"The Shape of Water" im Kino Strickland will ausschließlich Macht demonstrieren

"The Shape of Water" könnte von "Amelie" allerdings nicht weiter entfernt sein. Guillermo del Toro beschwört nicht einfach die Macht der Fantasie und der Liebe. Im Gegenteil. Er porträtiert direkt und schonungslos autoritäre weiße Hetero-Tyrannen wie Strickland, denen in der "Me Too"-Bewegung aktuell der Garaus gemacht werden soll. Darin ist er ziemlich explizit - und realistisch.

Strickland gehört zu jenen Exemplaren seiner Gattung, die mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz keinerlei Probleme haben (er macht sich an die stumme Elisa ran, weil er auf Frauen steht, die die Klappe halten) und ebenso wenig mit hasserfüllter Gewalt gegen alles, was nicht weiß, westlich oder menschlich ist - wie der Fischmann. Den traktiert er mit seinem martialischen Elektroschockstab. Wenn er seine Vivisektion befiehlt, geht es ihm nicht um Erkenntnisse, sondern darum, seine schiere Macht zu demonstrieren. Man hat selten im Kino so deutlich einen weißen Mann vor Augen geführt bekommen, der ganz und gar die nekropolitische Funktion auslebt, die ihm die Gesellschaft zugewiesen hat: zu töten. "Sie sind ein Mann der Zukunft", sagt ihm der Autohändler beim Kauf eines neuen Cadillacs. Und tatsächlich feiert diese faschistoide Verachtung für jegliche Form von Freundlichkeit und ethischer Sensibilität im Westen ja gerade ein ausgiebiges Revival.

Solidarität zwischen mehreren Minderheiten

Gleichzeitig zerbricht Strickland an den Erwartungen, die an ihn als Mann gestellt werden, sodass er sich nur noch mit Tabletten und Büchern über positives Denken über Wasser halten kann. Nachdem Elisa ihm den Fischmann weggeschnappt hat, macht ihm sein Vorgesetzter in der Militäranlage das Leben zur Hölle: "Ein Mann braucht keinen Anstand", sagt ihm der hohe General, "außer den Anstand, nicht zu versagen." Wer will unter solchen Bedingungen ein weißer Mann sein? Was kann es Grässlicheres geben, als in einer Gesellschaft eine solche Rolle ausfüllen zu müssen?

Ist Strickland also wirklich die Zukunft? Der Film wird keinen Zweifel daran lassen, dass es zumindest einen starken Widerstand dagegen geben wird. Und dieser entsteht hier durch die Solidarität zwischen mehreren Minderheiten. Elisas Nachbar, der schwule Zeichner, wird aus einem Diner verwiesen - im selben Moment wie zwei Schwarze. Dass beides gleichzeitig stattfindet, ist enorm wichtig, sie werden gleichermaßen diskriminiert.

Das Wasser, das durch diesen Film fließt, in der Eröffnungssequenz, im Badewasser und später im strömenden Regen - es verflüssigt auch die Trennlinien zwischen unterschiedlichen Minderheiten, bringt sie zusammen im Kampf gegen den weißen Suprematisten Strickland. Bei der Befreiung des Fischmenschen wird die stumme Elisa Hilfe bekommen von ihrem schwulen Nachbarn, ihrer schwarzen Freundin und Arbeitskollegin sowie von einem ausländischen (russischen) Wissenschaftler. Durch die Fischkreatur sind sogar nichtmenschliche Wesen in der Allianz vertreten. Er ist stumm, ich bin stumm, sagt Elisa einmal - was ist der Unterschied? "The Shape of Water" überwindet selbst noch Diskriminierungen über Speziesgrenzen hinweg.

In einer Szene geht der Fischmensch ins Kino, unterhalb von Elisas Wohnung. Es läuft "Das Buch Ruth", ein Hollywood-Bibelfilm von Henry Koster aus dem Jahr 1960. Und was sieht die Kreatur auf der Leinwand? Eine Szene, in der Sklaven ausgepeitscht werden. "The Shape of Water" markiert einen Moment in der Geschichte des Kinos, in dem all jene, die vom weißen Mann über Jahrhunderte versklavt wurden, vor und hinter der Kamera und im wirklichen Leben auf die Leinwand drängen und seine Vorherrschaft für beendet erklären.

In die traumhafte Bilderwelt des Films einzutauchen, heißt also nicht, in einer Art "Amelie"-Schmonzette zu versinken, sondern im Medium der fundamentalen Diversität des Lebens - im Wasser. Das Kino hat uns lange mit weißen Männern gefüttert, hat sie uns als Helden verkauft, als leinwandgroße weiße Riesen. "The Shape of Water" löst sie auf, im großen Bad der Bilder, wo sie sich nunmehr mit allen anderen Leinwandkreaturen tummeln können. Und auch immer öfter von ihnen gefressen werden.

The Shape of Water, USA 2017. - Regie: Guillermo del Toro. Buch: Del Toro, Vanessa Taylor. Kamera: Dan Laustsen. Mit Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins. Fox, 123 Minuten.

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