Im Kino: "The Painted Bird" von Václav Marhoul:Odyssee des Terrors

76. Internationale Filmfestspiele Venedig - Wettbewerbsfilme

Petr Koltár, der minderjährige Hauptdarsteller, darf "The Painted Bird" von Václav Marhoul nicht sehen - weil der Film zu hart ist.

(Foto: dpa)

Václav Marhoul verfilmte Jerzy Kosińskis Roman "The Painted Bird", der - verstörend hoffnungslos - den Weg eines jüdischen Jungen durch den Zweiten Weltkrieg zeigt.

Von Philipp Stadelmaier

Irgendwann beim Abendessen lässt der Müller mit den eiskalten, reglosen Augen wortwörtlich die Katze aus dem Sack. Schweigend geht er zu dem Beutel mit zuckendem Inhalt, öffnet ihn, ein Kater springt heraus. Der Müller setzt sich zurück zu Tisch, zu seiner Frau und seinem Knecht, die er der Untreue verdächtigt. Kater und Hauskatze beginnen zu schmusen - eine süße Szene eigentlich, doch die Tischgesellschaft folgt ihr mit sichtlichem Unbehagen. Dann springt der Müller auf, wirft den Tisch um, drückt den Knecht an die Wand und trennt ihm mit einem stumpfen Löffel die Augäpfel heraus. Bevor er sich einen Gürtel schnappt und seine Frau verprügelt.

Zu den Augen des Müllers (es sind jene von Udo Kier) und den Sehorganen des Knechts (die irgendwann auf dem Boden herumkullern, zum Vergnügen der Katzen) gesellt sich in dieser Szene noch ein drittes Augenpaar, das hier eigentlich im Zentrum steht. Es sind die Augen eines Kindes, das in der Ecke hockt und zuschauen muss, zusammengekauert und ebenso verstört wie die Zuschauer des Films von Václav Marhoul, "The Painted Bird". Als die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jerzy Kosiński 2019 auf den Filmfestspielen von Venedig Premiere hatte, durfte der minderjährige Hauptdarsteller, Petr Koltár, das nicht jugendfreie Werk aus Rücksicht auf seine psychische Gesundheit gar nicht erst sehen. Wenn er dafür irgendwann alt genug ist, wird er immer noch relativ schockiert sein.

Der von ihm verkörperte Junge, dessen Leidensweg ihn unter anderem zu dem grausamen Müller führt, hat keine Eltern und keinen Namen. Dass er jüdisch ist, erfahren wir erst spät im Film; dass die Handlung im Zweiten Weltkrieg spielt, signalisiert schon anfangs der kurz im Himmel aufblitzende Flieger der deutschen Luftwaffe. Aber die Geschichte des 20. Jahrhunderts steht gar nicht so sehr im Mittelpunkt des Films, dessen erster Teil auch in einer historisch unbestimmten Vorzeit spielen könnte.

Die rohen, archaischen und wortkargen Figuren gehören eher zum Mythos als zur Geschichte. Schon die allererste Szene hat die symbolische Qualität einer Urszene, deren grundlose Brutalität zum Fundament für den ganzen Film wird: Eine Bande Kinder jagt den Jungen durch den Wald, wirft ihn zu Boden, entreißt ihm sein Eichhörnchen, übergießt es mit Benzin und verbrennt es vor seinen Augen. Kurz danach stirbt auch die alte Bäuerin, bei der er wohnt. Nun ist er ganz allein.

Die Landbevölkerung, in deren Fänge er daraufhin gerät, sieht in ihm einen "Dämonen", der "die Kühe verhext und das Wasser vergiftet". Er wird ausgepeitscht und einer Heilerin übergeben, die ihn bei ihren Ritualen als Helfer beschäftigt, dann aber loswerden will und bis zum Kopf in der Erde begräbt. Mit der Zeit tritt der historische Kontext immer stärker hervor: Der Junge wird Zeuge der Verbrechen der SS, der Todeszüge, der Massaker an der Zivilbevölkerung und des brutalen Kampfes der Rotarmisten.

