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Technologie und Kultur:Wissensgetriebene Maschinenwelten

Die Beziehung und Kommunikation zwischen dem Abwehrsystem und dem als Maschine konzipierten Piloten wird als "Black Box" behandelt, ist also irrelevant. Die Optimierung des Systems, sein "Lernen", erfolgt lediglich über Feedback-Schleifen. Wiener und Bigelow ging es nicht darum, Wissen über die Welt herzustellen. Vielmehr führten sie vor, wie sich die Kommunikationsbeziehung Mensch-Maschine so modellieren lässt, dass sie mathematisch bearbeitet werden kann und dann in Form eines Flugabwehrsystems Teil der Realität wird.

Diese Geburtsstunde der Kybernetik wird zum Ausgangspunkt, um auch andere Maschinen zu konstruieren, die mit menschlichen Akteuren interagieren. Am vorläufigen Endpunkt dieser Entwicklung steht die Industriewelt 4.0, in der die Maschinen weitgehend nur noch untereinander kommunizieren. Es sind diese wissensgetriebenen Maschinenwelten, mit denen wir immer neue Realitäten erschaffen.

Das Ideal sind dabei Technologien, die einen Zustand A in einen Zustand B überführen, ohne dass der Mensch darüber nachdenken muss. Unsere Alltagsabläufe sind mittlerweile gesättigt von solchen Technologien. Wir fahren Auto, ohne zu wissen, wie ein Motor funktioniert. Wir fliegen, ohne zu verstehen, wie ein Flugzeug in der Luft bleibt. Wir kommunizieren via Internet mit der ganzen Welt, ohne die Algorithmen zu kennen, die dies ermöglichen.

Um all diese Tätigkeiten sind riesige planetarische Infrastrukturen geschaffen worden: von Gas- und Ölpipelines über Autobahnen, Flughäfen bis zu Strom- und Datennetzen. Diese Infrastrukturen bilden die "Natur" der anthropozänen Welt. Ohne diese Technosphäre wäre das Leben, wie wir es kennen, nicht mehr möglich. Diese zweite, vom Menschen durch Technik erzeugte "Natur" ist das Hauptziel kulturellen Handelns geworden: Heute zielt das kulturelle Handeln weniger auf Sinn- und Bedeutungsproduktion als auf Welterzeugung - auf die Herstellung von Produkten.

Parallel zur Entwicklung dieser Technosphäre findet die Ökonomisierung der Gesellschaft statt, in deren Folge menschliches Handeln kommodifiziert, nämlich als Ware kauf- und verkaufbar und dadurch weiter naturalisiert wird.

Die amerikanische Drogeriekette Target etwa hat gemeinsam mit dem Statistik-Genie Andrew Pole eine neue Methode des Konsumenten-Trackings entwickelt. Aus dem Interesse der Kundinnen für 25 bestimmte Produkte lässt sich laut Pole schließen, dass die Frauen schwanger sind. Target nutzte diese Information, um den Frauen, die wegen der Schwangerschaft gerade ihre Lebensgewohnheiten und damit auch ihr Kaufverhalten umstellen, gezielt für sie zugeschnittene Werbung zu schicken.

Was passiert hier? Eine bestimmte Phase im Leben einer Person wird so reduziert, dass sich dadurch eine Korrelation mit den Produkten eines Einzelhändlers herstellen lässt. Doch die Informationen werden nicht nur aus einem komplexen Lebenskontext abstrahiert, sondern auch, und das ist entscheidend, in diesen eingespeist. So entfalten sie ihre Wirkungen. Eigenschaften menschlicher Subjektivität und Wareneigenschaften werden miteinander verschmolzen. Subjektive Erfahrungen werden in Objekte transformiert, Gefühle werden zu Waren, Menschen beginnen, den ihnen zugespielten Daten mehr zu trauen als ihren eigenen Erfahrungen.

Lebenspartner erfahren von der Schwangerschaft ihrer Frauen oder Freundinnen bisweilen nicht mehr zuerst durch diese selbst, sondern durch die Werbesendungen, die im gemeinsamen Briefkasten landen. So wird durch die tägliche Interaktion mit den von Algorithmen gesteuerten Maschinen unser Weltbild umgebaut. Der Cyberspace ist nicht eine Welt neben der realen Welt, sondern interagiert mit ihr und dringt in immer tiefere Schichten unseres sozialen und psychischen Lebens ein.

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