Ted Conference in Edinburgh:Der Gipfel schließt mit einer hoffnungsvollen Botschaft - trotz klimafeindlicher Populisten an der Macht

Sicherlich gibt es neutrale Positionen, die in ihrer Allgemeingültigkeit im Jahr 2019 nur noch Extremisten herausfordern. Der Vortrag der libyschen Friedensaktivistin Hajer Sharief ist ein Beispiel. Für das gebildete Ted-Publikum mag ihre Metapher der Küchentischdebatten ihrer Kindheit auf eine Binse hinauslaufen. Wenn sich Frauen, Kinder und Minderheiten von den meist männlichen, mittelalten Hütern des politischen Status quo entmutigen lassen, die ihnen vorwerfen, sie hätten keine politische Erfahrung, würden genau jene Teile einer Nation ausgeschlossen, die eine Zukunft positiv gestalten könnten. Wobei gerade solche Ted Talks weniger für das Publikum als für die Videoplattformen wichtig sind, auf denen sie weiterleben. Eine junge, intellektuelle, muslimische Aktivistin aus einem Kriegsgebiet hat im Netz eine Vorbildfunktion.

Sehr viel deutlicher war da schon der Auftritt der Journalistin Carole Cadwalladr. Man kennt sie, seitdem sie im Frühjahr in Vancouver mit einem Bericht über die digitale Kampagnenfirma Cambridge Analytica, die mit Facebook-Daten die Wahlen in den USA und das Referendum zum Brexit für die jeweils rechtskonservativen Kräfte mitentschied, Aufsehen erregte. Es war eine Brandrede gegen die Titanen der digitalen Industrie.

Cadwalladr hielt jetzt keinen Vortrag, sondern erzählte im Gespräch mit Ted-Co-Chef Bruno Giussani von den Folgen für sie. Von den Hetzkampagnen im Netz. Von der Verleumdungsklage des Brexit-Finanziers Arron Banks gegen sie, die sie viel Zeit und Geld kosten wird.

Mehr als 150 Wahlen hat die Firma Camebridge Analytica wohl beeinflusst

Statt eines Vortrags gab es eine Voraufführung des Netflix-Filmes "The Great Hack", der in Teilen auf ihrer Arbeit beruht. Regie führte Jehane Noujaim, die ägyptische Regisseurin, die mit ihrem Film über die Proteste auf dem Tahrir-Platz, "The Square", 2013 für einen Oscar nominiert wurde. Erzählerisch mitreißend fächert der Film Verhaltensmanipulationen in sozialen Netzwerken am Beispiel von Cambridge Analytica auf. Mag sein, dass der Film mehr Fanal als investigativer Journalismus ist.

Die beiden Hauptfiguren sind der Medienprofessor David Carroll, der sich auf die Suche nach jenem Datensatz macht, der über angeblich 5 000 Parameter die Persönlichkeit amerikanischer Wähler erfasst, die damit im Netz politisch bearbeitet werden. Die andere Figur ist Brittany Kaiser, einst im Führungsstab von Cambridge Analytica, die von den Methoden einstiger Chefs erzählt. Mehr als 150 Wahlen hat die Firma wohl beeinflusst. Meist zugunsten rechter Populisten. Der Film konzentriert sich auf den Aspekt, streift die Rolle russischer Netzagitatoren während der US-Präsidentschaftswahlen nur kurz. Und doch macht er das komplexe Problem begreifbar. Und kommt zum Schluss: Datenrechte sind Menschenrechte.

Im Kontext der Klimakrise lässt einen diese Ted Conference sicherlich mit der Überlegung alleine, ob denn all die späten Lösungen nicht sowieso an der Erosion der Demokratie scheitern werden. Vor allem, wenn klimafeindliche Populisten wie Donald Trump und Jair Bolsonaro die Macht in Schlüsselstaaten ergreifen. Oder Boris Johnson, den die offizielle Gastgeberin Nicola Sturgeon, First Minister of Scotland, als "Desaster", seinen Brexit als "Katastrophe" bezeichnet. Doch sie fand dann doch noch ein wenig Resthoffnung. Vielleicht sei ja mit Johnson der historische Moment der schottischen Unabhängigkeit endlich gekommen.

An der Basis des Ted-Conference-Kosmos gehen die Gedanken inzwischen schon weiter. Vor allem bei den unabhängig und lokal organisierten Satellitenkonferenzen. Bei der TedX Youth in München vor einigen Wochen etwa trat ja zum Beispiel die "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer auf, sie hielt hier einen ebenso klaren wie mitreißenden Vortrag. Fazit der Graswurzelveranstaltung war: Wenn wir es nicht tun, dann tut es niemand. Das könnte auch das Motto für Edinburgh gewesen sein. Die Hoffnung bleibt. So lautete der Titel des Schlusspodiums dort: Nicht alles ist kaputt.

© SZ vom 26.07.2019/tmh
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