"The Card Counter" von Paul Schrader im Kino:Geister von Abu Ghraib

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"The Card Counter" von Paul Schrader im Kino: Dieser Mann muss die Möbel verhüllen, so sehr verfolgt ihn die Vergangenheit: Oscar Isaac als "Card Counter".

Dieser Mann muss die Möbel verhüllen, so sehr verfolgt ihn die Vergangenheit: Oscar Isaac als "Card Counter".

(Foto: Focus Features/Weltkino)

Ein Spieler, verfolgt vom Wahnsinn seiner Vergangenheit: Oscar Isaac als "The Card Counter" reiht sich ein in Paul Schraders Galerie der Gequälten, die mit dem "Taxi Driver" begann.

Von Tobias Kniebe

Könnte so ein Leben aussehen, dem der Wahnsinn der Welt nichts mehr anhaben kann? Man taucht jeden Abend im Casino auf, setzt sich still an den Blackjack-Tisch und ignoriert die Mitspieler, als wären sie Luft. Hält die Einsätze klein, zählt die hohen und niedrigen Karten in der Hand des Croupiers und wartet, bis die Mathematik des Spiels sich dreht und die Bank die schlechteren Karten hat. Dann steigt man ein und gewinnt, exakt nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit, etwa fünfhundert Dollar. Und geht. Geld zählen, schlafen, aufwachen, wiederkommen. Repeat.

Dies ist das Leben, das William (Oscar Isaac) für sich gewählt hat. Ein Blick in seine traurigen Augen lässt ahnen, warum. Hier fragt niemand nach seinen Referenzen oder seiner Vergangenheit, hier muss er niemandem gefallen, keinem Boss gehorchen, keinen Trends folgen und keine Kritik ertragen. Alles spielt sich zwischen ihm und den Karten ab, selbst der Croupier ist egal, ein Handlager des Unvermeidlichen. Williams einziger Gegner ist die Gier. Sollte die Gier in ihm erwachen und seine Methode zu hohe Gewinne abwerfen, droht ihm Hausverbot in den Casinos. Oder, wenn er riskantere Spiele spielt, der Ruin.

Man folgt diesem Mann gern in dem Film "The Card Counter". In seiner Klarheit, Zurückgenommenheit und Bescheidenheit liegt ein angenehmes Element der Ruhe. Oscar Isaac, der auch schon "Star Wars"-Pilot war und trauriger Held der Coen-Brüder, hat graue Strähnen in den Haaren und einen Ausdruck von Weltmüdigkeit im Gesicht. Beides steht ihm ausgezeichnet. Und doch muss dieser Protagonist innerlich völlig kaputt sein: Motelzimmer zum Beispiel kann er nur ertragen, wenn er sämtliche Lampen und Möbel mit weißem Stoff und Schnüren umwickelt, eine seltene Zwangsstörung, deren Ergebnis aber schön aussieht. Nennen wir sie das Christo-Syndrom.

Der Autor und Regisseur Paul Schrader macht nicht lang ein Geheimnis daraus, was diesen Helden quält. Ein Albtraum enthüllt es, gefilmt in stark verzerrenden Weitwinkelaufnahmen mit Fischaugen-Objektiv. Darin die Horrorszenen der geleakten Bilder, die man aus dem Militärgefängnis Abu Ghraib im Irak gesehen hat, ein Wimmelbild von Folter und Erniedrigung und Hitze und Exkrementen. Mittendrin William in Uniform. Er war einer der amerikanischen Folterer, dessen Bilder um die Welt gingen, wurde angeklagt und saß acht Jahre im Militärgefängnis. Formal ist seine Schuld nun abgegolten. Doch der Wahnsinn der Welt, der er zu entkommen sucht, könnte ihn wieder einholen, jederzeit.

Verfolgt wurden nur die, die auf den Folterfotos waren, heißt es einmal

Unruhe ist deshalb nicht gut für ihn. Nicht durch La Linda (Tiffany Haddish), die in den Casinos nach begabten Spielern Ausschau hält und William überreden will, bei Pokerturnieren groß einzusteigen - das Startkapital würde sie schon besorgen, sollte er die Gewinne mit ihr teilen. Und auch nicht durch den jungen Cirk (Tye Sheridan), der auf einer Erkundungsmission ist, die zum Rachefeldzug werden könnte. Er erkennt William von den geleakten Folterbildern, die seinerzeit um die Welt gingen. Und er will wissen, wie es in Abu Ghraib wirklich war.

