"The Other Side of the River" im Kino:Lieber sterben als heiraten

Lesezeit: 4 min

"The Other Side of the River" im Kino: Die Protagonistin Hala will lieber eine Uniform tragen als ein Brautkleid - ihre Schwester aber gibt dem Drängen ihrer Familie irgendwann nach.

Die Protagonistin Hala will lieber eine Uniform tragen als ein Brautkleid - ihre Schwester aber gibt dem Drängen ihrer Familie irgendwann nach.

(Foto: Antonia Kilian/JIP)

Warum Frauen vor ihren Familien fliehen, um gegen den Islamischen Staat zu kämpfen: der Dokumentarfilm "The Other Side of the River".

Von Moritz Baumstieger

Die Bilder, die im Sommer 2016 aus der nordsyrischen Stadt Manbidsch drangen, machten unterschiedlichste Gruppen glücklich: etwa Tabaklobbyisten und Feministinnen. Als eine von kurdischen Kräften geführte Miliz die Terrormiliz Islamischer Staat vertrieben hatte, steckten die Menschen vor laufenden Kameras zwei Dinge an: Zigaretten - die waren unter den Islamisten streng verboten. Und Niqabs, schwarze Gesichtsschleier - die waren im Kalifat für Frauen streng geboten.

Über Verbindungen von Antonia Kilian zur Tabakindustrie ist nichts bekannt, laut Eigenauskunft ist sie aber Feministin. Und als solche wollte sie nun in ebenjene Weltgegend reisen, aus der zuletzt viele Menschen geflohen waren. Kilian fuhr also nach Nordsyrien und nahm die Kamera mit. Nicht nur, um die befreiten Frauen von Manbidsch zu filmen, sondern vor allem, um auch die Befreierinnen kennen zu lernen: In den Truppen, die dem IS Stadt um Stadt abnahmen, kämpften auch Frauenverbände. "Die wurden einerseits sehr idealisiert", sagt Kilian nun am Telefon. Aus ihren Aufnahmen ist ein ganzer Film geworden. "Andere sahen in ihnen eher exotische Amazonen, die IS-Männer umbringen. Ich aber wollte wissen: Was sind das für Frauen, was haben die für Gründe, zur Waffe zu greifen?" Kilian fuhr mit "unfassbar vielen Fragen", blieb zwölf Monate. Die Fragen seien nicht weniger geworden, sagt sie.

Dass ihre spätere Protagonistin damals schon auf einem der Nachrichtenbilder zu sehen war, ist möglich, aber nicht unbedingt wahrscheinlich. Die aus einer arabischen Familie aus Manbidsch stammende Hala war eine der Frauen, die nach der Vertreibung der IS-Terroristen den Schleier ablegten. Und als der Vater sie gegen ihren Willen verheiraten wollte, lief sie weg.

Lieber die Granate zünden, als sich von irgendeinem Cousin verschleppen zu lassen

Das ist die Vorgeschichte. In Kilians Film "The Other Side of the River" ist Hala nun selbst eine Frau mit Waffe, sie lässt sich bei den "Asayish" genannten Polizeikräften ausbilden und geht schließlich in Uniform in ihre Heimatstadt zurück. "Weißt du", sagt sie dort bei einer Zigarettenpause einer anderen jungen Frau zur Erklärung, warum sie selbst in der Freizeit eine Pistole dabeihat, "62 Männer aus meiner Familie, meine Cousins, sind dem IS beigetreten. 40 wurden getötet, der Rest kämpft immer noch." Täglich bekomme sie Drohungen, deshalb habe sie auch eine Granate dabei. Lieber die zünden und sterben, als sich von einem Cousin verschleppen zu lassen.

Die Welt, in der Hala lebt und die Kilian in ihrem Film präsentiert, dürfte für viele irritierend sein. Seit die heiße Phase des Bürgerkriegs vorbei ist, ist Syrien aus den Nachrichten verschwunden. Doch in den Gebieten der Kurden und in denen, die unter ihrer Führung vom IS zurückerobert wurden, ist eine Selbstverwaltung entstanden, die heute mehr als ein Fünftel des Landes umfasst. Und die sich neben Basisdemokratie und Säkularismus auch den Feminismus auf die Fahnen geschrieben hat, der - wie Kilians Film zeigt - auch im Wortsinne militant ist. Für die europäische Linke, die schon immer eine Schwäche für den kurdischen Kampf hatte, wurde dieser "Rojava" genannte Protostaat zum Sehnsuchtsort.

