"The Little Things" im Kino:Mit den Toten reden

The Little Things Rezension Film

Denzel Washington und Rami Malek in "The Little Things".

(Foto: Warner)

Einer der schwärzesten Polizeifilme seit Langem: "The Little Things" von John Lee Hancock mit Denzel Washington.

Von Fritz Göttler

Du kannst mit mir reden, sagt Joe "Deke" Deacon, der Cop aus dem Kern County, nördlich von L.A., ich bin der einzige Freund, den du hast. Denzel Washington ist Deke, gedrungene müde Gestalt, weißes Haar, die sanfte spröde Stimme. Er nimmt sich Zeit bei seinen Ermittlungen, rückt immer wieder einen Stuhl zurecht und setzt sich, schaut lange durch ein Fenster, auf den Tatort, auf die tote Frau vor ihm auf dem Leichentisch in der Anatomie: Rede mit mir.

Ein schwarzer Polizeifilm, der schwärzeste seit langer Zeit, über einen Serienkiller, der mit seinen Opfern spielt, sie in diversen Posen platziert. John Lee Hancock hat "The Little Things" Anfang der Neunziger geschrieben, da war er ein ganz heißer Autor, durch sein Drehbuch für Clint Eastwoods "A Perfect World". Später hat er dann selber Regie geführt, Filme wie "Alamo" oder "Blind Side/Die große Chance". Er hat "The Little Things" Steven Spielberg vorgeschlagen, mit dem er in lebhaftem Austausch war, der wollte sich aber nicht in diese düstere Welt begeben, er hatte damals mit "Schindlers Liste" und dem Grauen des Holocaust genug. Auch Eastwood oder Warren Beatty wollten nicht so recht. Also hat Hancock, über ein Vierteljahrhundert später, den Film selbst gemacht: "Ich schrieb es als ein aktuelles Stück, nun ist es ein period picture aus dem Oktober 1990." Keine DNA-Analyse, keine Mobiltelefone. Die Cops laufen, die Hosentaschen voller Münzen, herum und haben immer den Überblick, wo die nächste Telefonzelle steht. Über der Stadt liegt ein schlieriger Dunst, die Luftverschmutzung.

Der Film beginnt komisch, mit einem schwarzen Loch. Am Black Angus Steakhouse im Kern County haben ein paar übermütige Gäste an der Leuchtschrift über dem Eingang den mittleren Buchstaben zerdeppert. Anus Steakhouse ... Der Besitzer ist ziemlich sauer, es ist nicht das erste Mal, er rechnet Deke, der den Fall untersuchen soll, vor, wie viele Glühbirnen das sind, wie viel jede einzelne kostet, wie viele Portionen mehr er verkaufen muss, um den Schaden auszugleichen.

Gleich danach muss Deke nach L.A., um dort ein Beweisstück abzuholen für einen lokalen Fall, dort wird er in die Ermittlungen zu einem Serienkiller reingezogen. Er hatte einst, als er noch bei der Polizei von L.A. war, einen ähnlichen Fall, der ungelöst blieb - das hat ihn nicht mehr losgelassen, er wurde Opfer dieser Besessenheit: Scheidung, Herzinfarkt, Bypass-Operationen, die Versetzung auf den weniger stressigen County-Posten. Auf dem Weg nach L.A. kommt Deke an dem großen weißen Kreuz in den Hollywood Hills vorbei.

Der Polizeifilm ist das patriarchale Genre par excellence, ein Experimentierfeld männlichen Versagens

Es ist nie zu Ende. Das weiß auch Lieutenant Baxter, der in L.A. zuständig ist für den Fall. Rami Malek, der Freddie Mercury spielte in "Bohemian Rhapsody", spielt ihn. Er kommt erst nicht zurecht mit Deke, die beiden absolvieren sarkastischen Small Talk, aber dann zeigen sie doch die gleiche Ernsthaftigkeit, die gleichen Momente ununterdrückbarer Heftigkeit, die gleiche Obsession. Ein Unterschied: Er sei ein bisschen arg religiös, erklärt einer von Baxters Kollegen.

Der Polizeifilm ist das patriarchale Genre par excellence, Denzel Washington hat das bereits durchgespielt in Filmen wie "Deja Vu" oder "Man on Fire" von Tony Scott. Ein Experimentierfeld männlichen Versagens und männlicher Traumatisierung, Detektive und Cops, die ihre Aufgabe nicht erfüllten - die Frauen vor den Attacken der Killer zu retten. Die Verbissenheit, mit der sie den Fall untersuchen und den Killer seiner Strafe zuführen wollen, zielt auf die eigene Erlösung.

Deke bleibt in L.A., er nimmt ein paar Tage Urlaub und fängt an, privat zu recherchieren. Und stößt auch schnell auf einen Verdächtigen, der Sparma heißt und verkörpert wird vom schrägen Jared Leto: Sparma hat Lust auf ein eigenes perfides Spiel, zwischen Abwiegeln und Geständnis. Eine sinistre Lichtgestalt, ein undurchschaubarer Messias, mit langem Haar und boshaftem Lächeln, er breitet den Arm aus und würde den Cops gern zeigen, wo die Leiche vergraben wurde - oder vielleicht doch nicht. Baxter ist ihm bald verfallen. Es sind die kleinen Dinge, sagt Deke, die uns zerreißen, die uns verraten. Es wird hart für Baxter, eine tiefschwarze Nacht, die nicht enden will, und die Erlösung am Ende ist fabriziert.

The Little Things, 2021 - Regie, Buch: John Lee Hancock. Kamera: John Schwartzman. Musik: Thomas Newman. Schnitt: Robert Frazen. Mit: Denzel Washington, Rami Malek, Jared Leto, Chris Bauer, Michael Hyatt, Terry Kinney, Nathalie Morales. Warner, 128 Minuten.

© SZ/khil
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