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"The Real American - Joe McCarthy" im Kino:Verschwörerische Blicke und viel Lippenstift

Er ist heute der Inbegriff des Hexenjägers, der mit seinen Verdächtigungen reihenweise Menschenleben ruinierte: US-Senator Joseph McCarthy entfesselte in den fünfziger Jahren eine gnadenlose Jagd auf vermeintliche Kommunisten und Spione in der Regierung. Lutz Hachmeister hat das Leben des Finstermanns in einem aktuellen Film rekonstruiert - leider etwas fernsehspielhaft.

Ein Auto fährt über Land, der Mann am Steuer sackt immer wieder weg, schrickt hoch, bremst scharf. Er steigt aus und stolpert auf den Farmer zu, der das Manöver stumm beobachtet hat. Misstrauisch ist er dem Fremden gegenüber, aber sofort gewonnen, als der ihn für seinen angeblich besten Käse lobt und sich als Joe McCarthy vorstellt, einfacher Mann vom Land und an Politik doch so wenig interessiert wie der Käsefarmer.

Joe McCarthy (links) spricht bei einer Anhörung mit dem Anwalt Roy Cohn. Die Dokumentaraufnahmen des frühen Fernsehens sind bei weitem eindrucksvoller als die nachgestellten Szenen in Lutz Hachmeisters Film "The Real American - Joe McCarthy".

Als einfacher Amerikaner wurde der als Soldat und Anwalt nur mäßig erfolgreiche McCarthy 1944 für den ländlichen Staat Wisconsin in den Senat gewählt, ein Nichtpolitiker, der den Profis in Washington zeigen sollte, wie das wahre Herz Amerikas schlägt. Nach diesem Muster haben sich später auch größere Populisten wie Ronald Reagan und George W. Bush durchgesetzt: "echte Amerikaner" gegen die sogenannte korrupte Machtelite in der Hauptstadt.

Joseph McCarthy ist heute für die meisten der Inbegriff des Hexenjägers, der Mann, der unter jedem Bett einen Kommunisten vermutete und mit seinen Verdächtigungen reihenweise Menschenleben ruinierte.

Lutz Hachmeisters Film lässt McCarthy ein wenig mehr Milde angedeihen, als ihm in der populären Mythologie zugedacht wird. Die Kamera zeigt Wisconsin im milden Herbstlicht, fährt an allein stehenden Farmen vorbei und präsentiert dagegen das imperiale Washington mit seinen Wahrzeichen, den allgegenwärtigen Fahnen. McCarthy ließ sich für daheim mit einem Besen fotografieren, mit dem er die Stufen vor dem Kapitol fegte, doch fand er lange kein Thema, mit dem er seine Tatkraft hätte beweisen können.

Erst in einer Rede, die er 1950 vor einem Damenkränzchen in Virginia hielt, machte er sich den Namen, den er brauchte: Vor den Frauen, die nach Aussage einer Teilnehmerin bis dahin noch nicht einmal das Wort "Kommunist" gehört hatten, behauptete der Senator, er verfüge über eine Liste von 205 Kommunisten, die in der Regierung tätig seien und, was sonst, die Übergabe der USA an die Sowjetunion vorbereiteten.

Sensationshungriges Fernsehen

Dieses Schreckgespenst drohte, seit die Sowjetunion durch Spione ebenfalls an die Atombombe gelangt war, seit Mao China zur Volksrepublik ausgerufen hatte und dieses kommunistische China Nordkorea beim Einmarsch in Südkorea unterstützte.

McCarthy verfügte weder über diese Liste noch gab es in der Regierung eine nennenswerte Zahl von Verrätern, die im Kalten Krieg gearbeitet hätten. Der Senator aus Wisconsin schwadronierte aber so erfolgreich von der roten Gefahr, dass ihm schließlich ein Untersuchungsausschuss anvertraut wurde.

Das noch recht neue und deshalb sensationshungrige Fernsehen verschaffte ihm eine ungeheure Aufmerksamkeit, dabei konnte er trotz freundlicher Unterstützung durch das FBI nur kleine Bürokraten, Professoren, Redakteure zu seinen medialen Schauprozessen vorladen.

Steife Spielhandlung

Hachmeister hat diese rasend schnelle und ebenso kurze Karriere in einer etwas steifen Spielhandlung nachgestellt, der die Freude an einer historisierenden Mad Men-Inszenierung anzumerken ist. Für den Stilwillen von George Clooneys "Good Night, and Good Luck", der die gleiche dunkle Epoche behandelt, fehlte jedoch das Geld. Fernsehspielhaft werden verschwörerische Blicke zwischen nachempfundenen Anzügen gewechselt, die Frauen tragen zu viel Lippenstift, und die Männer rauchen und trinken, dass dem Nostalgiker ganz wehmütig wird.

Bei weitem eindrucksvoller sind die Dokumentaraufnahmen des frühen Fernsehens, das McCarthy zum nationalen Helden hochfeierte, um ihn dann, wenn auch ungewollt, wieder zu stürzen. Für die wachsende Zuschauergemeinde sah McCarthy einfach zu hässlich, zu versoffen, zu sehr nach einem der Verbrecher aus, als die er die kleinen Bürokraten gern überführt hatte.

Mag sein, dass er sich mit seinem blind-wütigen Anklagen die neue, die republi-kanische Regierung des Weltkriegshelden Eisenhower zum Feind machte, jedenfalls hatte er es spätestens durch seinen Angriff auf die Armee übertrieben. Sein hässliches Gesicht verschwand aus dem Fernsehen und wurde dafür zum Klischee, mit dem sich, wie ein ehemaliger KGB-General bereitwillig erzählt, ein Amerika auf dem besten Weg zum Faschismus zeichnen ließ.

Zu Tode gesoffen

Thomas Mann, dem während dieser Hetzjagd premature Antifaschism vorgehalten wurde, weil er schon vor dem Krieg gegen die Nazis gewesen war, notierte 1950 in seinem Tagebuch: "Alle Hoffnungen, einst auf dies Land gesetzt, vollständig enttäuscht."

Joseph McCarthy wurde von seinen Senatskollegen gerügt, wurde abgesetzt, soff sich dann rasch zu Tode und erlebte nicht mehr, dass Jahrzehnte später tatsächlich eine Reihe guter Amerikaner namhaft wurde, die für die Sowjetunion gearbeitet hatten.

THE REAL AMERICAN - JOE McCARTHY, D 2011 - Regie : Lutz Hachmeister. Buch. L. Hachmeister, Simone Höller. Mit: John Sessions, Justine Waddell, Trystan Gravelle . RealFiction, 95 Min .