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"The Laundromat" im Kino und auf Netflix:Die Sanftmütigen sind aufgeschmissen

Fieser Glamour: Jürgen Mossack (Gary Oldman) und Ramón Fonseca (Antonio Banderas), die beiden Partner jener Kanzlei, deren Machenschaften in den "Panama Papers" enthüllt wurden.

(Foto: Netflix)
  • In Steven Soderberghs neuem Film geht es um die "Panama Papers", die 2016 weltweit Aufsehen erregten.
  • "The Laundromat - Die Geldwäscherei" ist der Versuch, etwas auf die Leinwand zu bringen, das sich der Darstellbarkeit eigentlich entzieht - die dubiose ganz und gar abstrakte Realität der globalen Steueroasen.
  • Der Film wird an diesem Wochenende in einigen ausgewählten Kinos gezeigt, bevor er nächste Woche auf Netflix zu sehen ist.

Seht ihr den Eiffelturm, da drüben, fragt Ellen Martin ihre Enkelkinder, und blickt glücklich aus dem Fenster ihres Zimmers. Es ist natürlich nicht der wirkliche Eiffelturm, sondern ein Replikat - die kleine Familie ist gerade in Las Vegas angekommen, wo die ganze Welt, nachgemacht, zu bestaunen ist. Illusion und Imitation gehörten immer schon zum American way of life.

Eine vertrackte Lektion in Sachen Schein und Wirklichkeit liefert Steven Soderbergh mit seinem neuen Film "The Laundromat - Die Geldwäscherei", den er für Netflix drehte, und der, bevor er nächste Woche auf dem Streamingdienst zu sehen ist, an diesem Wochenende in einigen ausgewählten Kinos gezeigt wird. Es geht um die "Panama Papers", die 2016 weltweit Aufsehen erregten. Der "Laundromat" ist die ,Verfilmung' eines Buchs von Jake Bernstein ("Secrecy World: Inside the Panama Papers Investigation of Illicit Money Networks and the Global Elite"), das Drehbuch schrieb Scott Z.

Burns, der bereits bei einigen Soderbergh-Filmen mitgearbeitet hat ("Der Informant!", "Contagion", "Side Effects"). Es ist der Versuch, etwas auf die Leinwand zu bringen, das sich der Darstellbarkeit eigentlich entzieht - die dubiose ganz und gar abstrakte Realität der globalen Steueroasen, der Briefkastenfirmen (shells), die nur aus Namen und Unterschriften bestehen, keine eigenen Aktivitäten verzeichnen und sicher keine Menschen dahinter, nur ein mieses, exakt durchkonstruiertes System von Geldwäsche und Steuervermeidung. Das nicht nur in fernen, exotischen Gegenden lokalisiert ist, sondern durchaus auch, und zum großen Teil, in den USA. Meryl Streep spielt Ellen Martin, und sie ist die Figur, die uns durch das Labyrinth des Films führen wird, mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Beharrlichkeit. Ellen will sich in Vegas niederlassen, um den jähen Tod ihres Mannes Joe zu verarbeiten. In Vegas haben sie sich kennengelernt - ein Konzert mit Diana Ross, "der schönsten Frau, die ich je gesehen habe", dann live der legendäre Telethon mit Jerry Lewis am Labour Day, für an Muskeldystrophie leidende Kinder. Die Ehe schien beschwingt zu starten, Ellen erinnert sich an eine Nacht mit einer Unmenge Mai-Tai-Cocktails: "Eine hawaiianische Fruchtbarkeitsdroge", erklärt sie fröhlich ihren Enkeln: "Eure Mutter wurde gezeugt unter einem Papierschirmchen."

