"The Prom" auf Netflix:Und jetzt alle zusammen!

"The Prom" auf Netflix: Zusammen tanzen, dann wird schon alles gut. Behauptet zumindest der Film "The Prom".

Zusammen tanzen, dann wird schon alles gut. Behauptet zumindest der Film "The Prom".

(Foto: Melinda Sue Gordon/AP)

Das Netflix-Musical "The Prom" schickt Meryl Streep und James Corden nach Indiana, um homophobe Landmenschen das Fürchten zu lehren. So einfach ist es aber auch wieder nicht.

Von Philipp Stadelmaier

Zwanzig Minuten sind bereits verstrichen, als das queere Tanzkommando den Saal im konservativen amerikanischen Bundesstaat Indiana stürmt. Hier verteidigen Eltern der örtlichen Highschool gerade eine degoutante Entscheidung, die es wirklich gab: Die "Prom", der Abschlussball, soll lieber gar nicht stattfinden, bevor Emma (Jo Ellen Pellman), eine lesbische Schülerin, mit ihrer Partnerin daran teilnehmen darf. Denn - hallo? - es geht um nicht weniger als die Nacht der Nächte im Leben amerikanischer Teenies! Damit das Ganze nicht zum "Homoball" verkommt, sollten nur Heteropaare teilnehmen. Das Tanzkommando möchte da verständlicherweise ein Wörtchen mitreden.

"The Prom" (Regie Ryan Murphy), die Netflix-Adaption eines Broadwaymusicals von 2018, schickt den homophoben Landmenschen die New Yorker Ostküsten-Elite auf den Hals. Das Tanzkommando besteht aus vier erfolglosen, mehr oder weniger queeren sowie verdammt narzisstischen Broadwaystars, die ihren Karriere-Reboot planen und sich aus PR-Zwecken einer "edlen Sache" anschließen wollen. Themen wie "Hunger" und "Armut" sind etwas, ähm, "zu weit weg"; und da Emma gerade auf Twitter trendet, fällt die Wahl auf sie. So fährt die opportunistische Gruppe nach Indiana, stößt die Türen der Turnhalle und die Herzen der Menschen auf und verkündet, man sei hier, um diesen "LGBQT-oder-wie-auch-immer-das-genau-heißt"-Teenager zu unterstützen.

Der Film wirkt, als habe ihn eine auf die Vermarktung von Diversity-Themen abgerichtete KI ausgespuckt

Sieht so die Rettung aus? Vielleicht für Emma, aber nicht für den Zuschauer. Vor dem liegen jetzt noch weitere 110 Minuten, ein Niemandsland, durchzogen von langweiligen Gesinnungsgräben, allerbesten Absichten, moralischen Verfehlungen und unoriginellen Musicalnummern. Bei aller politischen Plattheit wirkt der Film auch visuell so artifiziell und unpersönlich, als hätte ihn eine mit Musicalfilmen überfütterte, auf die Vermarktung von Diversity-Themen abgerichtete KI des Streamingdienstes ausgespuckt. Die Figuren sind weniger aus Fleisch und Blut als überzeichnete Karikaturen - perfekt choreografierte und doch leblose Avatare. Neben Nicole Kidman und James Corden spielt auch Meryl Streep mit. Jemand hätte der KI außerdem verraten sollen, dass Händchenhalten im rosa schimmernden Blattregen sowie tiefsinniges Gitarrenspiel vor Regenbogenfarben filmisch sensible Menschen einem erhöhten Herzinfarktrisiko aussetzen.

Und warum noch mal hängt da ein Kreuz an der Glasdecke der Mall, in der einer der Stars (Andrew Rannells) tanzend und singend die Konsumenten um Toleranz für homosexuelle Menschen bittet? Weil die bekehrten Homophoben in den Himmel gelangen werden? Die "Prom", die Nacht aller Nächte, auf die alles zuläuft und die am Ende des Filmes steht, ist das letzte Gericht, die Apokalypse, auf die man sehnlichst wartet, weil dann auch der Film zu Ende sein wird. Dann werden die Guten von den Schlechten geschieden, wozu sie, wie im Katechismus, ihren (Song-)Text lernen und vorsingen müssen - Broadwaystars inklusive. Auch die müssen Buße tun, für ihren Egoismus, ihre Selbstgerechtigkeit, um auf das nächsthöhere Gutheitslevel zu gelangen. Der Direktor von Emmas Highschool erklärt, dass man die anderen Interessen über die eigenen stellen muss, um "ein guter Mensch zu sein". Zum Beispiel, indem man einen inklusiven Abschlussball finanziert. Kapitalismus und Religion tanzen Hand in Hand, reduzieren Antidiskriminierungsarbeit auf einen guten Ablasshandel und das richtige Glaubensbekenntnis.

Ist das ernst gemeint? Oder ironisch? Und: Macht das überhaupt einen Unterschied? Am Ende löst sich ohnehin alles auf in der amerikanischsten aller Glaubensformen, die allein Erlösung und Versöhnung verspricht: im Spektakel. Alle tanzen, die Linken und die Rechten, die Homos und die Homophoben gleichermaßen. Die existenziellen, realen, langwierigen Kämpfe queerer Personen werden zu irrealen Musical-Phantasmen.

Anfangs verreißt ein Kritiker eine Broadwayshow als "unangebrachteste, lächerlichste, albernste Nummer", die er je gesehen habe. Netflix scheint mittlerweile genug Geld und Selbstironie zu haben, um eine solche Kritik einem Film voranzustellen, auf den dieses Urteil passgenau zugeschnitten ist.

The Prom, USA 2020. - Regie: Ryan Murphy. Buch: Chad Beguelin, Bob Martin. Kamera: Matthew Libatique. Mit Meryl Streep, James Corden, Nicole Kidman, Jo Ellen Pellman. Mehr Credits auf imdb. Auf Netflix, 131 Min.

© SZ/freu
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