Teater Sie küssten und zerschlugen ihn

Von Mal zu Mal zerrissener und blutiger: Ramsey Nasr als Jude.

(Foto: Jan Versweyveld)

Wer dermaßen missbraucht wurde, braucht auch keine Sozialarbeiterin mehr: Ivo van Hove zeigt seine Adaption von Hanya Yanagiharas Erfolgsroman "Ein wenig Leben" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen.

Von Sonja Zekri

Manchmal gibt es im Theater Figuren, deren größtes Verdienst für die Inszenierung darin bestünde, dass sie nicht aufträten. Sie stehen in der Geschichte herum wie ein Autowrack auf der Überholspur, stören den Fortgang der Erzählung, die innere Logik der Szenen, kurz: gehören abgeschleppt. In Ivo van Hoves Romanadaption von Hanya Yanagiharas "Ein wenig Leben" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ist dies die Sozialarbeiterin Ana (Marieke Heebink). Sie belauert Willem (Maarten Heijmans) und Jude (Ramsey Nasr) bei ihrem ersten Kuss, kommentiert mit extraschlauen Sozialarbeiterbemerkungen den ersten Beischlaf. Wenn etwas Schreckliches passiert, schreit sie. Wenn Jude Ausflüchte sucht, um nicht über die Missbrauchshölle seiner Kindheit zu sprechen, redet sie ihm ins Gewissen, drückt das Grauen und die Hoffnungen des Publikums so vorausschauend aus, dass diesem nur noch wenig zu schaudern und zu hoffen bleibt.

Denkt man sich Ana aber fort, dann bleibt die brillant beunruhigende Inszenierung einer literarischen Wuchtbrumme. "Ein wenig Leben", geschrieben von der amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara, zeichnet auf fast 1000 Seiten das Gruppenporträt von vier so begabten wie empfindsamen Freunden in New York, Willem und Jude St. Francis, Malcolm und JB, die es in ein paar Jahrzehnten zu Ruhm und wertvollem Immobilienbesitz bringen. Willem wird ein preisgekrönter Schauspieler, Jude ein gefürchteter Anwalt. Malcolm, Architekt afroamerikanischer Abstammung, baut ein Fotografiemuseum in Doha, JB, Sohn haitianischer Einwanderer, schafft es mit Gemälden seiner Freunde ins MOMA.

Es gibt Verletzungen, die sich nicht heilen lassen, ein Leid, das untröstlich ist

Alles dies aber wird überschattet von Judes Gewaltgeschichte. Als Kind wurde er vor einem Kloster ausgesetzt, wo ihn die Mönche schlugen und vergewaltigten, er floh mit einem Pater, Bruder Luke, der ihn an Männer verkaufte, landete schließlich bei einem Psychopathen, der ihn ebenfalls vergewaltigte und mit dem Auto überfuhr. Es gibt Verletzungen, die sich nicht heilen lassen, ein Leid, das untröstlich ist, wie sehr sich das Leben auch anstrengt, so lautet Yanagiharas tieftraurige Erkenntnis. So geschickt verwob sie Heiligenlegende und Netflix, so gefühlsintensiv war das Panorama dieser ethnisch diversen, sexuell fluiden, hochbegabten Idealgemeinschaft, deren moralische Noblesse das Schicksal immer neu auf die Probe stellte, dass viele Leser sich emotional gegängelt fühlten. Millionen andere aber ließen sich beeindruckt überwältigen.

Der belgische Regisseur Ivo van Hove hat daraus für eine Koproduktion der Ruhrfestspiele und des Amsterdamer Internationaal Theater eine gut vierstündige Bühnenfassung erarbeitet, die die Schauspieler auf Niederländisch spielen mit deutschen Übertiteln. Van Hove gilt als eine Art maximalistischer Minimalist, eher kühler Textanalytiker als barocker Berserker. Und gemessen an der auch materiell geschmackvoll ausgestatteten New Yorker Sozialutopie, ist die Bühne von Jan Versweyveld eine unglamouröse Mehrzweckhalle aus Küche, Atelier, Krankenlager und Loft. In einer Ecke malt JB seine Bilder, in der anderen bastelt Malcolm an Entwürfen, am Herd schnipselt Judes Adoptivvater Harold (Steven van Watermeulen) Pilze, und an den Seitenwänden ziehen Bilder menschenleerer Straßen in New York vorbei.

In der Mitte aber steht säulengleich ein strahlend weißes Waschbecken, Judes Badezimmer. Hierher verkriecht er sich, wenn er die Liebe seiner Freunde, all das unverdiente Glück nicht mehr aushält. Dann ritzt er sich, um den Dreck und die Scham aus sich herausfließen zu lassen, um den Schmerz durch Schmerz erträglich zu machen. Wie Ramsey Nasr dies von einem kontrollierten Ritual in ein immer hemmungsloseres, wirkungsloseres Blutbad steigert, das vergisst man nicht so leicht.

Abgründe, ohne die man die Missbrauchsfälle wie in Lügde nicht mehr wird denken können

Es sind, wie so oft an diesem Abend, Szenen, die man lieber nicht sehen würde, ein Wissen, das man lieber nicht gehabt hätte. Aber van Hove hält es da mit Yanagihara, und wie sie malt er die Verheerungen an Judes Körper - das Narbengewebe, die Blutungen, Entzündungen, Brüche - mit fast derselben Akribie aus wie den einzelnen Gewaltakt. Dabei ist das Schlimmste nicht, dass Ramsey Nasrs eleganter Anzug mit jeder Vergewaltigung, jedem Suizidversuch zerfetzter und blutiger herunterhängt, auch nicht die Szene, in der ein Mann auf Judes nackten Körper eintritt. Am entsetzlichsten ist die Liebe des Kindes zu seinem Peiniger. Bruder Luke (unheimlich gut: Hans Kesting), missbraucht und verkauft den Jungen, aber er schlägt ihn nicht, und damit er den Freiern Freude vorspielt, spornt er ihn an und lobt ihn sogar. In Judes Hingabe an Luke tut sich ein solcher Abgrund an kindlicher Einsamkeit auf, und wenn Jude noch Jahrzehnte später nicht ohne Zärtlichkeit an den Verbrecher denkt, erkennt man eine so tiefe Vergiftung der Seele, dass man Lügde, Staufen und die Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche ohne sie nicht mehr wird denken können.

Hoves Inszenierung ist schlichter und spröder als Yanagiharas Melodram. Ein Streichquartett spielt Eric Sleichims düster-sanfte Kompositionen und begleitet Jude zu Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen".

Der auffälligste Unterschied ist ein spiritueller. Auch in Yanagiharas Buch sind die christlichen Anklänge unübersehbar, im Namen - Jude, St. Francis -, in der Geschichte vom ausgesetzten Kind. Aber gleichzeitig findet sich dort die Vorstellung von einer fast kosmischen Ausgewogenheit von Gut und Böse, von der Unveränderbarkeit des Menschen, die zum christlichen Heilsversprechen nicht recht passen. Ivo van Hove verschweigt das nicht. Aber wenn er Jude für einen Blowjob auf den Knien rutschen lässt, wenn seine Liebsten den Gezeichneten wie bei der Grablege Christi betten, wenn Jude sich nach Willems tödlichem Unfall das Leben nimmt und in einem schwarzen verhängten Kasten buchstäblich in den Schnürhimmel auffährt, dann scheinen Qual und Leiden nicht mehr so sinnlos, dann ist Erlösung denkbar. So hart eine katharsisfreie Weltsicht ist: Jetzt hätte man sie auch nicht mehr gebraucht.