Dokumentarfilm "The Rescue" auf Disney+:Höhlengleichnis

Lesezeit: 5 min

Dokumentarfilm "The Rescue" auf Disney+: Einige der Szenen in dem Dokumentarfilm wurden mit klarem Wasser im Studio nachgestellt.

Einige der Szenen in dem Dokumentarfilm wurden mit klarem Wasser im Studio nachgestellt.

(Foto: Disney+)

Wie genau gelang es wirklich, zwölf eingeschlossene Jungs und ihren Trainer aus der Tham-Luang-Höhle in Thailand zu befreien? Ein neuer Dokumentarfilm enthüllt die Geheimnisse der Rettungsaktion, die 2018 die Welt in Atem hielt.

Von Tobias Kniebe

In jedem großen Drama gibt es den Moment, in dem die Gegenkräfte scheinbar unüberwindlich werden. In dem der Feind keine Gnade mehr kennt, in dem die Zeit zu knapp und das Risiko zu groß wird, in dem auch die Mächtigsten ihre Machtlosigkeit eingestehen müssen. Bei der Rettungsaktion in der Tham-Luang-Höhle in Thailand gab es nicht nur einen dieser Momente.

Und doch, das wissen wir ja, ist daraus keine Tragödie geworden. Weil es auch in diesen schicksalhaften Augenblicken ein paar Menschen gab, die nicht aufgeben konnten. Die sich geweigert haben, das Ende zu akzeptieren. Die gegen jede Vernunft noch den einen Schritt weiter gingen. Und dann den nächsten, und den übernächsten.

Dass man das jetzt noch einmal durchleben und durchzittern darf, als wäre man selbst in den Höhlengängen dabei, ist der große Triumph des Dokumentarfilms "The Rescue" von Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin. Ein Triumph, der umso erstaunlicher ist, weil man die Story ja zu kennen meint. Drei Jahre ist das alles erst her, im Juni und Juli 2018 spielte sich es sich in den Nachrichten ab, am Ende wurde weltweit rund um die Uhr berichtet.

Zwölf Fußball-Jungs und ihr Trainer also, die von einer Höhlentour in den Untergrund nicht zurückkommen, weil starker Monsunregen die Gänge geflutet hat. Die Welt ohne Lebenszeichen, neun Tage lang. Dann die Entdeckung der Jungs, ausgezehrt, aber unverletzt, in einem fast unzugänglichen Hohlraum im Inneren des Bergs. Und schließlich, nach neun weiteren Tagen, die vollständige Rettung. Das ist alles noch frisch im Gedächtnis.

Man weiß auch noch, dass relativ schnell das thailändische Militär übernahm, die Nachrichtenbilder zeigten Camps mit Uniformierten vor dem Höhleneingang. Und dass ein hochdekorierter Marinetaucher mittendrin starb, weil ihm der Sauerstoff ausging. Erst die Hintergrundinformationen und Zeugenaussagen in "The Rescue" machen allerdings klar, wie verloren auch die besten Marinetaucher in solchen Höhlensystemen sind - und sein müssen.

Zwei ältere britische Nerds als letzte und beste Hoffnung? Na toll

Das begreift man, wenn John Volanthen und Rick Stanton ins Bild kommen. Der eine Ende 40, ein IT-Fachmann, der andere Ende 50 und schon pensioniert, früher Feuerwehrmann. Kein Mensch würde die beiden schön oder strahlend nennen. Sie wirken etwas unbeholfen, scheu vor der Kamera, beinah entschuldigend versuchen sie, den tiefen inneren Frieden zu erklären, den ihr seltsames Hobby ihnen bringt. Ausweislich mehrerer Tiefen- und Streckenrekorde sind sie die besten Höhlentaucher der Welt.

Wenn zwei solche Nerds auf einmal die letzte und beste Hoffnung sind, die wir als Menschheit zu bieten haben, ist das schon mal toll. Noch besser aber wird es durch die ungerührte britische Nüchternheit und Ehrlichkeit, mit der Volanthen und Stanton nun den weiteren Verlauf der Ereignisse kommentieren. Die Kreislauftauchgeräte zum Beispiel, mit denen sie länger unter Wasser bleiben können als jeder Navy-Seal-Soldat, haben sie in jahrelanger Bastelarbeit selbst gebaut. Diese sehen, wie ihre ganze Ausrüstung, nicht gerade vertrauenerweckend aus.

Aber auch diese beiden merken bald, vor welcher Herausforderung sie stehen. Vier erwachsene Thais, die sie zunächst aus dem vorderen Teil der Höhle heraustauchen, schlagen unter Wasser wild um sich - mit den Kindern, falls sie noch leben, wird dieser Art der Rettung nicht möglich sein. Dann schüttet es immer mehr, die unterirdische Strömung wird unüberwindlich und reißend. Die Engländer schauen schon nach Rückflügen, da gelingt dem Oberflächenteam ein Erfolg. Ein kompletter Bergbach wird umgeleitet, die Strömung in der Höhle lässt nach.

Nach neun Tagen wagen die beiden Taucher dann einen Vorstoß, der sie tiefer in die Höhle hineinführt als in den Tagen zuvor - weiter, als die dicke abgewickelte Seilrolle reicht, die sie zum Ausgang zurückführen muss, weiter sogar, als ihre Sicherheitsreserven für den Sauerstoff es eigentlich erlauben. Das ist der Augenblick, wo selbst diese staubtrockenen Briten zu Mystikern werden.

