Zum Tod von Prodigy-Sänger Keith Flint Der Schmerz, an dem man sich berauscht

Prodigy-Sänger Keith Flint beim Isle of Wight Festival.

(Foto: REUTERS)

Keith Flint war der erste Rockstar der elektronischen Tanzmusik. Und ein Feuerteufel in einer Zeit, in der Feuerzeuge-Schwenken wieder massentauglicher wurde. Ein Nachruf.

Von David Pfeifer

Der Sänger Keith Flint wurde am Wochenende mit 49 Jahren tot in seiner Wohnung aufgefunden. Und wenn diese Nachricht auf einen alten Fan trifft, stellt man sich doch recht viele Fragen, nicht nur, weil Flint gerade noch sehr energisch auf Tournee war.

Keith Flint war schließlich der erste Rockstar, der aus der elektronischen Tanzmusik kam. Die Band The Prodigy, für die er später sang, galt ursprünglich als Techno-Formation, 1994 hatten sie das Album "Music for the Jilted Generation" herausgebracht - Musik von Elektro-Fricklern, aber mit schweren Anklängen von Rock, Rap und Reggae. Wundervoller, druckvoller und aggressiver Lärm war das. Der Soundtrack einer Zeit, in der Kurt Cobain und Nirvana noch nachklangen.

Aber auch der Soundtrack einer Zeit, die in die Zukunft marschierte, die gegen das Bedrückende der Welt antanzte. Mit Flint als Animateur. Es gab bei The Prodigy schließlich nicht viel zu singen, und wenn, war der Rapper Maxim Reality dafür zuständig. Flint sprang stattdessen bei Auftritten herum wie ein Derwisch. Raven als Haltung zur Welt. Ach was: Raven als Beruf. Das Album lief nicht nur in den Dance- sondern auch in den allgemeinen Charts recht gut.

Zum Rockstar aber wurde Flint erst 1997, als er mit hartem britischem Akzent die Zeilen ausspuckte wie Feuer: "I'm a firestarter, twisted firestarter!" Dazu donnerte der Bass und die Industrie-Sounds kreischten wie abgestochene Gitarren. Das Lied wurde aus dem Stand zu einer Hymne des exzessiven Nachtlebens. Techno war für einen Moment im Mainstream angekommen und Flint, der sich gegen den eigenen Kopf schlägt, und der Funkenflug einer Flex lieferten die Ästhetik dafür. Das Musikvideo lief im Jahr 1997 auf MTV sehr, sehr häufig. "Heavy Rotation" nannte man das damals.

Und in dieser Heavy Rotation feuerte Flint, gepierct, tätowiert und mit zu Teufelshörnern hochgestellten Haaren, seine Zeilen ab wie Salven: "I'm the bitch you hated, filth infatuated, yeah. I'm the pain you tasted, fell intoxicated!" Er schrie also, eine dreckige, hassenswerte Schlampe zu sein. Und der Schmerz, an dem man sich berauscht.

Harte Texte, harte Musik, harter Kerl. Dachte man. Die Musik klang modern und zeitlos zugleich. Rückblickend eigentlich unfassbar, dass in der Folge nicht Flint und The Prodigy die großen Arenen der Welt mit dieser noch einmal reanimierten Rock'n'Roll-Power bespielten - und stattdessen andere Bands überlebensgroß wurden. Coldplay zum Beispiel. Andererseits ist Feuerzeuge-Schwenken zu Pop-Hymnen über die Liebe mittelfristig vielleicht doch gesünder, als sich - wild und wohl auch etwas testosteron-schwanger - gegenseitig über den Haufen zu tanzen. Und das war es schließlich, was man tat, wenn "Firestarter" irgendwo nur laut genug lief. Es war ein letzter, großer Pogo-Song für eine Welt, in der der Pogo langsam an Altersschwäche verendete.

Und Keith Flint war der Star und neben Maxim Reality das Gesicht von The Prodigy, während der introvertierte Liam Howlett, der die Musik schrieb und alles zusammenbastelte, sich im Hintergrund hielt. Flint grummelte, brummte, gröhlte, kreischte auch auf Titeln wie "Breathe" und "Smack my Bitch up".

Im Musikvideo zu letzterem tanzte Flint allerdings nicht mehr. Stattdessen folgte man einem Party-Exzess aus der Ego-Perspektive, der die Stimmung der Zeit ebenso perfekt einfing, wie das gesamte Album "The Fat of The Land", auf dem sich all die genannten Lieder befanden. Das sehr sexistische und sehr explizite Video war in vielen Ländern verboten, obwohl es durch eine Pointe gerettet wurde, die vielleicht auch heute, mehr als 20 Jahre später, noch halbwegs vertretbar wäre.

"Schockiert, wütend, verwirrt"

Dann kam der Bruch. "The Fat of the Land", der Soundtrack des Jahres 1997, klang seltsamerweise nicht weit über das Jahr hinaus. The Prodigy machten weiter Alben, "Always Outnumbered, Never Outgunned", der Nachfolger erschien allerdings erst 2004. Der Sound war ähnlich wie beim Vorgänger - zu ähnlich vielleicht und damit etwas abgehangen. Die Zeiten hatten sich geändert, The Prodigy blieben dieselben. Das kann als künstlerisches Konzept ewigen Ruhm bringen - oder langsam in die Vergessenheit führen.

Keith Flint versuchte sich an einem Solo-Album, das ohne Liam Howlett nicht recht funktionieren wollte. Also suchte er Ablenkung: Er fuhr Motorrad-Rennen und gründete einen eigenen Rennstall. Er kaufte und renovierte ein Pub. Er datete ein Ex-Model und heiratete die japanische DJane Mayumi Kai. Was man eben so tut, als Rockstar, der nicht mehr in Vollzeit tätig sein muss.

Im November 2018 erschien "No Tourists", wie man jetzt weiß, das letzte Prodigy-Album mit Keith Flint. Die Band klang wie immer und war damit auch in Deutschland noch mal auf Tour - in mittelgroßen Hallen, nicht in Stadien. Die Härte und Aggression waren nach wie vor da. Auch in Berlin in der "Max-Schmeling-Halle" fanden sich viele Raver, manche davon gealtert, zum Crowd Surfing und sich gegenseitig über den Haufen tanzen ein. Es schwang allerdings die Frage mit, wie lange man diese Energie noch entfachen kann. Am Montag wurde Keith Flint tot in seinem Haus aufgefunden. Auf dem Band-Account schrieb Liam Howlett , er sei "schockiert, wütend, verwirrt" - und sein Herz sei gebrochen.

Anmerkung der Redaktion

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