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Ted Conference:Der irre Rausch der Zukunft

Chris Anderson interviewt Elon Musk bei der Ted Conference in Vancouver.

(Foto: Bret Hartman/TED)

Für Nobelpreisträger und Raketenbauer ist die alljährliche Ted Conference in Vancouver das ideale Forum. Aber arbeiten die Vordenker der Welt in einer Blase?

Wenn der Superhyper- unternehmer Elon Musk mit normalen Menschen spricht, also mit Leuten, die sich in den Feinheiten der Energietechnologien, der Raumfahrt oder der künstlichen Intelligenz nicht mindestens auf Diplomingenieursniveau auskennen, ertappt er sich manchmal selbst, wie irre das alles klingt. Dann weicht sein leicht entrückter Blick kurz einem selbstironischen Lächeln. Wobei das bei ihm alles gar nicht so Silicon-Valley-Größenwahn-irre ist, eher so Daniel-Düsentrieb-verrückt. Denn Elon Musk will zwar gleichzeitig die weltweite Energiewende erzwingen, die Menschheit auf dem Mars ansiedeln und nebenbei noch den Verkehrskollaps der Metropolen lösen. Er hat aber auch die Beweise parat, die zeigen, dass er da jeweils schon auf gutem Wege ist.

Bei der diesjährigen Ted Conference in Vancouver ertappte Musk sich beim Bühnengespräch mit Ted-Chef Chris Anderson gleich ein paar Male. Als er zum Beispiel nach dem Bild des selbstfahrenden Elektro-Sattelschleppers aus seinem Hause Tesla den Plan einer wiederverwendbaren Weltraumrakete zeigte, welche das Passagier- und Ladegut eines Jumbojets transportieren kann, und ihn Anderson fragte, wann dieses Wahnsinnsprojekt denn einsatzbereit sein sollte. "Unser offizielles Ziel sind acht bis zehn Jahre", sagte Musk. "Unsere internen Ziele sind allerdings etwas aggressiver." Da musste nicht nur das Publikum lachen. Wobei dazukam, dass Elon Musk im Saal der Überflieger unter den Überfliegern war. Wenn man sich umsah, fand man Menschen, die Tropenkrankheiten ausgerottet, Nobelpreise gewonnen, die Filmgeschichte revolutioniert oder ein paar Milliarden Menschen zu ihren Kunden gemacht haben. Die muss man erst mal beeindrucken.

Die Weltfremdheit jenes Kosmos, den normale Menschen gemeinhin als Silicon Valley bezeichnen

Chris Anderson inszeniert das Ideenfestival für die Wissenschafts-, Technologie- und Finanzelite seit nun 16 Jahren als Zukunftsrausch. Der verbreitet sich in den vielen Verästelungen seiner Organisation über die Ted-Talk-Videos, Bücher, Förderprogramme und Franchise-Veranstaltungen inzwischen weltweit.

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Ein kurzer Querschnitt durch die Vorträge in diesem Jahr, für die jeder Redner auf der Bühne vor den circa 1800 Überfliegern 18 Minuten Zeit bekommt: Kann man Robotern die kollektive Intelligenz von Fischschwärmen beibringen? Hat Radikha Nagpal in Harvard getan. Gibt es eine Impfung gegen Depressionen? Hat die Neurowissenschaftlerin Rebecca Brachman entwickelt. Kann man verhindern, dass sich künstliche Intelligenzen gegen die Menschheit verschwören? Wird längst getan, sagte Siri-Erfinder Tom Gruber. Kann man den Klimawandel mit Ingenieurskunst bremsen? Ist nicht populär, aber in Arbeit, verkündete der Mathematiker Danny Hillis. Kann man Computer mit Gedanken steuern? Auch das konstruiert Elon Musk gerade, auch wenn er an diesem Vormittag darüber genauso wenig sprach wie über seine eigenen Pläne, künstliche Intelligenz im Zaum zu halten. Die Zeit reichte nicht. Er wollte lieber das Tunnelsystem vorstellen, das die Staukatastrophe von Los Angeles beenden soll.

Womit man auch schon bei einem Grundproblem des Zukunftsrausches ist und bei der Rolle, die die Ted Conference immer deutlicher spielt. Die persönliche Blase, in der Elon Musk lebt, und sein Tunnelsystem stehen nämlich exemplarisch für die Weltfremdheit jenes Kosmos, den normale Menschen gemeinhin als Silicon Valley bezeichnen, auch wenn da längst Los Angeles, Seattle, Tel Aviv, Seoul und München dazugehören.

Alles sehr beeindruckend. Wo ist das Problem?

