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"The Five":Wie der Tod sie fand

Hallie Rubenhold: The Five. Das Leben der Frauen, die von Jack the Ripper ermordet wurden. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. Nagel & Kimche, Zürich 2020. 424 Seiten, 24 Euro.

Die fatale Wirkung der viktorianischen Doppelmoral: Die Historikerin Hallie Rubenhold spürt im Fall der Morde von Jack the Ripper mal nicht dem Täter nach, sondern den fünf Frauen, die ihm zum Opfer fielen.

Von Marie Schmidt

Einer der berühmtesten ungelösten Kriminalfälle der Welt spielt in London. Eine Reihe von Frauen wird furchtbar verstümmelt und ermordet. Die Taten lassen auf einen Serienmörder schließen, der nie identifiziert, aber vielleicht gerade deshalb zum Grusel-Star aller Hobbykriminologen und Motto-Touristen wird: Jack the Ripper, das Phantom des viktorianischen Zeitalters. Heute allerdings räumen soziale und feministische Bewegungen heftig auf mit der alten Faszination für die großen Bösen und mit der heimlichen Sympathie für einen Mann, der mit allem davonkommt. Deswegen ist es vollkommen plausibel, dass in Hallie Rubenholds Buch über diese Fälle seine Taten nicht vorkommen und die Frage, wer sie begangen hat, kein bisschen interessiert.

In "The Five" rekonstruiert Rubenhold vielmehr, mit der Geschicklichkeit einer Profilerin, der Empathie einer großartigen Erzählerin und den Mitteln der Historikerin, die Lebensgeschichten der fünf Frauen, die Opfer des Ripper wurden. Man kennt ihre Namen, aber die zeitgenössische Sensationspresse hat sie so verzerrt dargestellt, dass im populären Halbwissen heute noch die Vorstellung besteht, sie seien Prostituierte gewesen, lose Frauenzimmer, die ihrem Mörder leichtfertig ins Messer liefen. Das stimmt für drei der fünf Opfer nicht und auch für die anderen zeichnet Hallie Rubenhold ein komplizierteres Bild. Es zeigt die Armut des Londoner Proletariats Mitte des 19. Jahrhunderts und die fatale Wirkung der viktorianischen Doppelmoral auf die Biografien von Frauen der Unterschicht.

Allerdings beginnt jede der fünf Lebensgeschichten in diesem Buch mit herrlich ausgepinselten Panoramen der Stadt, ihrer Milieus und Gewerke. Ins Druckereiviertel an der Fleet Street mit seinen "Werkstätten, in denen Bücher und Zeitungen und Zeitschriften lagerten und der wunderbare Geruch von frischem Paper und scharfer Tinte die Luft durchzog" wird Polly Nichols hineingeboren. Annie Chapman durfte als Tochter eines Soldaten des Garderegiments eine Schule des Militärs besuchen, ihre Familie zog zwischen London und Windsor hin und her: "Der Anblick von Landauern, in denen Damen mit teuren Seidenhüten saßen, und adligen Herren, deren Uniformen mit Medaillen klirrend behängt waren, muss für sie zum Alltag gehört haben." Rubenhold rekonstruiert aus zeitgenössischen Quellen, wie die Lebenswelt der Frauen ausgesehen haben kann, von denen es wenig eigene Zeugnisse gibt. Sie tut alles, um ihre Geschichten nicht als unausweichliche Schicksale dastehen zu lassen, präpariert auch die Hoffnungen heraus, zu denen sie Anlass gaben. Trotzdem wiederholt sich eine Dramaturgie: Man sieht diese Frauen auf ihren gewaltsamen Tod zulaufen.

Es sind prekäre, auch in glücklichen Zeiten immer bedrohte Leben, in denen Mädchen sehr früh zum Familieneinkommen beitragen müssen und als Erwachsene, den herrschenden Sitten gemäß, ohne einen Mann nicht existieren können. Rubenhold zitiert zur Erklärung den Fall einer Schneiderin, die 1887, im Jahr vor den Ripper-Morden, ausging, um sich Handschuhe zu kaufen und die Festbeleuchtung beim fünfzigsten Thronjubiläum der Königin Victoria anzusehen. Weil alleine unterwegs, wurde sie als Prostituierte verhaftet. So schnell konnte eine einfache Frau ein Ruf ereilen. Verbindungen mit Männern bedeuteten eine gewisse Sicherheit - solange sie hielten. Zwar waren die Lizenzen, sich neu zu binden und auch außerhalb von Ehen zusammenzuleben, in der Unterschicht größer, als unter feineren Leuten. Aber alle fünf Lebensgeschichten dieses Buches handeln auch von der Gewalt von Partnern, dem Ausgeliefertsein, zumal in einer Zeit ohne Empfängnisverhütung.

Rubenhold rekonstruiert, wie die Lebenswelt der Frauen ausgesehen haben kann

Ein früheres Buch von Hallie Rubenhold handelt von "Harris's List of Covent Garden Ladies", einer Art Katalog der Sexarbeiterinnen im London des 18. Jahrhunderts. In "The Five" nun beschreibt sie die fließenden Übergänge zwischen schierer Existenznot, dem Mätressenwesen und der organisierten Prostitution im 19. Jahrhundert. Das letzte Kapitel über Mary Jane Kelly, von der man wenig weiß, weil sie ihre Geschichten selbst bestimmte und häufig wechselte, gibt Einblicke in die Distinktionen und Rituale der gehobenen Prostitution. Nur schade, dass das Nachwort sich nicht mit der Frage beschäftigt, warum die scheinbar so prüden Viktorianer so besessen waren von Prostituierten oder den mit ihnen verbundenen Vorstellungen. Statt dessen wiederholt Rubenhold ihre Anklage gegen die Heroisierung des Täters und die Abwertung der Ermordeten - dabei war ihr Buch als Einspruch dagegen schon mächtig genug.

Vier von fünf der Opfer fand ihr Mörder auf der Straße schlafend vor. Im Anhang zählt Rubenhold auf, was man nach ihrem Tod bei ihnen fand. Bei der in Schweden geborenen Catherine Eddowes: "Ein Knäuel Hanf/ Ein Stück alter, geflickter Schürze/ Mehrere Knöpfe und ein Fingerhut/ Eine Senfdose mit zwei Pfandscheinen/ Teil einer Brille/ Ein roter Fausthandschuh". Keine Indizien für ein Mordmotiv, aber für ein schweres Leben.

© SZ vom 29.10.2020

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