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Tattoo-Festival in Bordeaux:Kunst kommt von Schmerzen

Buntbemalt und stolz darauf: Auf dem Tattoo-Festival in Bordeaux zeigen sich die schmerzerprobtesten Helden der Körperkunst. Anker haben hier fast keine Chance.

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7eme salon du tatouage in Bordeaux

Quelle: dpa

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Buntbemalt und stolz darauf: Auf dem Tattoo-Festival in Bordeaux zeigen sich die schmerzerprobtesten Helden der Körperkunst. Anker haben hier fast keine Chance. Die Bilder.

Dies also trägt der französische Mann von Welt in diesen Tagen: Schwarze Fliege, weiße Totenkopf-Gürtelschnalle und dazwischen mitnichten den Kummerbund, sondern eine beachtliche Abspielfläche an Körperkunst. Mit dunkel-bunten Motiven vom Freimaurer-Auge über Damen- bis zu Dämonen-Darstellungen ist der gute Mann vollgepiekst - und ganz offensichtlich recht stolz darauf. Schmerzhaft ...

Text: Ruth Schneeberger/sueddeutsche.de/bgr/tolu

Alle Bilder: Caroline Blumberg/dpa

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... dürfte auch dies gewesen sein: Eine Besucherin des 7. Tattoo-Festivals in Bordeaux, auf dem sich am Wochenende französische und internationale Freunde des gepflegten Stechens versammelten, präsentiert, ebenfalls nicht um tiefenbemalte Hautflächen verlegen, sich selbst als Gesamtkunstwerk. Das alte Sprichwort "Kleider machen Leute" ist hier gleich mehrfach ad absurdum geführt. Vielmehr unterstützt der metallisch glänzende Bikini mit seiner raffinierten Linienführung optisch vor allem das, was sich in der Körpermitte abspielt - und das ist definitiv nicht ausziehbar. Waren es in den Anfängen des 20. Jahrhunderts noch vor allem Knastbrüder ...

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... und Matrosen, die sich die Anzahl ihrer noch abzusitzenden Jahre oder das Konterfei ihrer Liebsten (Schauspielerin) unter die Haut gehen ließen, so legte das Tätöwieren bis zum Ende des 20. Jahrhunderts eine steile Karriere hin: In den 80er Jahren entdeckten nacheinander die Punk- und Musikszene und die Jugendkultur die Körperbemalung für sich, in den 90er Jahren wurde das Tattoo zur Modebewegung und brachte unter dem Namen "Tribal" eine Modesünde für die Ewigkeit hervor: das so genannte Arschgeweih, das seitdem stetig wachsende Hintern mehr oder weniger hübsch betont. Nun schreiben wir das 21. Jahrhundert, "Arschgeweihe" sind längst wieder out, wenn auch schlecht zu retuschieren, und inzwischen tragen selbst Filmstars, Modelmamas und Politikergattinnen ihre teuer tätowierte Haut öffentlich und ausgiebig zur Schau. Dass aber das Tätowieren, wie es ursprünglich verstanden wurde, nicht mit einer ansonsten braven oder glänzenden Fassade einhergeht, ...

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... davon künden die Besucher in Bordeaux. Ob als Reminiszenz an das offenbar urmenschliche Bedürfnis, die Haut als Kommunikationsmittel zur Schau zu tragen, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu demonstrieren oder im Gegenteil sich von allem abzugrenzen, was glänzt oder sich sich an der Oberfläche der Gesellschaft abspielt: Die Schmerzensmänner und -frauen zogen es vor, sich ganzkörpertätowiert zu zeigen. Auch andere Formen der Körpermodifikation (wie im Bild die Stachel-Stirn) wurden stolz präsentiert und bewundert.

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Schon Ötzi war tätowiert, die ältesten Tattoos, die bisher gefunden wurden, stammen von einer 7000 Jahre alten Mumie aus dem Norden Chiles - über die Jahrtausende hat sich die Sitte des Tätowierens oder auch Tatauierens über den gesamten Erdball verbreitet: Sowohl das deutsche "tätowieren" als auch das englische "Tattoo" haben ihren Ursprung in dem tahitianischen Wort "tatau", das sich vermutlich lautmalerisch aus dem Geräusch entwickelte, das beim Schlagen auf den in Polynesien traditionell benutzten Tätowierkamm entsteht. Galt zu Hochzeiten des Tattoo-Booms das Tätowieren noch als unbedenklich, wurden sogar Bio-Tätowierungen angeboten, die nach drei bis sieben Jahren von selbst verschwinden sollten, ...

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... so haben inzwischen einige Tätowierte schmerzhaft erfahren müssen, dass nach wie vor gilt, dass die Freundschaft mit der Körperkunst ein Leben lang halten muss. Die Haut, so der Lieblingsspruch von Dermatologen, vergisst keinen einzigen Sonnenstrahl. Sie vergisst aber auch kein einziges Tattoo. Sollte es zum Bruch zwischen dem Träger und dem Tattoo kommen, hat sich der Laser bisher als nur bedingt hilfreich erwiesen. Doch das juckte unsere Freunde in Bordeaux an diesem Wochenende wenig: Was ein echter Schmerzensmensch ist, dem ist eher die unberührte Haut ein Dorn im Auge als die bemalte.

© sueddeutsche.de/rus / bgr

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