"The Gray Man" im Kino und auf Netflix:Niedermähbare Feinde

Lesezeit: 2 min

"The Gray Man" im Kino und auf Netflix: Geballert werden muss überall, auch in der Prager Straßenbahn: Ryan Gosling in "The Gray Man"

Geballert werden muss überall, auch in der Prager Straßenbahn: Ryan Gosling in "The Gray Man"

(Foto: Netflix)

"The Gray Man" von den Russo-Brüdern ist ein souverän ausgeführter Ballerfilm - mit Ryan Gosling als Killermaschine ohne sexuelle Bedürfnisse.

Von Juliane Liebert

Ryan Gosling bricht in "The Gray Man" mal keine Herzen, sondern Genicke und schießt viel um sich, wobei viele seiner schwer bewaffneten Feinde sterben. Um die, die er nicht erwischt, kümmert sich Ana de Armas. Die neueste und angeblich mal wieder teuerste Netflix-Eigenproduktion aller Zeiten ist durchaus sehenswert, wenn man so was mag. Man könnte den Film als "John Wick in nett" beschreiben - ein Einzelkämpfer gegen eine Organisation, Heerscharen von gesichtslosen niedermähbaren Feinden, Integrität gegen Korruption, man kennt es.

Die ganze Angelegenheit ist schwer starbesetzt. Neben Gosling und de Armas ist Chris Evans als böser Gegenspieler am Start - eine Rolle, die ihm unendliche Freude zu bereiten scheint. Vielleicht, weil er so lange als Captain America das Gute verkörperte. Wer will schon für immer das Gute verkörpern? Dann doch lieber einen eindimensionalen, aber mit Vergnügen ausgeführten Erzschurken.

Auch Julia Butters, das Mädchen, das in "Once Upon a Time in Hollywood" Leonardo DiCaprio zum Weinen brachte, ist dabei. Einige ihrer Szenen mit Gosling wirken wie eine Hommage an Tarantinos Szenen - auch "The Gray Man" zeigt Butters als altkluges, naseweises Gör. Die Selbstsicherheit wird ihr allerdings bald ausgetrieben, als sie vom erzbösen Captain America gekidnappt wird.

Wer nach der Handlung fragt, ist hier schon falsch

Was die Handlung ist? Wirklich? Netflix lässt Ryan Gosling und Ana de Armas für 200 Millionen um sich ballern, und Sie wollen die Handlung wissen? Dann ist der Film nichts für Sie. Obwohl es natürlich eine Handlung gibt, irgendwas mit geheimen, aus Gefängnissen aufgelesenen menschlichen Killer-Kampfmaschinen und politischen Verschwörungen. Aber wenn man zu viel darüber nachdenkt, ob das, was da auf der Leinwand passiert, irgendeinen Sinn ergibt, kriegt man Hirnkrebs. Darum geht es ja aber auch nicht.

Denn eigentlich geht es in diesem Film - wie allgemein in all den ultrabrutalen Ballerfilmen - natürlich um Schönheit. Sie sind wie Ballettaufführungen. Hätte Gosling ein Tütü an und ein Gymnastikband statt einer Knarre, könnte er jede Meisterschaft in rhythmischer Sportgymnastik gewinnen.

Ferner spricht für den Film, dass sie die Figuren von Gosling und de Armas nicht gezwungen haben, zwischen dem ganzen Geschieße auch noch zu kopulieren. Sie müssen noch nicht mal knutschen! Netflix denkt mit: Nachdem James Bond mit seinen Frauengeschichten jetzt als sexistisches Relikt aussortiert wurde, ist Goslings Geheimagent immer noch nahezu allmächtig, aber - was die Haltbarkeit des Films verlängert - er hat sicherheitshalber keinen Penis mehr. Oder hat sich da schon seine nächste Rolle in unsere Hirne geschlichen? Alle reden momentan doch davon, dass er in dem kommenden "Barbie"-Film der perfekte Ken sein wird.

Insgesamt ist "The Gray Man" ein souverän ausgeführter, wenn auch etwas hirnloser Ballerfilm. Allerdings ist es rein organspende-technisch gesehen eine Schande, dass Gosling und de Armas die ganzen Organe der getöteten Feinde einfach liegen lassen. Die Menschenleben, die man damit retten könnte! Haben die denn gar kein Gemeinschaftsgefühl? Und das sollen die Guten sein! Hoffentlich wird das in Teil zwei adressiert.

The Gray Man, USA 2022 - Regie: Anthony & Joe Russo. Buch: Joe Russo, Christopher Markus, Stephen McFeely. Kamer: Stephen F. Windon. Mit Ryan Gosling, Chris Evans, Ana de Armas. Netflix, 129 Minuten. Kinostart: 14. 07. 2022, auf Netflix ab 22. 07. 2022.

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