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Rezension von Terje Tvedts "Der Nil - Fluss der Geschichte":Eine ganze Welt am Fluss

Garant märchenhafter Fruchtbarkeit: Blick auf den Nil in Ägypten bei Beni Suef.

(Foto: Nariman El-Mofty/AP)

Terje Tvedts tiefenscharfes Buch über die Geschichte des Nils - und die Machtkämpfe Afrikas, die er bis heute beeinflusst.

Von Harald Eggebrecht

Dem norwegischen Historiker und Geografen Terje Tvedt, Jahrgang 1951, ist mit seinem Buch über den Nil eine seltene Mischung gelungen aus fundierter Geschichtsschreibung, Geografie und politischen Betrachtungen, hydrologischen Beschreibungen und Biografien von Gestalten welthistorischer Bedeutung, von Pharao Cheops, Julius Cäsar und Napoleon bis Osama Bin Laden, bevor der sich dem islamistischen Terror verschrieb. Auch die Spuren des Mahdi-Aufstands und der in den Augen der damaligen Europäer so heroische Untergang Charles Gordons (der aber viel mehr an der eigenen Verblendung aus eingebildetem Kreuzrittergeist scheiterte), wird in seinen Nachwirkungen bis in die Gegenwart bedacht. Und man staunt mit dem Autor über die monumentalen Staumauern des Hohen Damms bei Assuan und über andere Stauwerke, mit denen die Unberechenbarkeit des Nils allmählich gebändigt und der Fluss zum Energieproduzenten ebenso wurde, wie seine Wasser nun geregelt in landwirtschaftliche Bewässerungssysteme fließen.

Entdecker, Politiker, Abenteurer, Filmleute, aber auch Ingenieure, Kartografen und andere Forscher tauchten am Nil auf, suchten nach seinen Ursprüngen oder herrschten und herrschen dort, oft brutal, mörderisch und unmenschlich. Also begegnet man Figuren wie Winston Churchill oder dem grausamen belgischen König Leopold II., der den Kongo als Privatkolonie rücksichtslos und massenmörderisch ausbeutete. Der berüchtigte Diktator Idi Amin tritt ebenso auf wie der Sensationsjournalist Henry Morton Stanley oder der von ihm gefundene Nilquellensucher David Livingstone. Moderne Despoten wie Yoweri Museveni in Uganda fehlen nicht, auch nicht Stars wie Humphrey Bogart und Catherine Hepburn, die in den Fünfzigern mit John Huston "African Queen" drehten, ebenso wenig Literaten wie der Großwild jagende Ernest Hemingway oder Joseph Conrad.

"Klar war, dass wer immer das Wasser dieses Flusses kontrolliert, große Macht besitzt."

Gut 150 Seiten von Tvedts Nilreise gelten dem bekanntesten Land am Strom, Ägypten. Den weitaus größten Raum nehmen die afrikanischen Anrainer rund um den Viktoriasee und am Oberlauf der Nil-Arme ein. So liefert Tvedt einen Panorama-Blick auf die Ausmaße des afrikanischen Kontinents entlang des großen Stromes. Vielfach tauchen auch die Sagen und Ursprungsmythen der schwarzafrikanischen Völker am oberen Nil auf. Auch Kuriosa werden berichtet wie der Versuch des im 19. Jahrhundert berühmten Langstreckenläufers Mensen Ernst aus Norwegen, die Quellen des Nils zu erlaufen auf Anregung des Fürsten Pückler-Muskau, täglich gestärkt nur mit etwas Marmelade und Gebäck. Der so kühne wie ahnungslose Läufer wurde schließlich tot bei Assuan in der Wüste gefunden, dehydriert und wohl an einer Art Ruhr jämmerlich gestorben.

Die Geschichte des Nils ist die Geschichte eines Stromes, der nicht nur das Reich der Pharaonen ermöglicht hat, die mächtigste und über Jahrtausende stabilste Zivilisation der Antike, sondern bis heute die Machtpolitik der Anliegerstaaten beeinflusst. Im Zeitalter des Kolonialismus war er für die europäischen Großmächte so bedeutsam wie später im Kalten Krieg für die USA und die Sowjetunion. Heute spielt er ein bedeutende Rolle in den politischen Auseinandersetzungen zwischen Ägypten, Sudan, Äthiopien, Uganda, Kenia, Tansania und Zentralafrika. Nur wenn der Nil von den Quellen bis zum Delta von allen als ein unteilbares System verstanden wird, können alle von der Kraft seines Wassers profitieren.

