Thalia-Theater:Netter Typ sagt lieber nichts

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Thalia-Theater: Kirill Serebrennikow am 14. Januar vor dem Thalia-Theater Hamburg, wo er jetzt probt.

Kirill Serebrennikow am 14. Januar vor dem Thalia-Theater Hamburg, wo er jetzt probt.

(Foto: Morris Max Matzen/AFP)

Der lang unter Hausarrest festgehaltene russische Regisseur Kirill Serebrennikow darf überraschend in Hamburg proben. Wie es dazu kam? Weiß er selbst nicht.

Von Till Briegleb

Auf die brennendste Frage, die Kirill Serebrennikow gerade von jedem gestellt wird, gibt er keine Antwort. Warum durfte dieser Regisseur, der im Ausland eine ähnliche Symbolfigur für die staatliche Unterdrückung von Kunst und freier Meinung in Russland ist wie Pussy Riot, vergangene Woche plötzlich nach Deutschland ausreisen, um am Hamburger Thalia-Theater Tschechows "Der schwarze Mönch" zu inszenieren? Was ist das für ein politisches Zeichen, dass in Zeiten höchster politischer Spannungen zwischen Putin-Staat und Nato von russischen Behörden scheinbar ein Akt kulturellen Tauwetters vollzogen wird? Oder ist diese Ausreiseerlaubnis nach dem kürzlichen Verbot der Menschenrechtsorganisation Memorial und der Flucht des Journalisten Wiktor Schenderowitsch aus Angst vor Verhaftung nur ein weiterer Schritt, eine unliebsame Stimme zum Schweigen zu bringen, indem man sie ins Ausland entsorgt?

Serebrennikow, dem während seines fingierten Schauprozesses in Moskau um angeblich unterschlagene Projektgelder 2017, seines eineinhalbjährigen Hausarrests und des anschließenden Reiseverbots eine riesige Solidaritätswelle speziell in der deutschsprachigen Kulturszene entgegenschlug, will sich zu den zweiten Absichten dieser Behördenentscheidung nicht äußern. Alle Antworten, die er auf die unterschiedlich formulierten Fragen nach seiner Interpretation des Vorgangs gibt, sind freundliches Ausweichen.

"Ich habe keine Ahnung", sagt er am Rande im Foyer des Thalia-Theaters. "Ich bin ein netter Typ, und mein Benehmen war gut", und er lächelt vieldeutig. Man habe einfach wie vor jeder Produktion im Ausland einen Antrag gestellt, für seine Arbeit ausreisen zu dürfen, und diesmal wurde er kurz nach Neujahr bewilligt. Bis zur Premiere am 22. Januar kann er in Hamburg bleiben, darf aber nicht reisen. Als "Arbeitstier" konzentriere er sich nun auf diese Produktion, und denke nicht über die Umstände nach. "Vielleicht später."

Ist seine erlaubte Ausreise möglicherweise eine Art Gesinnungstest?

Serebrennikow, der seit der versuchten Kriminalisierung seiner Arbeit vor fünf Jahren und speziell in der Episode seines Hausarrests diverse Inszenierungen, darunter an der Münchner und der Hamburger Staatsoper, aber auch an der Schaubühne in Berlin, in seiner 33-Quadratmeter-Wohnung in Moskau entwickelt hatte und diese dann zunächst über USB-Sticks, später per Videoschalte in die Proben übermitteln musste, hat sichtlich keine Interesse zu eskalieren. Lediglich eine Frage zu dem Komplex seiner neu genehmigten Teilfreiheit findet eine klare Antwort. Ja, er sei im Moment vorsichtig, was er in der Öffentlichkeit sage, erklärt er zu der Möglichkeit, dass diese Genehmigung zur Ausreise eine Art Gesinnungstest sei. Aber nicht aus Angst, sondern aus Vernunft.

Es wäre absurd, Serebrennikows Schweigen als Kuschen vor der Staatsgewalt zu interpretieren. In der Zwangslage, in der er sich befindet, ist persönliches Abwägen der Vor- und Nachteile einer Konfrontation gesunde Selbsterhaltungsmoral. Zumal Serebrennikow nie wie Pussy Riot oder Alexej Nawalny den Frontalangriff gegen die Autoritäten in Putins Hörigkeitsstaat gesucht hat. Dass man versuchte, an ihm ein Exempel zu statuieren, resultierte vermutlich auch weniger aus einer politischen Gefahr, die von ihm ausging. In einem Staat, der Homophobie als Politik bis hinauf zum Präsidenten huldigt, war es eher Serebrennikows Plan, einen Film über die homosexuellen Neigungen des Komponisten Tschaikowski zu drehen, der die Allianz aus Regierung, Kirche und gelenkter Justiz dazu bewog, ihn mundtot zu machen.

Dass Serebrennikow selbst offen schwul ist, dazu auch noch jüdischer Buddhist und kritischer Künstler, mag weitere Kriterien eines Täterprofils im russischen Angststaat erfüllen, der das Phantom der Normalität als aggressiven Konsens verteidigt. Und der dann Menschen formt wie Andrej Kowrin, die Hauptfigur von Tschechows Novelle "Der schwarze Mönch", ein Genie, das wahnsinnig wird, weil es den Stress zur Anpassung nicht aushält. "Kowrin ist ein Mensch auf Messers Schneide", erklärt Serebrennikow sein Inszenierungskonzept. "Er befindet sich in einer sehr komplizierten Situation zwischen Wahrheit und Lüge, Tod und Leben, Vergangenheit und Zukunft. Und da muss er verstehen lernen, wie er sich verhalten soll." Und diese Charakterisierung seines Protagonisten klingt dann plötzlich wie eine Selbstbeschreibung Serebrennikows. Und wie eine verschlüsselte Antwort auf die Frage, warum er gerade lieber schweigt.

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