Was zählt? Der amerikanische Philosoph C. Thi Nguyen hat sich in seinem neuen Buch „Der Score“ die Grundfrage der Leistungsgesellschaft vorgenommen und dann auch gleich eine Art Höhlengleichnis der durchdigitalisierten Meritokratie der Gegenwart abgeliefert. Er beschreibt den Menschen des 21. Jahrhunderts als Gefangenen einer Metrik, die die Digitalisierung zu einem Zwangskokon des Alltags- und Berufslebens gemacht hat. Die Menschen lassen sich das nicht nur gefallen, sie liefern sich diesen Prozessen voller Hingabe aus. Weil die Metrik die Wertesysteme von den Unklarheiten der Ethik, der Zweifel, der Empathie und der Menschlichkeit befreit hat. Zahlen, so schreibt Nguyen, liefern eine Klarheit, die von Logik und Wissenschaft bestimmt eindeutige Wege aufzeigt. Jede Note im Bildungswesen, jeder Körperwert einer Gesundheits-App, jedes Herzchen, Sternchen, Däumchen in den sozialen Medien ist demnach eine Mikro-Erleuchtung. Sie schaffen Transparenz, definieren Ziele, und vor allem treiben sie den Motor der Meritokratie, den Wettbewerb. Dem ist nur schwer zu entkommen.
PhilosophieDer Weg ist das Spiel
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Der Philosoph C. Thi Nguyen warnt in „Der Score“ vor der Welt der ständigen Punkteverteilung und Bewertung. Und hat einen Ausweg parat.
Von Andrian Kreye
