"The Amazing Spider-Man" im Kino:Superhelden in der Wiederholungsschleife

Dieses Mal ist der Gegner kein grüner Kobold, sondern eine mutierte Eidechse. Sonst ändert sich nicht viel. Der neueste "Spider-Man" ist ein Beleg für die immer kürzeren Produktzyklen in Hollywood und stellt eine große Frage: Wann geht das Kino von der Kreation zur Interpretation über?

Tobias Kniebe

Kürzlich wurde, im Rahmen einer Produktpräsentation in Berlin, der neue "Spider-Man" aus dem Hause Sony vorgestellt. Design leicht überarbeitet, Ausstattung verbessert, "Persönlichkeit" vertieft und noch stärker psychologisiert - das war das erste Fazit der Fachjournalisten. Sie durften den Machern Fragen stellen und das Look & Feel des Neuen sogar per Handschlag überprüfen.

Andrew Garfield in "The Amazing Spider-Man"

Der neue Spider-Man (Andrew Garfield) trägt die Haare etwas wuscheliger als der alte. Das immerhin gilt es festzuhalten.

(Foto: Sony Pictures)

Wichtig vor allem: Die aktuelle und derzeit gültige Version wird ausschließlich unter dem Namen "The Amazing Spider-Man" vertrieben. Alles, was in ähnlicher Optik unter "Spider-Man" im Handel ist, könnte Nepp sein. Zwar handelt es sich nicht um eine Raubkopie, sondern nur um die veraltete, großenteils inhaltsgleiche Fassung von 2002 - gerissene Kinobetreiber und DVD-Händler aber könnten diese Verwirrung für sich ausnutzen.

Nun aber zu den Key Features der "Amazing"-Version: Der neue, von Andrew Garfield gespielte Peter Parker ist schon zu Beginn durchaus cooler als der alte von Tobey Maguire. Er fährt zum Beispiel Skateboard und trägt die Haare eher wuschelig, was bei dem Mädchen besser ankommt. Trotzdem hat er an der Highschool wenig Spaß: Schlägertypen quälen ihn genauso wie die eigene Schüchternheit, dazu nerven Onkel und Tante mit ewig moralischen Ermahnungen. Das war zwar schon immer so, der Neue aber reagiert darauf wütender, dünnhäutiger, stotternder als je zuvor - weil er, auch das ein erstmals gezeigtes Feature, als kleiner Bub jäh von den Eltern verlassen wurde.

Des weiteren heißt das Mädchen seiner Träume nun Gwen und nicht mehr Mary Jane, ihre Haarfarbe ist Blond statt Rot, und gespielt wird sie von der immer großartigen Emma Stone. Der wahnsinnige Wissenschaftler schließlich, gegen den der "Amazing Spider-Man" antreten muss, hat in seiner Monstergestalt die Grundfarbe grün beibehalten, aber die Spezies gewechselt: Seine gequälte Seele steckt jetzt nicht mehr in einem fiesen Kobold, sondern in einer gigantisch mutierten Eidechse.

Die Grundlage, das Betriebssystem der Legende, ist dennoch unverändert: Peter Parker wird wieder von einer mutierten Spinne gebissen, er fällt wieder in einen heftigen Fieberschlaf und erwacht mit den Superkräften der Spinne: Der Zugriff seiner Hände zertrümmert die Einrichtung, klebrig haften sie an allen Oberflächen; seine Sprungkraft überwindet Häuserschluchten - und seine Reflexe erniedrigen jeden Gegner auf dem Basketball-Court.

Nur die Spinnendüsen, aus denen er die klebrigen Lianen schießt, an denen er dann durch die Stadt schwingt - die sind diesmal nicht Teil seiner Biologie, sondern selbst gebastelte Nerd-Konstruktionen. Da ist diese Neufassung dann wieder ganz nah am Comicbuch-Original.

