bedeckt München 17°

Tate Modern:Sklaven, Haie und die dicke Vicky

Kara Walker bespielt die Turbinenhalle mit einem höchst allegorischen Brunnen

Von Catrin Lorch

Der Brunnen ist klassisch gestaltet, Wasser plätschert aus den Figuren und fließt in flachen Kaskaden aus dem höher gelegenen Becken in ein Oval, das wie ein Sockel den mehr als dreizehn Meter hohen Aufbau trägt. Auf dem Rand sitzen die ersten Besucher, die an dem regnerischen Tag die wettergeschützte, an einen Park erinnernde Atmosphäre in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern zum Plausch nutzen. Es ist bereits am Tag der Eröffnung abzusehen, dass "Fons Americanus" ein Publikumsliebling werden wird. Die Installation der Amerikanerin Kara Walker wirkt freundlich und wärmend wie die Sonne, die Olafur Eliasson dort vor Jahren aufgehen ließ, sie ist so überwältigend wie die Riesenspinne von Louise Bourgeois, mit der die Reihe vor vielen Jahren begann.

Die Idee zum Brunnen kam der Künstlerin, als sie am Buckingham Palace vorbei fuhr und das Victoria Memorial umrundete. Das spätviktorianische Monument sieht aus wie der Aufsatz einer Torte, obendrauf prunkt eine vergoldete Bronze der Siegesgöttin, der Skulpturenschmuck symbolisiert Tugenden wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Mutterschaft, Frieden, Handel und Industrie. Dazu gibt es, weil Großbritannien sich immer schon als Seefahrernation verstand, zur weiteren Dekoration nicht nur Löwen, sondern auch Seejungfrauen und Meermänner. Eine sprudelnde Selbstdarstellung von 25 Metern Höhe, das Material der Wahl ist in solchen Fällen Marmor und Portland Kalkstein.

Hyundai Commission - Kara Walker - Fons Americanus images

Kara Walkers "Fons Americanus" ist inspiriert vom "Victoria Memorial" vor dem Buckingham Palast in London

(Foto: Photo © Tate (Matt Greenwood))

Das Gegenbild dazu, der Fons Americanus, ist zwar nur etwa halb so groß, wirkt aber - obwohl aus angemaltem Kork - fast noch monumentaler. Walkers Version wird von einer wirbelnden, afro-karibisch-amerikanischen Priesterin bekrönt, aus deren Brüsten das Wasser in hohem Bogen spritzt. Allerdings ist dieser Venus die Kehle durchgeschnitten. Aus ihrer Wunde sprudelt die dritte Fontäne. Auch das umgebende Figurenprogramm ist mehr als nur ein Konter der Gegenwart auf die starre Langeweile einiger mit dem Empire untergegangenen Ideale. Schließlich wurde die im Jahr 1969 in Kalifornien geborene Kara Walker mit Film-Erzählungen im Schwarzweiß des Scherenschnitts berühmt. Sie erzählten von Sklaverei, Diaspora und Ausgrenzung. Nun räumt sie einer dicklichen, verzerrten Queen Vicky immerhin einen Platz am Sockel ein, drumherum fahren mit geblähten Segeln die Schiffe, die auf den Sklavenrouten zwischen Afrika und Amerika verkehrten, und Haifische schwimmen mit weit geöffneten Rachen. Die Routen der Handelsnation machten die einen reich - und bedeuteten für die anderen Qual, Entrechtung, Tod.

Die Bildsprache der Künstlerin war immer darauf angelegt, Abstand zu allen Traditionen der akademischen Kunst zu halten, gerade wenn es ihr um das Zeitalter der Sklaverei ging. Statt dem Grauen in klassischer Zeichenkunst zu begegnen, blieb ihr Strich angelehnt an Karikatur, Comic, Animation. Seit Kara Walker auch als Bildhauerin arbeitet, hat sie diesen Stil in die dritte Dimensionen übertragen: Die mehr als zehn Meter hohe Sphinx aus Zucker, die sie vor einigen Jahren in einer ehemaligen Fabrik in Brooklyn installierte, zeigte die antike Figur als Katzenfrau mit den Zügen einer Schwarzen. Die Brunnenplastik in der Tate Modern ist erkennbar den Zwergen aus dem Disney-Klassiker Schneewittchen verwandt, während die Haifische sowohl Damien Hirsts Formaldehyd-Aquarium zitieren, wie auch die zähnebewehrte Urversion des Kinoklassikers "Der Weiße Hai". Vorbilder für die bauchigen Boote waren Seestücke wie William Turners "Slave Ship". Dass Kara Walker am Bug eines Schiffes, entlehnt aus einem klassischen Seestück, den Namen "Key West" zu "K. West" verkürzt, ist durchaus als Subversion aller Historienschreibung zu verstehen. Die gebrochene Anspielung öffnet sich allen Assoziationen, die im gleichmäßigen Rauschen des Wassers zu sprudeln beginnen.

Kara Walker

Die im Jahr 1969 in Kalifornien geborene Kara Walker wurde mit Film-Erzählungen im Schwarzweiß des Scherenschnitts berühmt.

(Foto: Tate Modern)

Kara Walker: Fons Americanus. Tate Modern, London, bis 5. April. Ein Katalog erscheint demnächst.

© SZ vom 02.10.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite