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Textildesign:Hella Jongerius

Die Textilarbeit "Window #3" webte Hella Jongerius während der Coronazeit. Sie ist Teil der Serie "Woven Window". Im kommenden Frühjahr wird diese im Rahmen einer Ausstellung über die niederländische Industriedesignerin im Gropius Bau Berlin zu sehen sein.

(Foto: Magdalena Lepka for Jongeriuslab)

Von Laura Weissmüller

Das Fenster zu einer anderen Welt ist aus Wolle. Kunstvoll verwoben ergeben die Fäden zusammen ein Muster, das sich zu einem Ausblick verdichtet. Während das Auge noch dabei ist, das Motiv von "Window #3" zu erkennen, meint man schon den Stoff zu fühlen.

"Textilität ist das Gegenstück zu unserer digitalen Welt", sagt Hella Jongerius. Die Niederländerin ist eine der einflussreichsten Designerinnen der Gegenwart, und sie webt. Das tut sie zwar schon 25 Jahre lang, aber seit Beginn der Corona-Krise sitzt Jongerius jeden Morgen für einige Stunden in ihrem Berliner Studio am Webstuhl. Der Stillstand der Welt hat auch die Designszene in eine Zwangspause geschickt - was bitter nötig war. Während die Auswirkungen der Klimakatastrophe immer sichtbarer wurden, hielt die Branche unerbittlich an ihrer Schöner-Wohnen-Blase fest: Auf Messen beschwor man neue Trends herauf, die wiederum neue Produkte legitimierten. Müllberge hin oder her.

"Wir müssen den globalen Markt neu entwerfen", sagt Jongerius. Seit drei Jahren beobachtet die Industriedesignerin einen "gewaltigen Wandel hinter den Kulissen": "Viele Firmen arbeiten daran, dem Klimawandel Rechnung zu zollen." Das tun sie nicht ganz freiwillig. Immer mehr Kunden wollen wissen, woher ein Produkt kommt, wie es hergestellt wurde und von wem. Die Macht der Konsumenten ist groß. "Die Krise hat die Notwendigkeit eines radikalen Wandels noch deutlicher gemacht," so Jongerius - und die Branche gleichzeitig in eine große Unsicherheit gestürzt: Jetzt, wo die Wirtschaft weltweit schwächelt, werden Kunden dann überhaupt noch bereit sein, mehr Geld für nachhaltig und fair produzierte Produkte zu zahlen?

Jongerius hält nichts von der Forderung, nur noch lokal zu produzieren und zu konsumieren. "Das ist nostalgisch. Wir sind alle miteinander verbunden, wie ein Garn. Zusammen ergeben wir das Tuch der Welt."

© SZ vom 30.05.2020

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