"Ich hatte auf einmal das starke Gefühl, dass wir jetzt nicht umkehren dürfen", erinnert sich Volanthen. Und siehe da, in einem Lufthohlraum bei Kilometer 4,2 riecht es auf einmal richtig streng. Dann schauen die beiden in dreizehn ausgezehrte, aber lebendige Gesichter im Schein der Taschenlampen. Nach neun Tagen Eingesperrtsein ohne Nahrung ist die Ruhe und Freundlichkeit dieser Kids schlichtweg atemberaubend - eine fundamentale Lektion für uns alle, die wir in ein paar Unannehmlichkeiten im Alltag bereits die Lizenz zum Durchdrehen sehen. "Believe - Glaube!" hört man Volanthen auf der Tonspur sagen. Er will sich selbst von dem Wunder überzeugen.

Dokumentarfilm "The Rescue" auf Disney+: Die ersten Bilder der Jungen, die nach ihrer Entdeckung in der Höhle um die Welt gingen, zeigten sie ausgezehrt, aber lebendig.

Die ersten Bilder der Jungen, die nach ihrer Entdeckung in der Höhle um die Welt gingen, zeigten sie ausgezehrt, aber lebendig.

(Foto: Tham Luang Rescue Operation Center/AP)

Der Film zeigt diesen bewegenden Moment in Echtzeit, weil die Taucher eine kleine Kamera dabeihatten und auch Kameras des thailändischen Militärs an den Helmen trugen. Nach langen Verhandlungen bekamen die Filmemacher Zugriff auf diese Aufnahmen, auch die bisher noch ungesehenen. Sie zeigen jedoch die Tauchgänge unter Wasser in einer Ausleuchtung, die es erlaubt, jeden Schritt genau zu verfolgen. Wie kann das sein?

Diese Aufnahmen sind nachträgliche Rekonstruktionen - im schlammigen Wasser der Höhle konnte man in Wirklichkeit nicht die Hand vor Augen sehen. Also haben die realen Höhlentaucher jeden ihrer Schritte für die Kamera des Dokumentarfilmteams noch einmal nachgestellt - in einem großen Wassertank in den Pinewood Studios mit Höhlendekoration. Mit den Details haben sie es dabei sehr genau genommen.

Nach der Entdeckung der Jungs wächst der Druck ins Unermessliche

Die Frage, wie authentisch das nun sein kann, kommt allerdings kaum auf, weil man längst vollständig in die Geschichte, nun ja, eingetaucht ist. Die Nachricht von der Entdeckung der Jungs geht um die Welt, und so schön sie ist - jetzt wächst auch der Druck auf alle Beteiligten fast ins Unermessliche. Wie um Himmels willen kann man diese wertvollen Menschenleben unter den Augen der Weltmedien da unten herausholen?

Die mehrstündige Tauchstrecke hat Engstellen, durch die gerade mal ein Mensch hindurchpasst, man braucht jahrelange Erfahrung im Höhlentauchen, um dort nicht in Panik zu geraten. Essen und Wärmedecken können zu den Kindern gebracht werden, weitere erfahrene Höhlentaucher aus allen Teilen der Erde kommen nun an, aber der Sauerstoffanteil im Hohlraum sinkt. Schon steht er bei 15 Prozent, der Marke, wo die Erstickungsgefahr beginnt... und der Wetterbericht kündigt in wenigen Tagen neue sintflutartige Regenfälle an.

Dokumentarfilm "The Rescue" auf Disney+: Essen und Decken gibt es, aber der Sauerstoff wird knapp: Wie können die Eingesperrten aus der Höhle herausgetaucht werden?

Essen und Decken gibt es, aber der Sauerstoff wird knapp: Wie können die Eingesperrten aus der Höhle herausgetaucht werden?

(Foto: Reuters)

Wie sich dieser Spannungsbogen, den sich kein Thriller-Großmeister mitleidloser hätte ausdenken können, schließlich auflöst? Da wird noch der australische Arzt Richard Harris eine große Rolle spielen, dessen Hobby ebenfalls das Höhlentauchen ist, eine Droge namens Ketamin, einige Überdruck-Spezialmasken, die zur Ausstattung des US-Militärs gehören, das ebenfalls mithilft, die Thai Navy Seals und der thailändische Innenminister, der schließlich das Go gibt.

Am Ende hat man das Gefühl, dass hier die Menschheit wirklich mal vereint an etwas gearbeitet hat, statt bloß egomane Selbstzerstörung zu betreiben. Es tut unendlich gut, dabei zuzuschauen. Und doch ist schließlich alles so nah an der Grenze zur Unwahrscheinlichkeit und zum Wahnsinn, dass für die Retter sogar ein Fluchtwagen bereitstand: Falls es schiefgegangen wäre. Falls die Kinder nicht überlebt hätten. Falls die öffentliche Meinung in Thailand schlagartig umgeschlagen wäre, gegen sie. Aber das muss man in "The Rescue" eigentlich selber sehen, um es zu glauben - eine der großen Filmerfahrungen dieses Jahres.

The Rescue, UK/USA 2021 - Regie: Elizabeth Chai Vasarhelyi, Jimmy Chin. Kamera: David Katznelson, Ian Seabrook. Mit Rick Stanton, John Volanthen. Dokumentarfilm von National Geographic auf Disney+, 114 Minuten. Streamingstart: 30. 12. 2021.

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