"The Guilty" im Kino Ein Film, bei dem man seinen Ohren nicht trauen kann

Zwangsfixierte Hauptfigur: Asgar (Jakob Cedergren) wird von einer Frau angerufen, die anscheinend entführt wurde. Wie aber kann man von einem Bürostuhl aus helfen?

(Foto: Nikolaj Moeller)
  • ​​​​​​Der Streifenpolizist Asger muss einen Strafdienst bei der Notrufzentrale leisten. "The Guilty" beginnt an seinem letzten Telefondienst-Abend.
  • Der Film zeigt, welche Schuld daraus entsteht, wenn einer durch dramatische Umstände gezwungen wird, schnell zu urteilen und zu handeln.
Von Tobias Kniebe

Bläuliche Monitore in Reihen, rotblinkende Telefonanlagen, Fluchtlinien aus Neonleuchten an der Decke. Nirgendwo ein Schimmer von Tageslicht, nirgendwo ein Ausblick ins Freie. So sehen sie wahrscheinlich wirklich aus, die Notrufzentralen der Polizei. Und wenn man ehrlich von Gustav Möllers Film "Den skyldige / The Guilty" berichten will, sollte man hier wohl gleich mit der entscheidenden Information herausrücken - mehr Schauwerte hat dieser Film nicht zu bieten. Er wird seinen klaustrophobischen Schauplatz nie verlassen.

Das darf man so nüchtern festhalten, denn im Folgenden geht es darum, warum sich der Kinobesuch in dem Fall trotzdem unbedingt lohnt. Da ist, erstens, der interessante Protagonist. Der Streifenpolizist Asger, überzeugend und mit minimalistischer Intensität gespielt von Jakob Cedergren, hat im Dienst einen gewaltigen Fehler gemacht, der erst nach und nach enthüllt wird. Am nächsten Morgen steht ein Gerichtsverfahren an, das ihn vielleicht rehabilitieren wird, vielleicht aber auch nicht. Bis dahin muss er, und das nun schon seit Wochen, eine Art Strafdienst bei der Notruf-Hotline machen. Was eigentlich, wie er die anderen im Raum ausreichend hat spüren lassen, unter seiner Würde ist.

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Und da ist, zweitens, die meisterhaft geschriebene und erzählte Story, die an Asgers letztem Telefondienst-Abend beginnt. Sie entfaltet ihre Wirkung fast ausschließlich auf der Ebene des Tons. Mit Stimmen am Telefon, die zittern, flehen, wüten, quälende Pausen machen, deren emotionale Nuancen mit jedem Anruf wichtiger und drängender werden. Und mit jenen schwachen Hintergrundgeräuschen, die sonst noch über eine Telefonverbindung kommen können, die man normalerweise kaum beachtet, die hier aber auf einmal entscheidende Bedeutung erlangen.

So sicher ist der Regisseur in seinem Spannungsaufbau und im Einsatz seiner Mittel - man mag kaum glauben, dass dies ein Spielfilmdebüt ist. Gustav Möller, ein 30-jähriger Schwede, der in Dänemark lebt und dort auch auf die Filmschule ging, hat bisher erst Kurzfilme und zwei TV-Serienfolgen inszeniert. Mit seinem Co-Autor Emil Nygaard Albertsen hat er reale Notrufe studiert - und die erstaunlichen Bilder, die im Kopf entstehen, während man sich in die Situationen dieser Gespräche hineinbegibt. Daraus ergab sich ihre Grundidee der totalen visuellen Beschränkung. Sie brachte "The Guilty" auf dem Sundance Festival im Januar bereits einen Publikumspreis ein - und im nächsten Frühjahr wird der Film Dänemark bei den Oscars vertreten.

So bestätigt sich einmal mehr die alte Beobachtung, dass das Kino von jeder Art der Selbstbeschränkung stark profitiert, wenn zugleich die Vorstellungskraft der Zuschauer angeheizt wird. Zu Stummfilmzeiten hat das schon Ernst Lubitsch gezeigt, der im entscheidenden Moment gern vor verschlossenen Türen stehen blieb, während drinnen entscheidende Dinge passierten. Die Dänen um Lars von Trier brachten vor mehr als zwanzig Jahren mit ihren selbstauferlegten Dogma-Beschränkungen neue Energie ins Weltkino. Und ganz aktuell gibt es neben diesem Experiment auch andere - erst kürzlich lief in den Kinos "Searching", der eine spannende Vermisstensuche nur über sich öffnende und schließende Text- und Videofenster auf Computerbildschirmen erzählte.

