"The Next Day" von David Bowie Rückblick auf ein funkelnd-changierendes Lebenswerk

Sagen wir so: Er ist dieses Mal nicht völlig neu wieder da. Das neue Album "The Next Day" ist konzentrierter, klassischer, mitunter auch ein wenig manierierter Bowie. Das Auftaktstück "The Next Day" erinnert in Temperatur und Timbre an "Cat People (Putting Out Fire)", den kraftvollen Titelsong aus dem Film "Cat People" aus dem Jahr 1982. Das 11. der insgesamt 14 Tracks: "How Does the Grass Grow?" offeriert die Frage: "Would you still love me if the clocks could go backwards?", eingewoben in ein dichtes Netz aus elektrischen Verzerrungen, die an den Wahnsinns-Höhepunkt von "Boys Keep Swinging" auf der 1979er-Platte "Lodger" gemahnen.

Überhaupt scheint dieses letzte Album aus der mit Brian Eno entstandenen Berlin-Trilogie ein wichtiger Referenzpunkt für Bowies jüngstes gewesen zu sein. Das hat jedenfalls Tony Visconti, der Produzent der Platte und langjährige Bowie-Begleiter, in die Runde geworfen.

Als Bowie mit der Zunge zupfte

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Diese Behauptung ist nicht ganz falsch, aber sie übertreibt. Sicher ist: Bowie schaut mit "The Next Day" nicht nur wie in "Where Are we Now" auf kalt verkokste Berliner Jahre zurück, sondern auf sein ganzes funkelnd-changierendes Lebenswerk. Deswegen ist die Platte noch lange kein Bowie-Museum. Es hat dem alten Meister aber offensichtlich Freude bereitet, die angesammelten Perlen der frühen Jahre, so unterschiedlich sie in ihren musikalischen Valeurs auch sein mögen, nun mit dem geballten Können und der ganzen Professionalität noch einmal aufzugreifen, zu prüfen und mit einer geradezu erschütternden Leichtigkeit als unbedingt heutig auszuzeichnen. "The Stars (Are Out Tonight)" etwa ist von einer treibenden Eindrücklichkeit in seiner Bitternis, die dem schwerblütigen Vorgänger-Album "Reality" insgesamt abgeht, auch wenn dieser Song ironisch daran erinnert.

"Your Fear is old" heißt es in "Love Is Lost". Das ist der ewige Vorwurf, den die Jungen gegen die Alten erheben. Bowie, der ihn hier erhebt, hat mit "The Next Day" nicht nur einen Veröffentlichungs-Coup gelandet, indem er das Album über Nacht mehr als eine Woche früher als angekündigt zum kostenlosen Anhören im iTunes Store freischaltete. Er hat ein vibrierendes, ebenso dunkles wie leuchtendes, ebenso kreatives wie fundiertes Bowie-Pandämonium eröffnet. Welch' ein kraftvoller Triumph! Dass er kein Gesicht auf dem Cover hat? Hach Gott, ja ... Die Platte ist sich selbst Gesicht genug.