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Teure Pläne:Bundes­­renommierbau

Der Entwurf vom Museum der Moderne in Berlin

Gleich neben Mies van der Rohe: Südfassade des Museumsneubaus mit hangarartigen Toren. Eine schräg gestellte Wand lässt zusätzliches Licht ins Untergeschoss.

(Foto: Herzog & de Meuron)

Die Begründungen wechseln, die Kosten steigen: Das geplante Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin braucht einen Neustart.

Geld spielt keine Rolle. Wenn ein Projekt nur prominent und groß genug ist, werden auch exorbitante Kostensteigerungen in Kauf genommen. Das war nicht immer so, und es war nicht immer so deutlich wie beim Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin.

Im November 2014 genehmigte der Bundestag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) 200 Millionen Euro für den Neubau am Kulturforum. Für diesen Herbst ist der Spatenstich für das Renommiervorhaben angekündigt. Inzwischen rechnet man, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), mit Baukosten von 364,2 Millionen Euro. Inklusive Bau-Indexsteigerungen von 52,2 Millionen und Risikokosten in Höhe von 33,8 Millionen Euro ergibt sich die Gesamtsumme von 450,2 Millionen Euro für ein Haus mit etwa 16 000 Quadratmetern Nutzfläche, davon rund 9000 für Ausstellungen. Gebaut wird die "Scheune" nach dem Entwurf des Büros Herzog & de Meuron.

Es hat lange keinen so interessanten wie intelligenten Entwurf für ein öffentliches Gebäude in Berlin gegeben wie dieses schlichte Haus. Dennoch bleibt die Frage: Ist diese Riesensumme gerechtfertigt?

Im Streit darüber ist die Stadt Berlin in der angenehmen Lage, dass sie selbst mit dem Vorhaben wenig zu tun hat. Die Baukosten trägt allein der Bund. Es taugt also nicht als Beispiel für die gern beklagten "Berliner Verhältnisse". Die Hauptstadt ist nur Bühne für eine Selbstdarstellung der Kulturnation.

Aber ginge das nicht preiswerter? Am Dienstag hat die SPK in einer Pressekonferenz über die Planungen informiert und ist ihren Kritikern selbstbewusst entgegengetreten. Als vor fünf Jahren die 200 Millionen beschlossen wurden, habe es noch keinen Entwurf gegeben, keine Planungsgrundlagen, sagte der Stiftungspräsident Hermann Parzinger. Und dann waren da die Umplanungen, die nötig wurden, weil das Gebäude kleiner, dafür aber ein Geschoss tiefer werden musste. Der Architekt Jacques Herzog erklärte die gestiegenen Kosten außerdem durch die Anforderungen an die Haustechnik.

Der Architekt: "Wenn man auf diesem Grundstück in dieser Kubatur bauen will, sind diese Kosten unvermeidlich."

Sein Berliner Kollege Arno Brandlhuber hat selbst am Wettbewerb teilgenommen und wurde später in ein "baufachliches Gremium" geladen, das die Umplanungen begleiten sollte, aber nur einmal zusammentrat. Brandlhuber widerspricht Parzingers Version: "Wenn man auf diesem Grundstück in dieser Kubatur bauen will, sind diese Kosten unvermeidlich." Das sei den Beteiligten klar gewesen. Sein Vorwurf: Die Auslober hätten bewusst eine größere Grundfläche vorgesehen, als realisierbar war. In Wahrheit sei das zusätzliche Tiefgeschoss unvermeidlich gewesen. Es habe "einen starken Willen gegeben, dass erst später klar werden würde, wie hoch die wahren Kosten sind".

Dabei stand am Anfang eine durchaus begrüßenswerte Initiative. Einige Sammler hatten angekündigt, dass sie ihre Kunst an die Berliner Museen vermachen - unter der Bedingung, dass diese dort prominent gezeigt würden. Doch dafür fehlte der Platz. Die SPK schlug daher 2012 eine Rochade vor: Die Kunst aus der Gemäldegalerie am Kulturforum sollte in einen Neubau auf der Museumsinsel ziehen, die Gemäldegalerie fortan als zweites Haus für die Moderne dienen. Doch die erwarteten Baukosten von 374 Millionen Euro und die Aussicht, dass die Werke für Jahre im Depot verschwinden, lösten einen Proteststurm aus. Binnen kürzester Zeit war die Idee gestorben. Stattdessen brachte Monika Grütters die Idee eines "Moma für Berlin" ins Spiel, eines Neubaus am Kulturforum selbst. Der sei für nur 130 Millionen Euro zu haben. Bald darauf gab der Haushaltsausschuss 200 Millionen frei.