"The Other Side of the River" im Kino: Mit Waffe gegen die Islamisten und für die Frauenrechte: In den Militär- und Polizeikräften in Nordostsyrien dienen Frauen wie Hala.

Mit Waffe gegen die Islamisten und für die Frauenrechte: In den Militär- und Polizeikräften in Nordostsyrien dienen Frauen wie Hala.

(Foto: Antonia Kilian/JIP)

Über all das hätte man nun einen Film machen können, bei dem einem vor lauter Abkürzungen von politischen Gruppierungen, von historischen Daten und Grenz- und Frontverläufen nach wenigen Minuten der Kopf schwirrt. Antonia Kilian erklärt hingegen nichts - und zeigt stattdessen ihre Protagonistin Hala. Die mit dem leicht schiefen Schneidezahn auf der Unterlippe nagt, wenn sie ihre beim Vater verbliebenen Schwestern vermisst. Die stolz die erste eigene Wohnung präsentiert, in der sie die Klamotten wild in die Schränke stopft und in der Küche auf dem blanken Boden kocht. Die gleichzeitig tough und fürsorglich rüberzukommen versucht, als sie eine vor ihrer Familie geflüchtete Frau in der Polizeistation in eine Umkleide führt: Leg den Schleier ab, zieh die Uniform an. Ja, das fühlt sich zunächst komisch an.

Der Film lässt die Ambivalenzen der revolutionären Bewegung nicht aus

Das alles hätte nun auch Stoff hergegeben für einen Film, der in erster Linie das politische Projekt preist. "Ich habe die Idealisierung der Rojava-Revolution natürlich total wahrgenommen, habe das System dort anfangs selbst vor allem mit Begeisterung gesehen". Dass "The Other Side of the River" aber nicht nur bei den Kurdistan-Kulturtagen vor Solidaritätskomitees laufen wird, sondern auch im Kino, dass der Film auf Festivals bereits einige Preise gewann, liegt daran, dass Kilian "mehr wissen wollte, als nur etwas gut zu finden", wie sie es ausdrückt.

"The Other Side of the River" im Kino: Zwölf Monate lebte Antonia Kilian in Nordostsyrien - "sicherheitstechnisch herausfordernd und sehr erschöpfend", sagt sie.

Zwölf Monate lebte Antonia Kilian in Nordostsyrien - "sicherheitstechnisch herausfordernd und sehr erschöpfend", sagt sie.

(Foto: JIP)

Aus den 200 Stunden Material, deren Dialoge Kilian oft erst verstand, wenn sie diese später mit Übersetzern sichtete, wählte sie eben auch die aus, die Ambivalentes zeigen. Den Ideologieunterricht für die Kadettinnen etwa, in dem Hala auf die Ehelosigkeit eingeschworen wurde. "Sexuelle Begierde führt die Menschheit in den Abgrund", hämmert eine Genossin den Mädchen ein. "Ich glaube nicht mehr an die Idee von Ehe und Liebe, verspreche, dass ich mich für unsere Aufgabe aufopfern werde", sekundiert eine Kameradin. Auf Kilians Bildern ist mal der PKK-Schriftzug hier, mal das Öcalan-Porträt dort zu sehen, obwohl die syrische Bewegung die Verbindungen zur im Nachbarland Türkei als Terrororganisation geltenden Bewegung doch immer kleinzureden versucht.

"Ich habe einen Riesenrespekt vor den Frauen", betont Kilian. Es sei unbestreitbar, dass sie einen Wandel in Bezug auf Frauenrechte und -emanzipation in der Region ermöglichen. "Meine Perspektive ist aber die einer kritischen Solidarität", sagt die Regisseurin, Kamerafrau und Produzentin des Films, "vieles bleibt kompliziert." Was erst recht für ihre Protagonistin Hala gilt, die gegen Ende des Films zum Haus des Vaters fährt. Ihre Waffe und die Granate hat sie dabei.

The Other Side of the River, Syrien 2021 - Regie, Kamera: Antonia Kilian. Schnitt: Arash Asadi. JIP Filmverleih, 92 Minuten. Kinostart: 27.1.2022.

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