Kino im Teufelskreis

Die Frage, die sich hier nun aber bedrohlich dazwischenschiebt, ist fundamental: Mal ehrlich - wen interessiert das? Schon klar, Comic-Kultur regiert die Welt, ihre Messen sind Hochämter des populären Entertainment, und der Kinogänger will informiert sein, bevor er sein Ticket kauft. Die Tatsache aber, dass Superhelden-Filme beinah die einzigen Investments sind, die auf Blockbuster-Ebene in Hollywood noch als sicher gelten, macht gerade in diesem Fall auch klar: Das Kino ist in eine Art Teufelskreis hineingeraten.

Die immergleichen, haarsträubend simplen Grundgeschichten. Das immergleiche Personal. Nicht mehr nur Fortsetzungen, sondern Remakes, Wiederholungen, Reboots - in immer kürzeren Abständen. Egal, wie man die Sache am Ende nennt: Es geht hier um Produktzyklen, wie sie für alle Industrien inzwischen normal sind, deren Regeln der Markt diktiert und die ihrerseits allen Beteiligten ihre eigene Logik aufzwingen.

Am Ende gilt das sogar für die Kritiker, die gezwungen sind, Produktversionen zu vergleichen, Alt-und-Neu-Listen abzuarbeiten und sich in Details der Spinnendrüsen-Biologie zu verheddern, als wären sie Schurken in Spider-Mans Netz.

Spinnenbiss-Passage in Es-Dur

Schon klar, man kann das verweigern. Aber dann bleibt ja wirklich nicht viel zu sagen. Dann ist dieser Andrew Garfield ein 28-jähriger Schauspieler, der in einem schweren Fall von Overacting versucht, sich in einen gehemmten Highschool-Grübler zu verwandeln. Marc Webb, sein Regisseur, versucht zwar gelegentlich den Ausbruch - im Würgegriff des Spidey-Franchise verliert er aber alle Originalität und Leichtigkeit, die sein Kinodebüt "(500) Days of Summer" noch hatte.

Nur Emma Stone, die eigentlich immer gut ist, holt aus ihrer eindimensionalen Rolle sehr viel heraus - zum Beispiel einen wunderbar realen Ausdruck der Überraschung, wenn sie begreift, dass ihr schüchterner Lover in Wahrheit der berühmt-berüchtigte Spider-Man ist.

Vielleicht denkt man aber auch zu negativ, wenn man sich nun für immer in einer Superhelden-Wiederholungsschleife gefangen sieht. Zwar wird sich an den Realitäten in Hollywood nichts ändern, und der Zyklus der Remakes und Sequels beschleunigt sich eher weiter. Aber dann tritt das Kino womöglich in eine neue Phase ein - in der sich Oper und klassische Musik schon längst befinden.

Könnte der Kanon der Geschichten, die das Publikum wirklich sehen will, nicht auch hier bald abgeschlossen sein? Dann hätte es seine Richtigkeit, dass die Spidey-Symphonie einfach regelmäßig neu eingespielt wird: hier eine innovative Phrasierung, dort ein virtuoser Spezialeffekt - und dann, im zweiten Satz, die berüchtigte Spinnenbiss-Passage in Es-Dur... An solchen Nuancen dürften wir uns dann abarbeiten - und kein Regisseur von Rang käme darum herum, seinen eigenen Spiderman-, Superman-, oder Batman-Zyklus aufzunehmen.

Auch in dieser schönen neuen Filmwelt stünde es jedem frei, sich gelegentlich noch an originale Kreationen zu wagen - solche Werke liefen dann aber unter dem Etikett "Zeitgenössisches Kino" und klängen eher dissonant bis zwölftonal. Einmal im Jahr, vielleicht in Cannes, würden wir sie bewundern, diskutieren und dazu hochsubventionierten Champagner trinken - im sehr kleinen Kreis.

THE AMAZING SPIDER-MAN, USA 2012 - Regie: Marc Webb. Buch: James Vanderbilt, Alvin Sargent, Steven Kloves. Kamera: John Schwartzman. Musik: James Horner. Mit Andrew Garfield, Emma Stone, Rhys Ifans, Denis Leary, Martin Sheen, Sally Field. Sony, 136 Min.

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