"The Tribe" im Kino Frustrierte Underdogs

In seinem überwältigenden Film "The Tribe" erzählt der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy von den brutalen Riten in einem Internat - komplett in Gebärdensprache.

Von Martina Knoben

Ein Film ohne Worte, alle Gespräche finden in Gebärdensprache statt. Es gibt keine Untertitel und keinen Kommentar. "The Tribe" ist eine Hommage an den Stummfilm, sagt der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy: "Gebärdensprache ist wie ein Tanz, wie Ballett, wie Pantomime oder Kabuki-Theater. Gleichwohl fehlt ihr der Aspekt der Groteske - denn so kommunizieren Menschen tatsächlich."

So künstlich der Verzicht auf gesprochene Sprache auf den ersten Blick wirkt, so natürlich fühlt sich die Kommunikation mittels Handzeichen bald an, schließlich spielt "The Tribe" in einem Internat für Gehörlose. Die Wirkung ist enorm. Wenn die Jugendlichen reden, sprechen nicht nur die Hände, es spricht der ganze Körper. Mit formaler Raffinesse wird eine wuchtige und grausame Geschichte erzählt - wegen seiner Gewalt- und Sexszenen eilte "The Tribe" der Ruf des Skandalfilms voraus. Dass die Gebärdensprache "natürlicher" wirkt als Worte, heißt hier: animalischer, unmittelbarer, roher und intensiver. Weil das Selbstverständliche fehlt, wird für den Zuschauer alles zum Zeichen.

Als Hörender steht man zunächst ziemlich außen vor. Nicht nur, dass man das Gesagte nicht versteht, auch dessen Tonalität lässt sich nur schwer deuten. Entspricht dieses schnelle, harte Fuchteln in der Luft lautem Streit? Abgrenzung und Ausgrenzung sind zentrale Themen im Film, das können Hörende nachfühlen. Die Darsteller sind alle gehörlose Laiendarsteller, die der Regisseur über soziale Netzwerke gefunden hat.

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Wir lernen das Internat zusammen mit einem Neuen kennen, Sergey. Das neue Schuljahr hat gerade begonnen, auf Sergey (Grigoriy Fesenko) hat niemand gewartet. Das gilt im Grunde für alle diese gehörlosen Jungen und Mädchen. Sie leben in ihrer eigenen Welt, am Rand der Gesellschaft. Und weil auch die Ukraine ein Land am geografischen Rand ist, lässt sich der Film auch politisch lesen. Gedreht hat Slaboshpytskiy in Kiew, zu der Zeit, als der Streit um Europa auf dem Maidan zu blutigen Protesten führte. Die Gewalt, die dort zum Ausbruch kam, ist auch im Film präsent, als latente Bedrohung in den grauen Winterbildern. Niemand heißt Sergey willkommen, niemand schenkt ihm Zuneigung. Im Speisesaal setzt er sich zu einem Jungen mit Downsyndrom, der ihm sein Essen wegnimmt. Er bekommt ein Zimmer zugewiesen, wird von den anderen Jungen aber rausgeworfen.