Die Stimme, die den Polizisten Asger nun in den Sog eines furchtbaren Dramas hineinzieht, gehört einer jungen Frau namens Iben. Das kann er auf seinem Monitor sehen, ebenso wie den ungefähren Standort ihres Mobiltelefons, dazu ihre Privatnummer und Privatadresse. Iben ist in einem Auto unterwegs, ihre Stimme klingt völlig aufgelöst, aber Asger spürt bald, dass sie nicht offen mit ihm reden kann. Ein Mann im Hintergrund gibt barsche Befehle, Iben dagegen tut so, als würde sie mit einem Kind telefonieren. Geistesgegenwärtig führt Asger die verstörte Frau durch einige Ja-oder-Nein-Fragen. Er erfährt, dass sie gerade in einem weißen Lieferwagen entführt wird.

Die sofort anlaufende Fahndung mit Streifenwagen auf der Autobahn ist allerdings nicht mehr seine Sache - und der Film zeigt, wie sehr es diesen berufsmäßigen Jäger quält, dass er in diesem Moment nicht draußen mitmischen kann. Doch auch das Telefon bietet ihm noch Möglichkeiten, wenn er die Protokolle seines Jobs ein wenig großzügiger auslegt: Er kann mit Ibens sechsjähriger Tochter zu Hause telefonieren und herausfinden, dass sie mit ihrem Babybruder allein gelassen wurde, ihr Vater aber, der jetzt woanders wohnt, die Mutter mitgenommen hat. Er kann dieser Tochter die Anweisungen geben, nach ihrem kleinen Bruder zu sehen - doch schon das wird sich als fataler Fehler erweisen.

Faszinierend ist, wie sich die Schlüsse, die Asgar aus seinen wenigen Informationen zieht, fast zwangsläufig aufdrängen - als Zuschauer stellt man dieselben Mutmaßungen an wie er, man hätte den Menschen am anderen Ende der Leitung in seiner Situation wohl auch ähnliche Hilfestellung gegeben. Asgar ist ein intelligenter Ermittler, wir denken in jeder Sekunde fieberhaft mit ihm mit, der Film vertraut dabei auch auf die Intelligenz seiner Betrachter.

Nur heißt das nicht, das seine und unsere Schlüsse damit richtiger werden: "The Guilty" zeigt, wie gefährlich es sein kann, den ersten Vermutungen zu folgen, welch neue Schuld daraus entsteht, wenn einer durch dramatische Umstände gezwungen wird, schnell zu urteilen und zu handeln. Ein Film also, in dem man im besten Sinn seinen Ohren nicht trauen kann, in dem jeder neue Anruf wieder unvorhersehbare Veränderungen mit sich bringt.

Mehr sollte nicht verraten werden, nur eines noch: Ohne dass Asgar es ahnt, wird Iben auf die seltsamste Art eine Führerin, die ihn im Laufe der Nacht zwingt, auch seine eigenen Lebenslügen immer schärfer in den Blick zu nehmen. Am Anfang wird aus Gesprächen mit Kollegen deutlich, dass Asgar einen lang abgesprochen Plan hat, wie er am nächsten Tag vor Gericht auftreten will, damit ihm in seiner Selbstsicherheit niemand etwas anhaben kann. Als er die Notrufzentrale am Ende des Films verlässt, wird von dieser Sicherheit nicht mehr das Geringeste übrig sein.

Den skyldige, Dänemmark 2018 - Regie: Gustav Möller. Buch: Möller, Emil Nygaard Albertsen. Kamera: Jasper Spanning. Musik: Carl Coleman, Caspar Hesselager. Mit Jakob Cedergren, Jessica Dinnage, Omar Shargawi, Johan Olsen, Jacob Lohmann. Verleih: NFP, 88 Minuten.

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