Elon Musk saß also im Dezember vergangenen Jahres auf dem Weg zu seiner Weltraumfirma SpaceX in Los Angeles im Stau. Frustriert twitterte er: "Der Verkehr treibt mich in den Wahnsinn. Ich werde eine Tunnelbohrmaschine bauen und einfach anfangen zu buddeln." Mitte Januar hatte er dann eine Firma namens Boring gegründet ("boring" kann im Englischen sowohl langweilig als auch bohren heißen). Ende Januar meldete sein Erzrivale, der Amazon-Gründer Jeff Bezos, schon eigene Tunnelbohrpatente an. Bezos konnte dann bei der Ted Conference, für die er Förderprogramme finanziert, gleich den neuesten Stand der Musk-Pläne betrachten.

Demnach sollen bis zu dreißig Tunnelstockwerke unter Los Angeles gegraben werden. Die Fahrzeuge fahren oberirdisch auf Schlitten, die dann im Aufzug nach unten gleiten, um mit einer Geschwindigkeit von rund 200 Kilometer pro Stunde auf Schienen ans Ziel geschossen zu werden. Eine Fahrt vom Stadtteil Westwood zum Flughafen soll dann statt zwanzig nur noch fünf Minuten dauern.

Alles sehr beeindruckend. Wo ist das Problem? Das beginnt mit den Grundstückspreisen von Los Angeles, die ähnlich wie in Moskau, London und München dazu geführt haben, dass selbst kleinbürgerliche Wohnverhältnisse nur noch für sehr wohlhabende Menschen bezahlbar sind. In Los Angeles hat das zum Phänomen der Superpendler geführt, die sich das Häuschen mit Garten in einem ordentlichen Schulsprengel irgendwo in der Wüste kaufen müssen und dann Fahrzeiten von bis zu drei Stunden pro Weg in Kauf nehmen. Die schwemmen jeden Tag aus allen drei Himmelsrichtungen in die Stadt und verstopfen die Freeways.

Donald Trump ist der sprichwörtliche Elefant im Kongresszentrum von Vancouver

Die betuchten Stadtbewohner ärgert das. Sie sind aber auch diejenigen, die sich heute schon Musks ökologisch korrekte Tesla-Elektroautos und später die Maut für seine Supertunnel leisten können, während sich das Gesindel in den Feinstaubschleudern der traditionellen Autokonzerne weiter in den Straßen stauen wird. Das aber ist der Hauptvorwurf an die Zukunftsfabriken: dass sie in erster Linie an Lösungen für die Probleme einer schmalen, wenn nicht gar winzigen Oberschicht arbeiten. Dass die Innovationskraft in einer Lebensfilterblase entsteht, die gerade jetzt im Zeitalter von Trump die Realitäten ausblendet. Und da schaltet sich seit einiger Zeit die Ted Conference als Ventil dazwischen, das die Weltfremdheit raus- und die Wirklichkeit und moralischen Verpflichtungen reinbläst in diese Welt.

Das ist gar nicht so einfach. Donald Trump blieb in dieser Woche zum Beispiel der sprichwörtliche Elefant im Kongresszentrum von Vancouver. Hin und wieder tauchte er mal als böser Geist in einem Vortrag auf. Aber so richtig angreifen wollte ihn niemand. Das war durchaus gewollt. Die Ted Conference versteht sich als unpolitische Instanz. Politiker dürfen in der Regel erst nach ihrer Amtszeit für ihr jeweiliges wohltätiges Anliegen auftreten. Großbritanniens ehemaliger Außenminister David Miliband plädierte beispielsweise für sozialstaatliche Lösungen der Flüchtlingskrise. Der amerikanische Ex-Vizepräsident Al Gore veranstaltete ein Mittagessen, bei dem er einen Vortrag über das Drama der Klimakatastrophe hielt, den er mit dem Satz einleitete: "Wir haben die Ära der Vorhersagen verlassen und die Zeit der Realitäten erreicht." (Neben der künstlichen Intelligenz war der Klimawandel auch eines der beiden Großthemen in diesem Jahr, zu dem es zehn wissenschaftlich schwergewichtige Vorträge gab.

) Weil Ted aber neben seiner angestammten Funktion als Gradmesser des Fortschritts auch so etwas wie das gleichzeitig gute und schlechte Gewissen der Zukunftswelt ist, fällt das nicht immer leicht. Auch deshalb hatte Ted-Vizechef Bruno Giussani ein Jahr lang daran gearbeitet, dass Papst Franziskus per Videoschalte eine Art Ted-Predigt hielt, in der er mit sanfter Technologie- und Kapitalismuskritik Solidarität einforderte. Giussani kündigte ihn mit den Worten an: "Franziskus ist wahrscheinlich die einzige moralische Stimme, die Menschen über alle Grenzen hinweg erreichen, und Klarheit und eine überzeugende Botschaft der Hoffnung liefern kann." Für die säkulare Welt war das eine Bankrotterklärung.

© SZ vom 06.05.2017/doer
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