Die Trauerarbeit, die Ellen zu absolvieren hat, wird dann doch lästiger und komplizierter als erwartet. Joe starb, als ein Ausflugsschiff kenterte auf dem Lake George, New York, mit zwanzig weiteren Passagieren. Der Schiffsbetreiber war schlecht versichert, das heißt, seine Versicherung verzettelte sich in eine Reihe von Scheinfirmen, hinter denen nichts steckte, und so ist die Schadensumme, die man Ellen zuschanzt, recht gering. Sie reicht nicht, um dagegenzuhalten, als ein russischer Oligarch ihr das Vegas-Apartment wegschnappt, das für sie mit so wertvollen Erinnerungen verbunden ist. Und so kommt Ellen zum ersten Mal in Kontakt mit der Realität, die hinter den weltweit bekannten Panama Papers steckt, und, konkreter, mit der Kanzlei Mossack Fonseca in ihrem Zentrum, in Panama. Die Welt, wird uns Mossack einmal erklären, das sind nur Menschen, die sich hinter Stapeln von Papier verstecken.

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In "Gemini Man" wird Will Smith von einer jüngeren Version seiner Selbst gejagt. "Skin" überzeugt nicht gerade durch Dramaturgie - sondern vor allem durch Hauptdarsteller Jamie Bell.

Millionen vertrauliche Papiere aus der Kanzlei wurden der SZ zugeleitet von einem anonymen Whistleblower - und dann weltweit von Journalisten ausgewertet, koordiniert vom Internationalen Netzwerk investigativer Journalisten. Im April 2016 wurden die Ergebnisse der Untersuchung veröffentlicht, unter Auflistung Tausender Personen und Hunderttausender Briefkastenfirmen. In einem News-Clip ist im Film einer der SZ-Redakteure zu sehen, Bastian Obermayer, der kurz erklärt, wie die Papiere zu ihm kamen.

Ellen Martin gibt sich mit Papieren und Zahlen nicht zufrieden, sie bricht auf zu einer eigenen Suche, die erste Station ist die Karibikinsel Nevis. Dort erlebt sie anschaulich die absurde Evidenz der Briefkastenfirmen. "Now is the time for action", ist ihre Parole, das schließt auch eine Wunscherfüllungs-Traumszene ein, in der sie wild bei den Drahtziehern im Büro rumballert. Das Outfit einer harmlosen Touristin wird sie auch bald ablegen, jeden Anflug von Betulichkeit verschwinden lassen.

Steven Soderbergh macht auch in diesem Film, was ihn immer am meisten interessierte, er erzählt dichte kleine Geschichten, am Detail orientierte Miniaturen, die zusammen eine große, globale Realität reflektieren sollen. Allesamt basieren sie auf realen Vorfällen, deren Spur nach Panama führte, manche fast eins zu eins erzählt, andere kombiniert und verdichtet. So ist auch der "Laundromat" ein intimes Panoptikum, ein sympathisches Puppentheater. "Leute, die diesen Film anschauen", sagt Drehbuchautor Scott Z. Burns, "müssen verstehen, dass dieses System der Grund dafür ist, dass ihre Kinder keine Schulbücher haben, oder der Grund dafür, dass sie keine Krankenversorgung haben, dass es ein Schlagloch in der Straße gibt und dass ihr Flugplatz heruntergekommen ist. All dies ist nicht so, weil wir nicht genug Geld haben. Es ist so, weil eine Menge sehr reicher Leute ihre Steuern nicht zahlen." Burns glaubt an die aufklärerische Kraft des Spielfilms - demnächst kommt "The Report" in unsere Kinos, den er ebenfalls geschrieben und auch inszeniert hat, über die Senats-Untersuchung der CIA-Waterboarding-Affäre, die gleichfalls durch einen Whistleblower publik gemacht wurde.

