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"The Florida Project" im Kino:Auf Safari mit zotteligen Kühen

Abenteuer gibt es immer und überall. Moonee und ihre Freunde haben Spaß dabei, wenn sie von der Balustrade herab auf die Autos spucken, und fast noch größeren, wenn sie ertappt werden und ihre Spucke mit viel Spülmittel wieder wegputzen müssen. Sie machen Unfug im Technikraum des Motels, der ausdrücklich für sie verboten ist, sie besuchen das Nachbarmotel "Futureland Inn" mit seinem Raketenschild, sie streuen durch die halbverfallene Mustersiedlung eines gescheiterten Immobilienprojekts und lauern vor der Plastikhütte von "Twistee Treat"-Eiscreme, die selbst wie ein Eiscremebecher aussieht. Irgendeine genervte Mutter lässt sich dann immer bequatschen, Moonee und ihren Freunden ein Eis auszugeben.

Das alles ist einen Steinwurf von Disneyworld entfernt - und spielt doch in einem anderen Universum

Wirklich zwingend aber wird die Schönheit ihrer aus dem Nichts geschaffenen Wunderwelt, weil das alles nur einen Steinwurf entfernt von Disneyworld spielt - und doch in einem anderen Universum. Es sind immer nur Spuren, die auf die Nähe des eingezäunten und hochsicherheitsbewachten Entertainment-Giganten in Orlando verweisen: Ein Straßenschild, das die "Seven Dwarfs Lane" ankündigt, ein Honeymoon-Paar, das aus Versehen das falsche Hotel gebucht hat, ein Diebstahl, bei dem es um vier elektronische Disney-Einlassbänder im Wert von 1700 Dollar geht.

Das Staunen in riesigen Kinderaugen, das Disney als Konzern zu seinem ewigen Programm erklärt hat, steht also gleich nebenan teuer zum Verkauf und erscheint doch massengefertigt, plastikummantelt und geradezu herzlos angesichts der Ideen, die Moonee, Jancey und die anderen der Mittellosigkeit ihres Lebens abtrotzen. Sie wandern zu einer Wiese mit zotteligen Kühen und erklären den Trip zur Safari, sie essen Marmeladenbrote auf ihrem umgestürzten Lieblingsbaum, und sie feiern Janceys Geburtstag mit einem Minikuchen nachts auf einem leeren Parkplatz - gerade rechtzeitig, damit das tägliche Disney-Feuerwerk im Hintergrund diesmal für sie leuchtet. So erzählt "The Florida Project" viel greifbarer von der Ungleichheit, die Amerika zerteilt, als schwerfällige Problemfilme, die sich ihr soziales Engagement wie einen Orden an die Brust heften.

Und doch ist der Film weit davon entfernt, Armut zu glorifizieren oder die elterliche Aufsichtspflicht für überflüssig zu erklären. So wie Astrid Lindgren sich schaudernd an ein Höhlensystem erinnert hat, das sie mit ihren Geschwistern ins Heu gegraben hatte und das beim Einsturz zur tödlichen Falle geworden wäre, so lauern auch hier sehr reale Gefahren im Hintergrund. Beim Versuch, in einem leer stehenden Haus den Kamin anzufeuern, lösen die Kinder einen Großbrand aus - ein weiteres kostenloses Spektakel, dass sie aber dann doch ziemlich betreten betrachten. Auch der bleiche sabberende Mann, der sich ihnen auf dem Spielplatz nähert, muss vom Motelmanager Bobby sehr resolut vertrieben werden. Dieser Bobby ist, mit wunderbar liebender Erschöpfung, von Willem Dafoe gespielt, die wahre Elternfigur in diesem Film - schon weil sein Job verlangt, dass er ständig Grenzen setzen muss.

Seine Augen aber haben schon alles gesehen, was Armut anrichten kann, sie sind von Traurigkeit verdunkelt. Er weiß, dass Halley, die Mutter, sich nicht zusammenreißen wird, um sich in einem Job durchzubeißen - ganz gleich, wie oft er sie ermahnt. Er sieht, wie stolz sie ihren jungen, reich tätowierten Körper zur Schau stellt, und ahnt, was sie bald tun wird. Und er lächelt angesichts von Moonees Frechheit und Erfindungsgeist - weil sie das Einzige sind, was sie vielleicht retten wird, wenn der Sommer ihrer Kindheit zu Ende geht.

The Florida Project, USA 2017 - Regie: Sean Baker. Buch: Baker, Chris Berdoch. Kamera: Alexis Zabe. Mit Willem Dafoe, Brooklynn Prince, Bria Vinaite, Valeria Otto. Prokino, 111 Minuten.

© SZ vom 14.03.2018/cag
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