Die Zahl der Stars in kleinen Nebenrollen ist beachtlich

Der Film folgt einer unveränderlichen Regel: Beschützer entpuppen sich regelmäßig als Feinde, sie sterben, wie der alte, von Harvey Keitel gespielte Priester, oder verschwinden schnell wieder, wie der von Stellan Skarsgård verkörperte Wehrmachtssoldat, der den Jungen erschießen soll, aber ihn dann doch laufen lässt. Die Zahl der Stars in Nebenrollen ist beachtlich und hat dem anspruchsvollen Film mit Sicherheit einen Vorteil bei der Finanzierung verschafft. Dennoch ändern Kier, Keitel, Skarsgård und andere wenig daran, dass der einzige Star die allgegenwärtige, maximale Grausamkeit ist.

Nun kann man sich die Frage stellen, worauf Marhoul mit seiner Passionsgeschichte hinauswill. Will er die Grenzen des Erträglichen und Zeigbaren ausloten, wie es vor ihm schon Pier Paolo Pasolini, Stanley Kubrick, Michael Haneke, Gaspar Noë oder Lars von Trier getan haben? Will er diesen neuralgischen Punkt erreichen, an man als Zuschauer gezwungen wird hinzuschauen, aber nicht mehr hinschauen will; an dem man fasziniert zuschaut, aber eigentlich längst nicht mehr zuschauen darf? Oder geht es Marhoul darum, einen Märtyrer zu inszenieren, einen modernen Jesus, mit dem ihn der Priester einmal vergleicht?

Bei allem Augenmerk aufs Schauen erzeugen Marhouls beeindruckende Schwarzweißbilder im 35-Millimeter-Breitwandformat jedoch eine Dunkelheit, die einfach alles verschlingt, vor allem jegliche Menschlichkeit und Empathie. Das bisschen Licht, das es gibt, ist nur dazu gut, die Abgründigkeit ein wenig besser auszuleuchten. Die Bilder sind schön, aber ihre Schönheit ist überflüssig; letztlich schimmern sie nur im Abglanz der gezeigten Härte und eines unendlichen Nihilismus.

Selbst der Junge wirkt weniger wie ein beobachtendes Subjekt. Noch wenn er zusieht, wird er von der Kamera angeschaut, bleibt er ein Detail der düsteren Tableaus, ein Rest an Empathie in einer empathielosen Welt. Oft folgen die einzelnen Situationen unvermittelt aufeinander: In einem Moment ist der Junge allein, um ihn herum nichts als die Leere der osteuropäischen Landschaft. Im nächsten Augenblick ist das Bild voller Menschen, die ihm an den Kragen gehen.

Diese Unbeweglichkeit ist das Hauptproblem des Films. Sie reduziert den Jungen auf ein reines Objekt, das vom Regisseur von Station zu Station durchgereicht wird. Nicht er wird dabei geprüft, sondern seine schiere Existenz prüft den Reifegrad einer Menschheit, die krachend durch diese Prüfung fällt. Letztlich könnte er eine Sonde sein, die eine göttliche Instanz in eine Betaversion der Schöpfung gesetzt wurde, um herauszufinden, ob man sie nun wirklich schaffen soll oder besser nicht. Die Antwort lautet: besser nicht. Dann lieber nur eine Welt voller schmusender Kätzchen.

The Painted Bird / Nabarvené ptáče, Tschechien, Ukraine, Slowakei, 2019 - Regie: Václav Marhoul. Buch: Marhoul, nach dem gleichnamigen Roman von Jerzy Kosiński. Kamera: Vladimír Smutný. Mit Petr Kotlár, Udo Kier, Stellan Skarsgård, Harvey Keitel, Julian Sands, Barry Pepper. Drop-Out Cinema, 169 Min.

© SZ/kni
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