"The Tribe" im Kino:Als Zuhälter ausgewählt

Die Kamera dokumentiert das scheinbar unbeteiligt. Der Mensch ist als Herdentier zu sehen, das ums Überleben kämpft und um seinen Rang. Im Internat hat eine Gang das Sagen. Die Jugendlichen unternehmen Raubüberfälle, schlagen einen Mann nieder und treten noch nach, als der längst am Boden liegt und sich nicht mehr rührt. So laden die Underdogs ihren Frust ab. Zwei Mitschülerinnen werden nachts zu einem Lkw-Parkplatz kutschiert und dort den Fahrern angeboten. Ein Lehrer ist der Organisator, vielleicht sogar der Drahtzieher dieses kriminellen Systems. Auch der etwas dickliche Sergey, der anfangs unsicher und langsam wirkt, wird Teil der Gang. Er wird als Zuhälter ausgewählt - und verliebt sich.

Als er den routinierten Blowjob ablehnt, der ihm in seiner Position zusteht, und er Anna (Yana Novikova) ebenfalls Lust beim Sex schenken will, wird diese gleich aggressiv: Liebe und Zärtlichkeit sind nicht vorgesehen, sie stören und zerstören am Ende dieses System.

Nebenbei erzählt der Film von Korruption

Kameramann Valentyn Vasyanovych hat zuvor Dokumentarfilme gedreht. Er arbeitet mit der Handkamera, die Sergey folgt. In langen Plansequenzen wird das Territorium dieser Stammestruppe aufgezeigt: Internatszimmer, die als einzige Privatsphäre ein Nachtkästchen bieten; die langen Gänge des Heims; ein heruntergekommenes Haus, das der Gang als Bühne für Kämpfe dient. Es sind keine Zufallsbilder, die die Handkamera hier produziert, sondern sorgfältig komponierte Einstellungen. Besonders schön: die Bilder, in denen Anna und Sergey miteinander schlafen, in denen die nackten Körper wie eine Skulptur erscheinen. Herausgehoben und fremdartig wirken sie, weil ihre Liebe in diesem System einmalig, ungeheuerlich und unschuldig schön ist. Bei der "Semaine de la Critique" 2014 in Cannes wurde Slaboshpytskiy gleich doppelt prämiert, außerdem bekam er den Europäischen Filmpreis als bestes Debüt. "The Tribe" war sogar einer der ukrainischen Kandidaten für den Auslands-Oscar. Das Auswahlkomitee entschied sich jedoch für einen anderen Film, in einer zweifelhaften, angeblich durch "Interessenkonflikte" beeinflussten Entscheidung, nach der das Komitee aufgelöst wurde. Das passt zu diesem Film, der wie nebenbei auch von Korruption erzählt.

Nimmt man das Internat als Gesellschaftsbild, fällt außerdem das Fehlen von Autoritäten auf - und dass niemand um Hilfe bittet. Das ist vielleicht das Beklemmendste an "The Tribe": Wenn es ganz schlimm kommt, keuchen oder wimmern die Opfer - aber sie schreien nie.

Plemya, Ukraine 2014 - Regie, Buch: Myroslav Slaboshpytskiy. Kamera, Schnitt: Valentyn Vasyanovych. Mit: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy. Rapid Eye Movies, 132 Minuten.

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