Cirks Vater war ebenfalls Soldat in den Foltergefängnissen, auch er kam als Psychowrack zurück, aber gewalttätig, hat das Leben seines Sohnes und seiner Frau ruiniert und dann Suizid begangen. "Du warst der Sündenbock", sagt Cirk zu William, "wie alle, die auf den Fotos waren." Was aber, fragt er, ist mit den ganzen Vorgesetzten, die nie bestraft wurden? Was ist mit dem System der Folter, gewollt und gedeckt bis hinauf zum amerikanischen Präsidenten?

William will diese Fragen und Gedanken abschütteln. "Sie fressen dich sonst auf", sagt er zu Cirk. Besonders die Erinnerungen an Major Gordo (Willem Dafoe) muss er verdrängen, einen Folterarchitekten der ersten Stunde, der seine Verbrechen im Irak aber als "Civil Contractor" beging - und deshalb nie verfolgt wurde, sondern einfach nur wohlhabend. Wir sollten uns rächen und diesen Gordo ermorden, sagt Kirk. William geht nicht darauf ein.

Aber dann kommt er doch heraus aus seinem Schneckenhaus der Karten und Zahlen. Nimmt den Jungen mit auf seine Casino-Reisen, um ihn auf bessere Ideen zu bringen. Ruft La Linda an, um als Pokerspieler anzutreten. Die hohen Pokergewinne sollen Kirk ein Studium ermöglichen, seine Schulden bezahlen, eine Versöhnung mit seiner Mutter auf den Weg bringen. Und als La Linda auch privat an ihm Interesse zeigt, beginnt William, sein Einsiedlerleben zu überdenken. So bilden die drei ein seltsames, fast fröhliches Gespann, das an eine Kleinfamilie erinnert und eine bessere Zukunft in den Blick nimmt. Wenn - ja wenn die Saat der Gewalt, die in den Foltergefängnissen des Irak gesät wurde, nicht längst tief in Cirk und William eingepflanzt wäre.

In Schraders gequälten Männerfiguren verdichten sich die Psychosen ganzer Epochen

Männer, die das Leid der Welt auf ihre schmalen Schultern laden, in denen sich die Verbrechen und Psychosen ganzer Epochen verdichten - das war schon immer eine der Spezialitäten des Kinoerzählers Paul Schrader. Seine berühmteste Figur dieser Art schuf er noch als Autor - den "Taxi Driver", Gottes einsamster Mann, geplagt vom Schmutz und Chaos im New York der Siebzigerjahre und den gewaltsamen Reinigungsfantasien, die daraus folgten. Robert de Niro und Martin Scorsese erweckten ihn zu bleibendem, gespenstischem Leben.

Dann folgte Richard Gere als "American Gigolo", der sich in den Achtzigern für die schönen Oberflächen verkaufte, und später Willem Dafoe als "Light Sleeper", ein Drogenkurier und Ex-Junkie, der von den Verheißungen und Verheerungen des amerikanischen Selbstbetäubungswahnsinns nicht loskam. Oscar Isaac als "Card Counter" führt die Reihe dieser großen Porträts nun würdig fort. Der Film ist einer der besten des vergangenen Jahres. Auch hier verdichtet sich eine Epoche - das Wüten eines schwer getroffenen Imperiums, das unter Druck seine niedersten Instinkte entfesselt. Auch hier muss mit Blut bezahlt werden.

Seit dem "Gigolo" aber gibt es am Schluss einen Funken Hoffnung bei Schrader, der sich einzig und allein den Frauen verdankt. Auch sie sind nicht unschuldig, sie mischen immer mit in den Geschäften und Illusionen, aber im entscheidenden Moment, wenn alle sich abwenden, beweisen sie Güte und Mut. Und so ertönt auch diesmal wieder, wenn am Ende gebüßt werden muss in Leere und Einsamkeit und Sinnlosigkeit, der Satz der Hoffnung, der fast schon eine Signatur Schraders geworden ist: You have a visitor. Sie haben Besuch ...

The Card Counter, USA 2021 - Regie und Buch: Paul Schrader. Kamera: Alexander Dynan. Mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish, Tye Sheridan, Willem Dafoe. Verleih: Weltkino, 112 Minuten. Kinostart: 3. März 2022.

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