Terje Tvedts Buch liefert auch die Beschreibung einer Individualreise, an deren Haltepunkten der Autor seine Überlegungen anstellt, ohne je den Zeigefinger des Besserwissers zu erheben oder vermeintlich abschließend zu urteilen. Unaufdringliche Eleganz, gewinnende Beredsamkeit und Klarheit des Denkens und Assoziierens zeichnen dieses Werk aus. Wenn Tvedt den Vater aller Geschichts- und Geschichtenschreiber, Herodot, würdigt, umreißt er insgeheim auch sein Vorbild: lebendig zu schreiben, auf eigener Beobachtung fußend, aufmerksam Dokumente studierend, Funde und Zeugnisse sammelnd, all das ohne Scheuklappen. So wird seine Fahrt den Nil aufwärts eine der so behutsamen wie kritischen Vergewisserung von Geschichte und Geschichten, des immerwährenden Staunens über den wundersamen Strom, seiner Windungen und Katarakte und der vielen Versuche, ihn zu nutzen.

Terje Tvedt: Der Nil - Fluss der Geschichte. Aus dem Norwegischen von Andreas Brunstermann, Gabriele Haefs und Nils Hinnerk Schulz. Christoph Links Verlag, Berlin 2020. 592 Seiten, 35 Euro.

Exemplarisch zeugt davon eine mächtige Skulptur: Mitte des 17. Jahrhunderts stellte Gian Lorenzo Bernini bei seinem Vierflüsse-Brunnen auf der Piazza Navona in Rom die Ströme als wuchtige männliche Gottheiten dar: "Aber ein Flussgott schert aus. Er hält sich ein Stück Stoff vor das Gesicht. Er weiß nicht, wo er entsprang, und wir können ihm nicht in die Augen sehen. Das ist der Gott des Nils. Nur der Nil besaß in der europäischen Vorstellungswelt des 17. Jahrhunderts diese geheimnisvolle Aura. Von diesem Fluss war in der Bibel so viel die Rede, er wurde als Fluss des Paradieses bezeichnet und bewässerte die Kornkammer der Antike, aber woher er kam, war noch unbekannt. Die Menschen zu Berninis Zeit begriffen nicht, woher diese märchenhafte Fruchtbarkeit stammte, aber ihnen war klar, dass wer immer das Wasser dieses Flusses kontrolliert, große Macht besitzt."

Die Quellwasser, die in den Victoriasee einlaufen, treten erst nach 20 Jahren wieder aus

Alle Nilreisen der Europäer beginnen seit alters im Delta und bewegen sich flussaufwärts. Auch Tvedt bricht dort zu seiner Tour bis in die Tiefen Afrikas auf. Vom Delta und damit dem alten Ägypten, seiner Ausstrahlung auf das Mittelmeer und die antiken europäischen Mächte geht es nach Süden zu den Katarakten, von dort weiter nach Nubien und in den Sudan. Napoleons kläglich gescheitertes Abenteuer zu Füßen der Pyramiden, Muhammad Ali, der im Auftrag des Osmanischen Reiches Ägypten im 19. Jahrhundert umkrempelte und modernisierte bis hin zum charismatischen Gamal Abdel Nasser und der Wucht des unter ihm von den Sowjets errichteten Assuan-Staudamms fasst Tvedt prägnant zusammen.

Der "Kuss der Flüsse" in der Vereinigung von Weißem und Blauem Nil bei Khartum, die ungeheuren von Papyrusdickichten überwucherten Sumpflandschaften des Südsudan, das riesige Binnenmeer namens Victoriasee, in den die verschiedenen Quellwasser des Nils einlaufen, den See durchqueren und erst nach zwanzig Jahren wieder austreten - all das und die Vielfalt der afrikanischen Völker stellt Tvedt beobachtungsreich dar. So hört er einem Gespräch der Passagiere an Bord eines Flussbootes im Südsudan zu, in dem verschiedene Ansichten zur Kulturentwicklung Afrikas geäußert werden. Schließlich fragt er nach der "Rolle des hiesigen Wassersystems" und folgert für die nilotischen Gesellschaften: "Dieses Flusssystem hat den Rahmen dafür gebildet, welche gesellschaftliche Entwicklung möglich war, auch wenn der Fluss nicht bestimmt hat, was tatsächlich passiert ist."

Man kann in diese Fülle überall einsteigen, muss nicht im Delta starten, sondern kann auch mit Eritrea und Äthiopien beginnen oder sich zu den zentralafrikanischen Quellen des Nil in Ruanda, Kongo und Burundi begeben. Immer gelingt es Terje Tvedt die jeweiligen Verflechtungen von Wasserwirtschaft, Kulturgeschichte und politischer Gegenwart erhellend aufzudröseln. So ist dieses so imponierend erzählte Buch auch ein profundes Nachschlagewerk für das Afrika, durch das der Nil fließt.

© SZ/crab
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