompetenz des 50 Jahre alten Holzbildhauers und Konzeptkünstlers: Ohne Schwellenängste und sehr engagiert trägt er seine Anliegen in Form von "Gesellschaftsinszenierungen" an die Menschen heran - und begeistert sie für seine "Zusammenkunst", wie er sie nennt. "Sicherlich hat mich auch Joseph Beuys' Idee der Sozialen Skulptur inspiriert", sagt Volkmann. Schon früher machte er mit Gesellschaftsinszenierungen im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam. Etwa mit seiner Aktion "Unbezahlbar", für die er vier Jahre lang von Deutschland über Spanien, Irland, Ägypten, Israel und Palästina bis nach Indien und China unterwegs war. Auf zentralen Plätzen stellte er da mit Papier umwickelte, weiß eingedeckte Tische auf. Passanten lud er ein, auf den Papier-Tellern zu notieren, was für sie "unbezahlbar" sei. "Die Auswertung ergab seinerzeit, dass für ganz viele Menschen ,Kinder und deren Wohl' ein Gut ist, das sie für nicht bezahlbar halten", sagt Volkmann.

Danach erschien es ihm nur folgerichtig, die Kinder selbst zu befragen - nach dem, was sie für wertvoll erachten. "Eng verknüpft mit dem Wunsch nach Frieden ist für die Kinder die Abschaffung von Waffen", sagt Volkmann. Und weil er sich selten mit der theoretischen Erkenntnis zufrieden gibt, hat er auch dazu wieder eine Kunstaktion zum Mitmachen konzipiert. Mit seinem deutsch-türkischen Kooperationsstück "Das entwaffnende Pferd" ruft er nun zur "Abrüstung" in den Kinderzimmern auf. "Wir haben eine weltweite Plastikwaffensammlung initiiert, gemeinsam mit dem Spielzeugmuseum Nürnberg, in dem wir das Stück ebenfalls zeigen werden", sagt Volkmann. Das gesammelte Material will er zu einer vier Meter hohen Skulptur verformen. Im Herbst soll das "Kunstwerk des Friedens" in Nürnberg eingeweiht werden, an dem vermutlich auch Joseph Beuys seine Freude gehabt hätte. Der hat immerhin einmal eine Kopie der Zarenkrone Iwans des Schrecklichen zu einem goldenen Hasen einschmelzen lassen - einem Tier, das er immer wieder als Zeichen des Friedens eingesetzt hatte.

Volkmann hingegen rückt ein anderes Tier in den Mittelpunkt seines neuen Stücks, mit dem er künstlerische Realpolitik auf der Bühne inszeniert. "Unser szenisches Spiel versieht das trojanische Pferd aus der antiken Sage mit umgekehrten Vorzeichen", sagt Volkmann. Während in der Schlacht um Troja dem Pferd des Nachts Soldaten entstiegen, die den Griechen bei der Belagerung der Stadt zum Sieg verhalfen, können in der aktuellen Inszenierung "die Zuschauer sich selbst entwaffnen."

Dafür errichtet Volkmann auf der Bühne eine zwei mal zwei Meter große Holzwand. Mit Sägen und Hämmern, mit Schrauben und Nägeln wird sie vor den Augen der Zuschauer bemalt, zersägt und verschraubt. "Am Ende steht eine Holzkiste auf der Bühne, in der der Ausschnitt eines Pferdes als Einwurfstelle für mitgebrachte Plastikwaffen dient", sagt Volkmann. Mit seinem mobilen Objekttheater behandele er einerseits das Thema "Krieg und Frieden" spielerisch. Andererseits generiere es eine Sammelbox für Plastikwaffen, die nach dem Auftritt an dem jeweiligen Ort stehen bleiben könne. Vielleicht kommt ja so viel Material zusammen, dass Volkmann daraus nicht nur eine Säule, sondern einen ganzen Tempel der Entwaffnung errichten kann.

Das entwaffnende Pferd, Samstag, 23. Februar, 18 Uhr, Objektif Theater in Nürnberg, Sonntag, 17. März, 15 Uhr, Spielzeugmuseum Nürnberg