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"The Next Day" von David Bowie:Die letzte gute Platte stammt von 1980

Bowie probierte das, indem er einerseits Iggy Pop ins Boot holte, eine Rampensau alter Schule, dem gegenüber er der kalte Planer sein konnte, und sich andererseits für das kühle Gegenüber Brian Eno in einen nachdenklichen, wenn auch dann wieder gewohnt künstlich-pathetischen Performer verwandelte. Das waren die Berliner Tage, denen er auf "Where Are We Know" als ebenso fragile wie unsterbliche Beckett-Figur in dem viel beachteten Tony-Oursler-Video nachtrauert.

Bei fast dem ganzen Rest der neuen Platte ist es eigentlich umgekehrt: er strotzt vor Kraft und Dringlichkeit. Seine letzte gute Platte war 1980, kurz nach Berlin. "Scary Monsters" mit ihren verzweifelten Selbstzitaten verströmte eine Panik und Todesangst, die direkt von den abgehalfterten Witzfiguren wie Major Tom ausgehen sollte. Nur Rollen können so eine Angst kriegen, weil sie im Gegensatz zu echten Menschen nicht wissen, ob sie je sterben müssen oder dürfen.

Danach begannen uninteressante Jahrzehnte für Bowie. Immerhin hat Iman zu ihm gehalten, er hat interessante Künstler kennengelernt, mit Drum & Bass experimentiert und auch Berlin hat an ihn gedacht: so gab es unvergessene Gastauftritte bei Didi & Stulle. Seine 1970er Glanzleistungen wurden nicht mehr erreicht, ja oft deutlich verfehlt, aber auch nicht thematisiert oder groß betrauert. Mit "Scary Monsters" waren sie in den Keller gebracht worden.

Lediglich der knapp missratene Versuch, als Anonymus in einer Band namens Tin Machine als bescheidener Dieners des Herren im Weinberg des Klopp-Rock untertauchen zu wollen, konnte in seiner rührenden Fishing-for-Compliments-Strategie noch mal den Performance-Theoretiker Bowie in Erinnerung rufen. Und jetzt soll das alles nicht mehr gelten und das Tor in die siebziger Jahre von hinten geöffnet werden? Durch das kurzatmig, aber heftig engagierte Aufrufen aller Gesten und Posen jener Zeit, weitgehend jugendlich dargeboten und nur selten von dem Mut zu jener glamourösen Gebrechlichkeit getragen, die wir an der ersten Singleauskoppelung dieses Albums zu schätzen wussten?

Bowie erinnert sich an das Prinzip der Buntheit, durch das sein Figuren-Panorama ihm damals erlaubte zu glänzen. Dies war aber auch eine graue Zeit, eine Zeit der Normalität. Ob eine bipolar uffjeregte Epoche wie die jetzige - gekennzeichnet durch Überarbeitung und emotionale Überforderung einerseits und abgekoppelt-anomische Arbeitslosigkeit andererseits - einen Künstler der farbigen Hitzigkeit braucht, ist eher fraglich.

Eher einfarbige Langstrecken-Charaktere wie Neil Young oder Leonard Cohen haben zuletzt den Genossen unserer Zeit etwas zu sagen gehabt; auch einer wie Scott Walker, von Bowie stark bewundert, der dieselben Probleme der Pop-Performance aus ähnlicher Not studiert hat und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass man nur in großer Publikumsferne allein mit dem Material weiterkommt, konnte bestehen.

Künstlerroman mit elektrischer Verzerrung

Man könnte einwenden: all die schaurigen Monster aus dem Identitäten-Flohmarkt seien eben Bowies individuelles Material als Künstler. Aber das waren sie nie, nur sein Bühnenbild. Seine Leistung zwischen "Hunky Dory" und "Scary Monsters" war die Dringlichkeit des Rock 'n' Roll für ein konfliktreiches Erwachsenenleben einzurichten, war der Künstlerroman mit elektrischer Verzerrung. Im Moment scheint er geneigt, selbst an die hässlichen Worte zu glauben, die sie ihm überall nachrufen: Sich selbst neu erfinden, Chamäleon, Madonna.

Aber im Video zu "The Stars Are Out", neben Tilda Swinton, mit seinem leicht gereizten, angewiderten Strichmund sieht er phantastisch aus.

© SZ vom 09.03.2013/mkoh
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