Eine Studie untersuchte damals zwei Standorte für das geplante Museum am Kulturforum und kam zu dem Ergebnis, dass der neben der Neuen Nationalgalerie, also entlang der Potsdamer Straße, der ungünstigere sei. Grütters legte sich dennoch schon vor der Auslobung des Wettbewerbs auf diesen fest, gegen den Protest von Architekten und Stadtplanern. Nun ist man bei einer Summe angelangt, für die man auch an der Museumsinsel hätte bauen können.

Ein Bundestagsabgeordneter, der von Anfang an an dem Projekt beteiligt war, kann sich die Kostenexplosion nicht erklären: "Es gab ganz präzise Preiskalkulationen, und die lagen bei 130 Millionen. Aber weil wir wissen, dass alles teurer wird, haben wir damals 200 genehmigt." 450 Millionen Euro sprengten jeden Rahmen.

Der Parlamentarier: "Ich glaube, man kann für 200 Millionen durchaus ein anderes würdiges Gebäude für diese Sammlung bauen."

Jetzt kommen die zusätzlichen Gelder vom Finanzministerium. Dennoch hat das Parlament das letzte Wort. Der Parlamentarier: "Wenn man feststellt, dass man den Entwurf von Herzog & de Meuron für 200 Millionen nicht bauen kann, sagt man einfach: Dann lassen wir es eben. Ich glaube, man kann für 200 Millionen durchaus ein anderes würdiges Gebäude für diese Sammlung bauen."

Überraschend deutlich erklärte auf der Pressekonferenz der Leiter der Neuen Nationalgalerie, Joachim Jäger, der Neubau werde in erster Linie zur Präsentation der eigenen Bestände gebraucht. In Mies van der Rohes Kunsttempel, der zur Zeit saniert wird, konnte immer nur ein kleiner Teil der etwa 6000 Werke gezeigt werden. Mit dem Neubau werde das anders, so Jäger, er sei kein Sammlermuseum. Ein neuer Zugewinn steht indes in Aussicht. Auch Gerhard Richter will für dieses Museum einige seiner Werke zur Verfügung stellen.

Dennoch war zur Rechtfertigung der besonderen Eile bei diesem Vorhaben immer die Drohung der Sammler bemüht worden, ihre Schenkungen zurückzuziehen, ein Recht, das sich zwei von ihnen, das Ehepaar Pietzsch und Erich Marx, in ihre Verträge haben schreiben lassen. Der Berliner Anwalt Peter Raue, der das Ehepaar Pietzsch vertritt, bekräftigte dies gegenüber der SZ: "Wenn der erste Spatenstich nicht in diesem Jahr stattfindet, ist die Sammlung weg."

Der Sammler: "In dieser Form und zu diesem Preis würde ich das nicht bauen."

Dasselbe gelte für die Sammlung Marx. Raue erklärte, für neue Planungen sei es jetzt zu spät, wolle man nicht eine "Katastrophe" riskieren: den Verlust der Sammlungen und "25 Jahre Stillstand" am Kulturforum. Das Projekt habe den "point of no return" erreicht.

Anders sieht es der dritte Sammler, Egidio Marzona. Das Projekt, sagt er, sei "in eine Sackgasse geraten", auch architektonisch: "Das ist überhaupt nicht mehr der Entwurf, der ursprünglich geplant war und den man ausgewählt und lange diskutiert hat. Dazu kommen die gestiegenen Kosten." Die Sorge, dass man Jahre bis zu einem Neuanfang verliere, wenn man jetzt nicht beginne, hält er für "Quatsch". Er plädiert dafür, den Entwurf zu überdenken. "In dieser Form und zu diesem Preis würde ich das nicht bauen."

Wenn nichts dazwischen kommt, könnte der Neubau 2026 eröffnet werden. Die Neue Nationalgalerie will keine ästhetikgeschichtliche Ausstellung zeigen, sondern die Werke auf ihren politischen und sozialen Kontext beziehen - das liegt in Berlin nahe. In der Überarbeitung hat der Architekturentwurf für das Haus mit zwei ober- und zwei unterirdischen Geschossen, mit einer allen zugänglichen Wegekreuzung an Klarheit verloren. Noch immer aber scheint das geplante Museum geeignet zu sein, auf dem Friedhof der Solitäre, der "Kulturforum" heißt, klare räumliche Strukturen zu schaffen.

Zwei Probleme werden bleiben: die Piazza-Ödnis vor der Gemäldegalerie und die Abgewandtheit der Staatsbibliothek. Und auch wenn Konzept und Entwurf viel für sich haben, ist es unverantwortlich, so viel Geld für einen Bundesrenommierbau auszugeben, während der laufende Betrieb unterfinanziert ist und Renovierungsarbeiten in anderen Häusern auf die lange Bank geschoben werden.