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"The Silkworm" von J. K. Rowling:Interessanter, als Harry Potter es je war

Enjoy the Silence: London Approaches First Anniversary Of The London Olympics

Die Stadt London ist nicht nur Tatort, sondern auch Protagonistin.

(Foto: Vittorio Zunino Celotto/Getty)

Robert Galbraith alias J. K. Rowling hat einen brillanten neuen Serienhelden erfunden: den Privatermittler Cormoran Strike. In "The Silkworm" löst er seinen zweiten Fall.

Von Alexander Menden

"Der Ruf des Kuckucks", der erste Roman, den J. K. Rowling vergangenes Jahr unter dem Decknamen Robert Galbraith veröffentlichte, erregte reichlich Aufmerksamkeit - allerdings erst, als das Geheimnis um die wahre Autorschaft gelüftet wurde. Dass es sich um einen sehr soliden, atmosphärisch dichten Krimi handelte, war zwar ein paar Monate zuvor von den wenigen britischen Rezensenten bemerkt worden, die dachten, er sei tatsächlich von einem ehemaligen Militärpolizisten geschrieben. Doch dann kam heraus, dass Harry Potters Mutter hinter der Geschichte über den kriegsversehrten Londoner Privatdetektiv Cormoran Strike steckte. Prompt traten die literarischen Qualitäten des Buchs gegenüber den Spekulationen über Enttarnungsquellen und Rowlings mögliche Motive für die pseudonyme Veröffentlichung erst einmal in den Hintergrund.

Bei "The Silkworm", dem ersten Strike-Nachfolgeband (die deutsche Übersetzung erscheint im November), steht zwar noch immer "Robert Galbraith" auf dem Umschlag, aber die Karten liegen auf dem Tisch. Man kann sich ohne Ablenkung der Story widmen. Sie ist in einer Welt angesiedelt, welche Rowling nicht nur bestens kennt, sondern schon lange von der höchst privilegierten Position einer unantastbaren Außenseiterin aus betrachten kann: im Literaturbetrieb. Und obwohl der Fall des verschwundenen Autors Owen Quine allen Genreerfordernissen in Sachen Konstruktion und Spannung spielend gerecht wird, ist es, wie schon im ersten Band, Rowlings Gespür für Milieus, Charaktere und vor allem für die Stadt London, die den Leser mit Vergnügen in die Welt des Cormoran Strike eintauchen lässt.

Es ist mittlerweile Ende 2010, Cormoran Strike ist in eine kleine Wohnung über seinem Büro in der Denmark Street eingezogen. Die Beziehung zu seiner scharfsinnigen Sekretären Robin, die selbst detektivische Ambitionen hegt, wird von ihrem attraktiven, aber kleinkarierten Verlobten eifersüchtig beobachtet. Strike ist sich nicht zu schade, sein Einkommen aufzubessern, indem er einem Reporter der zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschafften News of the World belastendes Material über korrupte Politiker besorgt. Rowlings Abscheu gegenüber der britischen Boulevardpresse bricht sich immer wieder in amüsanter Form Bahn. Nicht nur in der unsympathischen Figur des Journalisten Dominic Culpepper, sondern auch in den zunehmend reißerischen Überschriften, mit denen die Londoner Revolverblätter seinen Fall begleiten ("Perverser Autor bei Sexspielchen ausgeweidet").

Das wahre Corpus Delicti der Geschichte ist "Bombyx Mori", der wissenschaftliche Name des Seidenspinners, dessen Larve Rowlings Buch den Titel gibt. Dieses Manuskript eines unveröffentlichten Schlüsselromans quillt nicht nur über vor grobschlächtigem Symbolismus und allen erdenklichen sexuellen Devianzen, sondern verunglimpft auch kaum verschlüsselt eine Reihe von Autoren, Freunden und Verlagsbossen. Rowling kann in der Nacherzählung dieses Machwerks ihrer schon oft angedeuteten Vorliebe für makabre Perversionen freien Lauf lassen, und sie tut das inmitten verrottender Penisse und allerlei Sadomaso-Phantasien mit Gusto.

