bedeckt München 16°

"The Cut" im Kino:Statement des persönlichen Muts

Nicht nur ist dieser Film, mit Drehorten von Jordanien über Malta und Kuba bis Kanada, der bei Weitem aufwendigste und breitwandigste in Fatih Akins bisher so glücklicher, von weltweiter Aufmerksamkeit befeuerter Karriere. Er will auch ein Statement des persönlichen Muts sein: Da traut sich einer, nicht nur eine Menge Geld, sondern auch ein ganz heikles Thema anzupacken. Und riskiert den Hass zumindest von Teilen seines Publikums - erste Drohungen türkischer Nationalisten gab es bereits vor der Premiere.

Aber auch dieser Plan ist natürlich nicht nur mutig und unschuldig. Er ist genauso eine kalkulierte Fortführung des Fatih-Akin-Mythos: Da ist er also wieder, der Mann mit dem großen Herzen, das die ganze Welt umschließt - "Corazón International" hieß lange seine Produktionsfirma; da schlägt er also wieder zu, der unfehlbare Instinktmensch, der, wenn es sein muss, auch "Gegen die Wand" fährt - so der Titel seines immer noch berühmtesten Films. Nur: Bisher musste dann immer die Wand schauen, wo sie dann bleibt. Nicht er.

Böse Kritiken

Die Erwartungen, die auf diesem Film lasten, sind also zuallererst seine eigenen. Da reichte ihm dann auch die eher lauwarme Reaktion von den Machern des Cannes-Festival schon mal nicht. Akin zog den Film lieber wieder zurück, zugunsten einer großen Wettbewerbspremiere im September in Venedig. Die bösen Kritiken, die er dort zum Teil bekommen hat (siehe auch SZ vom 01.09.), sieht er nun selbst als totale Niederlage.

Zur Abwechselung sollte man hier also sagen, dass dem Film auch viel gelingt. Was eindrückliche Szenen und unvergessliche Momente betrifft, sind Fatih Akins Instinkte völlig intakt. Die Größe und Weite in seinen Bildern, für die er um die halbe Welt gereist ist, ist absolut spürbar, da war jeder Aufwand, jede logistische Zitterpartie gerechtfertigt.

Und dass sich diese Welt dem gebrochenen Blick eines Mannes zeigt, der ihre Schönheit gar nicht mehr wahrnehmen kann, macht sie sogar eher noch faszinierender. Es ist auch berührend, wie sehr Tahar Rahim, Akins französischer Hauptdarsteller für die Rolle des Nazaret, sich rückhaltlos in die Hände seines Regisseurs begibt. Als die Massaker an den Armeniern beginnen, wird Nazaret in die Kehle gestochen - sein Peiniger bringt es nicht über sich, ihn zu töten. Aber Nazaret verliert seine Stimme.

Absolute Durchlässigkeit der Emotionen

Und so muss Tahar Rahim alles mit seinen Gesten und mit seinen unglaublichen dunklen Augen machen. Entsetzen, Trauer, Abstumpfung, Hass, aber auch Hoffnung und Vergebung leuchten darin, und einmal, als er Charlie Chaplins "The Kid" an eine Lehmmauer projiziert sieht, darf er sich im Lachen sogar selbst vergessen.

Rahim spielt genau die Unschuld, die Kindlichkeit, die absolute Durchlässigkeit der Emotionen, die Fatih Akin von ihm verlangt. Würde er die Entscheidungen seines Regisseurs auch nur für eine Sekunde in Zweifel ziehen, müsste seine ganze Performance zusammenbrechen. Aber er tut es nicht. Allein dieses Vertrauen hat etwas Bewegendes. Darin lieg hier sein persönlicher Triumph.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite