"The Hateful Eight" im Kino:Ungebrochener Spieltrieb

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Tarantino hat auf 70mm-Film gedreht in Panavision Ultra Wide, ein Verfahren, das überhaupt erst zehn Mal verwendet wurde und seit 1966 gar nicht mehr. Das ist filmemacherische Besessenheit, denn es gibt im Film statt großen Landschaften bald nur noch einen Raum, in dem sich alle aufhalten. Aber die Kutschstation, die an einer Stelle sogar fast in Nord- und Südstaaten geteilt wird, ist dann doch ganz Amerika.

Was sich darin entspinnt, ist eine Art Eiswestern-Variante eines Agatha-Christie-Krimis, mit Major Marquis Warren in der Rolle des Hercule Poirot, der mit messerscharfer Beobachtungsgabe die Anzeichen der Bedrohung im Innern wahrnimmt, noch bevor er sie deuten kann. Es ist meisterlich geschrieben, meisterlich gefilmt, es liegt ein Ennio-Morricone-Score darunter, und Tarantino erzählt mit ungebrochenem Spieltrieb. Verwebt Hommage und Originalität, legt lustvoll Spuren, treibt die Gefangenen des Schnees langsam zur Explosion. Und, ja - es gehört dann wohl dazu, dass alles in einen surrealen Gewaltexzess mündet.

Wenn einem Bilder von Gewalt nichts mehr anhaben können - dann bedeuten sie nichts mehr

Die Welt, in die Tarantino seine Exzesse hineinschickt, ist nicht mehr dieselbe wie zu "Pulp Fiction"-Zeiten - und vielleicht hat es auch damit zu tun, wenn man, was bei allem Respekt erlaubt sein muss, den großen Showdown dann nur erduldet. Worin bestand denn der Reiz von Tarantinos Überzeichnungen? Die heile Wunderwelt, in der die Gewalt ins Unsichtbare verdrängt wurde, ist entschwunden, und das Kino selbst hat fast alle Tabus gebrochen. Tarantino hat sich mit Bedacht für "The Hateful Eight" eines der letzten ausgewählt: John Ruth verpasst Daisy, bis auf eine Rückblende am Schluss die einzige Frau im Spiel, regelmäßig Schläge mit der Faust, wenn sie ihm dumm kommt. Dergleichen sieht man nicht oft.

Der Film sei, wurde ihm in den USA vorgeworfen, misogyn - aber darüber kann man zumindest streiten. Denn es geht dabei nicht darum, dass Daisy eine Frau ist - Ruth behandelt sie, wie er jeden anderen gesuchten Mörder behandelt auf dem Weg zur Auslieferung: gleiches Unrecht für alle; so weit, dass er seine Gefangenen mit Samthandschuhen anfassen würde, geht sein Vertrauen in den Rechtsstaat dann doch nicht. Und Marquis Warren weist ihn auch darauf hin, dass es ganz schön gefährlich ist, die Gesuchten lebend abzuliefern. Es werden dann später Männer regelrecht in ihre Bestandteile zerlegt - die Brutalität gegen Daisy passt da bestens ins Bild, und sie selbst steht den Jungs in nichts nach.

In Ehrfurcht kopiert

Der Anblick ist trotzdem, das geht wahrscheinlich vielen Zuschauern so, bei ihr schwerer zu ertragen als, sagen wir, bei Tim Roth. Das bedeutet aber, dass wir uns an manche Bilder von Gewalt einfach gewöhnt haben. Und wenn man sich erst einmal so an die Bilder gewöhnt hat, dass sie einem nichts mehr anhaben können - dann bedeuten sie eigentlich nichts. Zwanzig Jahre nach "Pulp Fiction" wirkt ein typischer Tarantino-Film merkwürdig unzeitgemäß, im Positiven wie im Negativen.

Denn da ist ja diese Energie, die Lust, mit der Tarantino alles, was er an alten Western so geliebt hat, aufnimmt und dann in Ehrfurcht kopiert, ergänzt oder gar umdreht - als wollte er einen altmodischen Western machen, der doch alles mitdenkt, was man früher weggelassen hätte: einen ehemaligen Sklaven, der für Gerechtigkeit sorgt, eine Frau, die der Westen so brachial gemacht hat wie die Jungs und ein Land, dessen Bürgerkriegswunden lange nicht verheilt sind. Mit der Vergangenheit abschließen kann man eben nur, wenn man sie nicht verklärt.

The Hateful Eight, USA 2015 - Regie und Buch: Quentin Tarantino. Kamera: Robert Richardson. Musik: Ennio Morricone. Mit: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Walton Goggins, Michael Madsen, Bruce Dern, Démian Bishir, Channing Tatum. Universum/Disney, 169 Minuten.

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