Bei seinen Bemühungen zu beweisen, dass nicht die unbedarfte Witwe des "Bombyx Mori"-Autors Owen Quine die Mörderin ist - Quines grotesk zugerichtete Leiche findet natürlich Strike selbst - trifft der Detektiv auf eine Reihe wenig einnehmender Gestalten: eine desillusionierte, hexenhafte Literaturagentin, die in einem "nach Zigaretten und altem Hund" stinkenden Büro residiert. Einen alkoholkranken Lektor, der bei einem Lunch seinen Rotwein hinunterstürzt und aufatmet "wie ein Mann, der gerade dringend notwendige medizinische Hilfe erhalten" hat. Da ist der verklemmte Verlagsboss, der gern nackte junge Männer malt, die ihr eigenes Talent wahnhaft überschätzende Quine-Geliebte, die ihre erotischen Geschichten im Internet veröffentlicht. Und der arrogante Erfolgsautor Michael Farncourt, ein Mann mit "säuerlichem Ausdruck" und einem "übergroßen Kopf". Farncourt hat eine Vorliebe für englische Rachetragödien des 17. Jahrhunderts.

Jedem "Silkworm"-Kapitel ist ein passendes Zitat aus einschlägigen Stücken Thomas Dekkers, John Websters und anderer zeitgenössischer Dramatiker vorangestellt. Man ahnt, wer für diesen eitlen, allseits gefeierten Literaten als Vorbild diente. Aber "The Silkworm" funktioniert auch ohne solche Zuordnungen als witziges, wenig schmeichelhaftes Sittengemälde einer Verlagswelt, in der keiner dem anderen den kleinsten Erfolg gönnt und in der Egomanie mindestens so maßgeblich zu sein scheint wie wirkliches Talent.

Trinkfreudiger Arsenal-Fan, der Catull zitiert

Kontrastierend zeigt Rowling einen detektivischen Arbeitsalltag, der vor allem aus der öden Beschattung von Ehemännern und -frauen besteht, die von ihren Partnern der Untreue verdächtigt werden: Das ewige Warten in der Kälte auf die Gelegenheit zu ein paar belastenden Schnappschüssen, hastig eingeworfenes Fastfood, nervende Klienten. Meisterhaft baut sie all die Schwierigkeiten ein, die ein Privatdetektiv bei der Aufklärung eines Mordfalles auszustehen hat - kein Durchsuchungs- oder Befragungsrecht, keine rechtlichen Kompetenzen, die tiefe Abneigung der Polizei. All das inmitten eines winterlichen London, das Strike unruhig durchstreift, von der Sozialsiedlung in Fulham zur viktorianischen Häuserreihe in Kensal Rise, von der holzvertäfelten Steifheit des Restaurants Simpson's am Strand bis zum geldgetränkten Bohemianismus des Groucho Clubs in der Dean Street.

Wie schon im "Ruf des Kuckucks" ist die Auflösung am Ende fast zu passgenau, wobei das diesmal durchaus zum Mord passt, den Strike selbst arg "literarisch" findet. Das mindert aber keineswegs das Lektüreerlebnis. J.K. Rowling hat einen neuen Serienhelden, einen trinkfreudigen Arsenal-Fan, der auswendig Catull im lateinischen Original zitiert - beschädigt, brillant, weit interessanter, als Harry Potter es je war. Schon bald soll der Detektiv in seinen nächsten Fall hinken - die Autorin hat erfreulicherweise angekündigt, mindestens so viele Cormoran-Strike-Romane zu verfassen, wie es Potter-Bücher gibt.

Robert Galbraith: The Silkworm. Sphere, London 2014. 456 Seiten, 26 Euro, E-Book 11,59 Euro.

© SZ vom 29.07.2014/mkoh

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