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Die radikale Naivität, mit der Scott Z. Burns unsere Realität mit der Steueroasen-Scheinwelt zusammenbringen will, sabotiert Soderbergh hier ungewöhnlich drastisch. Indem er den Puppenspielern selbst eine Bühne bereitet auf dem Panoptikum, den Steueranwälten Jürgen Mossack und Rubén Fonseca, lustvoll und aalglatt verkörpert von Gary Oldman und Antonio Banderas. Die zwei führen sich gleich zu Beginn als Märchenerzähler ein, flanieren in makellosen Tuxedos durch eine staubige Steinzeitlandschaft, doch die Märchen, die sie parat haben, drehen sich in immer neuen Spiralen ums Geld und um die Grundelemente der menschlichen Gesellschaft - den Tausch, den Handel, den Kredit, die Bankgeschäfte, die Scheinfirmen, und vor allem das Vertrauen, das dies alles impliziert.

Sie stecken den am Boden kauernden Steinzeitmenschen einen Geldschein zu, in den einer gleich gierig reinbeißt, und Fonseca schenkt ihnen - ein Prometheus in lässigster Eleganz - mit seinem Feuerzeug das Feuer. Dann steigen sie - alles in einer einzigen Einstellung gedreht, Soderbergh hat wieder, unter Pseudonymen, Kameraarbeit und Schnitt selbst besorgt - direkt in die Zukunft hinunter, in eine futuristische Nachtclubhöhle, die auch ein wenig Börsenflair besitzt. Für die Zukunft, so ihre Parole, gibt es noch eine Menge Formen und Namen, die das Geld annehmen kann. Die Attitüde, mit der die beiden vorgehen, ist anbiedernd und verschwörerisch, die einzelnen Kapitel des Films werden als "Geheimnisse" angeboten, das erste lautet: "The meek are screwed", was in deutschem Bibelanklang etwa heißt, die Sanftmütigen sind aufgeschmissen und im Arsch.

Das ist Zynismus, aber kein wirklich aggressiver und heilsamer. Aus dem Panoptikum wird so tristes Kabarett, das Schlimmste, was einem Film passieren kann. Aber es hilft nichts, die Show muss immer weitergehen.

Je dichter das System der Scheinfirmen wird, je näher der Moment ihrer Enttarnung kommt, desto mehr fangen auch Mossack und Fonseca zu zappeln an wie Puppen, überfordert von ihrem eigenen globalen Konstrukt. Man könne nicht zurück in der Zeit, sagt ihre Mitarbeiterin, es stecke alles in den Büchern. Darauf stöhnt Mossack nur hilflos: Manche sagen, Zeit ist eine Illusion.

Immer düsterer werden die Geschichten, immer verbrecherischer die Aktionen. Dem etwas banalen Familienleben um Ellen Martin kontrastiert bald eines, in dem die Familienväter nicht wirklich mitzubekommen scheinen, auf welch perverse Basis sie ihren Familienalltag aufgebaut haben. Im Büro müssen sie sich die Zeit vertreiben, indem sie stumpfsinnig Solitär spielen, auf dem Computer. Ein reicher Unternehmer afrikanischer Herkunft nimmt als Mätresse die Studienfreundin seiner Tochter, deren Schweigen er wiederum mit Millionen erkaufen will. Später gibt es dann, bei Geschäften in China, Erpressung und Mord und Geschachere um wertvolle menschliche Organe.

Bei den Scheinfirmen, den shells, erklärt Fonseca einmal, schaut man durchs Fenster und sehe gewöhnlich einen leeren Raum - aber Fenster und Raum könnten durchaus an verschiedenen Orten sein. Das Kino lebt, schon immer, von genau diesem Effekt.

The Laundromat, USA 2019 - Regie: Steven Soderbergh. Buch: Scott Z. Burns. Kamera: Peter Andrews. Schnitt: Mary Ann Bernard. Musik: David Holmes. Mit: Meryl Streep, Gary Oldman, Antonio Banderas, Sharon Stone, David Schwimmer, Matthias Schoenaerts, Jeffrey Wright, Will Forte, Chris Parnell, James Cromwell. Netflix, 95 Minuten.

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