"The Tribe" im Kino:Frustrierte Underdogs

"The Tribe" im Kino: Zärtliche erste Liebe in einem gewalttätigen und kriminellen Teenager-Kosmos: Yana Novikova und Grigoriy Fesenko im vielfach prämierten Drama "The Tribe".

Zärtliche erste Liebe in einem gewalttätigen und kriminellen Teenager-Kosmos: Yana Novikova und Grigoriy Fesenko im vielfach prämierten Drama "The Tribe".

(Foto: Rapid Eye)

In seinem überwältigenden Film "The Tribe" erzählt der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy von den brutalen Riten in einem Internat - komplett in Gebärdensprache.

Von Martina Knoben

Ein Film ohne Worte, alle Gespräche finden in Gebärdensprache statt. Es gibt keine Untertitel und keinen Kommentar. "The Tribe" ist eine Hommage an den Stummfilm, sagt der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy: "Gebärdensprache ist wie ein Tanz, wie Ballett, wie Pantomime oder Kabuki-Theater. Gleichwohl fehlt ihr der Aspekt der Groteske - denn so kommunizieren Menschen tatsächlich."

So künstlich der Verzicht auf gesprochene Sprache auf den ersten Blick wirkt, so natürlich fühlt sich die Kommunikation mittels Handzeichen bald an, schließlich spielt "The Tribe" in einem Internat für Gehörlose. Die Wirkung ist enorm. Wenn die Jugendlichen reden, sprechen nicht nur die Hände, es spricht der ganze Körper. Mit formaler Raffinesse wird eine wuchtige und grausame Geschichte erzählt - wegen seiner Gewalt- und Sexszenen eilte "The Tribe" der Ruf des Skandalfilms voraus. Dass die Gebärdensprache "natürlicher" wirkt als Worte, heißt hier: animalischer, unmittelbarer, roher und intensiver. Weil das Selbstverständliche fehlt, wird für den Zuschauer alles zum Zeichen.

Als Hörender steht man zunächst ziemlich außen vor. Nicht nur, dass man das Gesagte nicht versteht, auch dessen Tonalität lässt sich nur schwer deuten. Entspricht dieses schnelle, harte Fuchteln in der Luft lautem Streit? Abgrenzung und Ausgrenzung sind zentrale Themen im Film, das können Hörende nachfühlen. Die Darsteller sind alle gehörlose Laiendarsteller, die der Regisseur über soziale Netzwerke gefunden hat.

Wir lernen das Internat zusammen mit einem Neuen kennen, Sergey. Das neue Schuljahr hat gerade begonnen, auf Sergey (Grigoriy Fesenko) hat niemand gewartet. Das gilt im Grunde für alle diese gehörlosen Jungen und Mädchen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, am Rand der Gesellschaft. Und weil auch die Ukraine ein Land am geografischen Rand ist, lässt sich der Film auch politisch lesen. Gedreht hat Slaboshpytskiy in Kiew, zu der Zeit, als der Streit um Europa auf dem Maidan zu blutigen Protesten führte. Die Gewalt, die dort zum Ausbruch kam, ist auch im Film präsent, als latente Bedrohung in den grauen Winterbildern. Niemand heißt Sergey willkommen, niemand schenkt ihm Zuneigung. Im Speisesaal setzt er sich zu einem Jungen mit Downsyndrom, der ihm sein Essen wegnimmt. Er bekommt ein Zimmer zugewiesen, wird von den anderen Jungen aber rausgeworfen.

Als Zuhälter ausgewählt

Die Kamera dokumentiert das scheinbar unbeteiligt. Der Mensch ist als Herdentier zu sehen, das ums Überleben kämpft und um seinen Rang. Im Internat hat eine Gang das Sagen. Die Jugendlichen unternehmen Raubüberfälle, schlagen einen Mann nieder und treten noch nach, als der längst am Boden liegt und sich nicht mehr rührt. So laden die Underdogs ihren Frust ab. Zwei Mitschülerinnen werden nachts zu einem Lkw-Parkplatz kutschiert und dort den Fahrern angeboten. Ein Lehrer ist der Organisator, vielleicht sogar der Drahtzieher dieses kriminellen Systems. Auch der etwas dickliche Sergey, der anfangs unsicher und langsam wirkt, wird Teil der Gang. Er wird als Zuhälter ausgewählt - und verliebt sich.

Als er den routinierten Blowjob ablehnt, der ihm in seiner Position zusteht, und er Anna (Yana Novikova) ebenfalls Lust beim Sex schenken will, wird diese gleich aggressiv: Liebe und Zärtlichkeit sind nicht vorgesehen, sie stören und zerstören am Ende dieses System.

Nebenbei erzählt der Film von Korruption

Kameramann Valentyn Vasyanovych hat zuvor Dokumentarfilme gedreht. Er arbeitet mit der Handkamera, die Sergey folgt. In langen Plansequenzen wird das Territorium dieser Stammestruppe aufgezeigt: Internatszimmer, die als einzige Privatsphäre ein Nachtkästchen bieten; die langen Gänge des Heims; ein heruntergekommenes Haus, das der Gang als Bühne für Kämpfe dient. Es sind keine Zufallsbilder, die die Handkamera hier produziert, sondern sorgfältig komponierte Einstellungen. Besonders schön: die Bilder, in denen Anna und Sergey miteinander schlafen, in denen die nackten Körper wie eine Skulptur erscheinen. Herausgehoben und fremdartig wirken sie, weil ihre Liebe in diesem System einmalig, ungeheuerlich und unschuldig schön ist. Bei der "Semaine de la Critique" 2014 in Cannes wurde Slaboshpytskiy gleich doppelt prämiert, außerdem bekam er den Europäischen Filmpreis als bestes Debüt. "The Tribe" war sogar einer der ukrainischen Kandidaten für den Auslands-Oscar. Das Auswahlkomitee entschied sich jedoch für einen anderen Film, in einer zweifelhaften, angeblich durch "Interessenkonflikte" beeinflussten Entscheidung, nach der das Komitee aufgelöst wurde. Das passt zu diesem Film, der wie nebenbei auch von Korruption erzählt.

Nimmt man das Internat als Gesellschaftsbild, fällt außerdem das Fehlen von Autoritäten auf - und dass niemand um Hilfe bittet. Das ist vielleicht das Beklemmendste an "The Tribe": Wenn es ganz schlimm kommt, keuchen oder wimmern die Opfer - aber sie schreien nie.

Plemya, Ukraine 2014 - Regie, Buch: Myroslav Slaboshpytskiy. Kamera, Schnitt: Valentyn Vasyanovych. Mit: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, Rosa Babiy. Rapid Eye Movies, 132 Minuten.

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